Andernorts - Tief unten

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Warnungen:

- Sex (I), (II), (III)

- ALLGEMEINE GEWALTWARNUNG - Dieses Kapitel enthält vor allem im letzten Drittel sehr viel Gewalt

Ich starte und beende die gekennzeichneten Bereiche mit den angegebenen römischen Zahlen. Wenn ihr also eine dieser Nummern seht und überspringen wollt, könnt ihr mit der Suchfunktion eures Browsers das nächste Vorkommen dieser Zahl suchen und seit über die Szene hinweg. Ich verwende nichts zweimal, ihr springt also nicht zufällig in eine andere Szene.

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Gehen, oder Bleiben?

Eigentlich war das keine Frage, denn Tarn wollte nicht gehen. Nicht mehr. Er hatte schließlich alles, was er brauchte; seine Ruhe, ein paar Freunde, eine gute Arbeit, die er nicht hasste. Er fühlte sich wohl, verdammt.

Warum dachte er dann so oft darüber nach, wie es wäre, im Frühjahr seine wenigen Habseligkeiten zu nehmen und einfach zu verschwinden?

Die Wahrheit war, dass Linette mit ihren Worten ein tiefes Loch in seine Gedankenwelt gerissen hatte. Natürlich unbeabsichtigt, denn sie schien ihn gern um sich zu haben; das letzte was sie wollte war vermutlich, ihn zu vertreiben. Aber seit dem Tag, an dem sie seinen möglichen Weggang angesprochen hatte, hatte ihn eine Unruhe ergriffen, die er nicht mehr los wurde.

Er erinnerte sich plötzlich, warum er überhaupt geplant hatte weiter zu ziehen. Und hatte sich zwischenzeitlich irgendetwas an diesen Gründen geändert, nur weil er jetzt Freunde gefunden hatte und so etwas wie Zugehörigkeit erfuhr? Nein.

Er lebte eine Lüge, auch wenn er das bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreich verleugnet hatte. Mischa war eine bloße Figur, eine Maske, die Tarn übergestreift hatte wie so oft, wenn er an einem anderen Ort neu angefangen hatte. Eine Maske, die begann ihn zu ersticken. Mischa wurde geduldet, weil Mischa all das verkörperte, was Tarn nicht war; ehrlich, unschuldig, gottesfürchtig. Normal. Und es spielte kaum eine Rolle, dass Eli oder Linette einen Teil der Wahrheit kannten, denn letztendlich wussten sie dennoch nichts über sein wahres Wesen. Was er getan hatte, wo er gewesen war, davon hatten sie keine Ahnung. Sie kannten und mochten Mischa, aber was sie von Tarn gehalten hätten, wer wusste das schon?

Er wollte nicht gehen, weil er nicht das verlieren wollte, was er bereits hatte. Aber was war mit den Dingen, die ihm fehlten? Die außerhalb seiner Reichweite lagen? Liebe, Familie, eine sichere Zukunft, all das gab es nur für Mischa, in einem engen, begrenzten Rahmen. Für Tarn es unerreichbar.

Und dann hätte er sich gern selbst geohrfeigt und gefragt, was er sich eigentlich dabei dachte. Liebe? Er wollte keine Liebe, er hatte nie welche gebraucht

bis Anssi ihm diese merkwürdige Vorstellung davon in den Kopf gesetzt hatte

und er war vor seiner Familie geflohen, immer und immer wieder, also warum sollte er sich so etwas jemals wünschen? Er würde niemals eine Frau oder Kinder haben

aber Jefrem hatte eine Familie, weil er jeden seiner Knechte wie einen Sohn oder Bruder behandelte

Schwachsinn! Die Vorstellung, wie einer dieser Idioten zu klingen, die ihn gevögelt und dann vergessen hatte, die nichts lieber wollten, als dem Rest der Welt Normalität vor zu spielen, machte ihn krank. Das passte nicht zu ihm, hatte überhaupt nichts mit ihm zu tun. Und doch rieb er sich daran auf. An der vagen Ahnung, dass es irgendwo, irgendwie, etwas Besseres als das geben musste. Dass es einen Ort geben musste, an dem er so akzeptiert wurde, wie er war.

Je länger er über all das nach grübelte, desto unwichtiger und lachhafter erschien ihm, dass er sich für einen Moment tatsächlich zuhause gefühlt hatte. Und mit jedem Tag wurde ihm das Leben, das er als Moreaus Lehrling führte, gleichgültiger, erschien ihm die Lüge der Mühe nicht mehr wert. Die Furcht davor, was geschehen würde, wenn jemand die Wahrheit über ihn aufdeckte, verblasste. Zurück blieb kalte Gleichgültigkeit. Leere, von der er gar nicht wusste, wie er sie füllen sollte. Er existierte im Schatten seiner eigenen, begrenzten Rolle, und alles andere lag brach.

Nirgendwo (BoyxBoy)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!