Hört man einen Schuss, gibt es immer zwei Arten von Menschen; Die Eine spielt den Helden und sieht der Gefahr ins Auge, versucht vermutlich noch zu helfen.

Die Andere wiederum rennt schreiend weg.

Zu welcher Art Mensch ich gehöre?

Nun, ich gehöre zu keiner von Beiden. Das ist das Problem. Sobald ich auch nur einen Schuss höre, setzt mein Gehirn aus. Alles um mich herum verschwimmt.

Regulär würde ich jetzt nach meiner Waffe greifen. Jedoch ist da Luke, der auf gar keinen Fall mitbekommen soll, dass ich eine Knarre mit mir herumschleppe.

Ich fasse mir an die Stelle neben meinem Herzen. Meine Panik schnürt mir die Luft zum Atmen ab.
Würde mich Luke nicht in diesem Moment festhalten und auf mich einreden, hätte ich schon längst das Bewusstsein verloren.

Der Schrei, der unmittelbar nach dem lauten Knall folgt, lässt mir Mark und Bein erschüttern. Die Tatsache, dass dieser aus Ellas' Mund gekommen ist, macht die Situation nur noch schlimmer.

,,Hannah!", flüstert Luke eindringlich und schüttelt mich an meiner Schulter.
,,Rühr' dich nicht vom Fleck. Hast du mich verstanden?"

Ich öffne meine Lippen, um sie kurz danach wieder zu schließen. Das Blut rauscht in meinen Ohren und unweigerlich schießen mir Tränen in die Augen.

Luke will gehen, doch ich kralle mich an seinem T-Shirt fest. ,,Nein, bitte lass mich nicht alleine!", wimmre ich und breche in Tränen aus. Es war ein Fehler mit in diesen Wald zu kommen. Ein schrecklich großer Fehler.

,,Sshh Hannah, hör' mir zu", seine Hände umfassen sanft mein Gesicht und zwingen mich dazu, ihn anzusehen. Und tatsächlich beruhigt es mich ein wenig. Soweit man das zumindest so nennen kann.

Mein Atem kommt stoßweise. Mein Herz scheint schon fast aus meiner Brust zu springen, während mir Luke mit seinem Daumen die Tränen wegwischt.

,,Du schaffst das. Ich muss gucken, was da los ist." Er zwingt sich ein Lächeln auf, was allerdings mehr als gequält aussieht.

Es missfällt mir gänzlich, doch ich nicke zögerlich und lasse mich an dem Baumstamm runtergleiten. Nur noch Lukes' leise Schritte, die sich entfernen nehme ich wahr. Dann ist es still.

Kein Schrei. Keine Stimmen, nur mein viel zu lauter Herzschlag ist zu hören.

Ich hätte mit Luke mitgehen sollen. Was ist, wenn Ella etwas zugestoßen ist? Wenn sie angeschossen wurde? Und ich Feigling sitze hinter einem Baum und verstecke mich.

Meine Finger wandern zur Tasche und öffnen vorsichtig die Lasche. Sofort fühle ich den Griff der 38 Kaliber. Ich hole sie nicht hervor, es reicht schon, dass ich den metallischen Griff in meinen Händen halte. Meinen Zeigefinger auf dem Abdrücker.

,,Sie sind weg", flüstert Luke in der nächsten Sekunde, was mich aufschrecken lässt. Mit einem Mal hätte ich fast die Waffe auf ihn gerichtet.

Muss dieser Mistkerl sich auch so anschleichen?!

Mir entfährt ein lautes Schluchzen.
Das kann doch alles nicht wahr sein.
Ich merke, wie sich Luke zu mir runter hockt und eine Hand auf mein Knie legt.

Der eben noch verdrängte 'beinahe Kuss' kommt mir wieder in den Sinn. Warum hat er das überhaupt getan? Und warum hat es mir gefallen? Das sollte es eigentlich nicht. Das darf es nicht.

Schon diese kleine Berührung von ihm macht mich wahnsinnig. Ich fasse mir an die erhitzten Wangen und starre auf den Boden.

,,Wir sollten von hier verschwinden. Sie warten vermutlich an den Autos."
Wie soll ich Luke sagen, dass ich nicht kann? Das ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehe und mein ganzer Körper wie gelähmt vor Angst ist?

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