EINS

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Seit meinem siebten Lebensjahr ist mein Vater mit mir auf der Flucht. Wir hetzen von Stadt zu Stadt, von Schule zu Schule, von Wohnsitz zu Wohnsitz. Sein Job verlangt das so, behauptet er, aber wir wissen beide, dass er lügt. Es liegt nicht an seinem Job, dass wir nirgendwo länger als ein paar Monate bleiben. Es liegt auch nicht an seiner Faszination für fremde Städte oder an seiner großen Abenteuerlust.

Ich weiß genau, woran es liegt, dass er immer weiterzieht.

Ich weiß genau, an wem es liegt.

Aber vor den Toten kann man nun mal nicht davonlaufen.

Aber vor den Toten kann man nun mal nicht davonlaufen


Das neue Zimmer in dem neuen Haus roch nach Farbe. Es war die aggressive Sorte, die einem beim Einatmen das Gefühl gab, sämtliche Nasenhaare wegzuätzen, und ich ging mit schnellen Schritten zum Fenster, um frische Luft hereinzulassen.

Draußen war es schon dunkel. Der Regen trommelte gegen die nassen Scheiben und ein Schwall kalter Luft kam mir entgegen, als ich das Fenster öffnete. Ich spürte, wie der Regen mein Gesicht benetzte, und atmete tief ein. Unter mir lag unser neuer Vorgarten, dahinter die neue Straße mit der neuen Nachbarschaft, und irgendwo dahinter die neue Schule, der ich mich morgen stellen musste. Alles neu.

Ich bereute, mich diesmal nicht stärker gewehrt zu haben.

Der Regen klatschte mir ins Gesicht und die Nässe auf meinen Wangen erinnerte mich daran, wie ich früher oft geweint hatte, wenn wir umgezogen waren – meist genau dann, wenn ich endlich Freunde gefunden hatte. Doch das war nicht mehr als eine Erinnerung. Inzwischen weinte ich nicht mehr, inzwischen versuchte ich, gar nichts mehr zu fühlen. Was man nicht fühlte, konnte man auch nicht vermissen.

Eine Weile blieb ich so stehen und starrte hinaus in die Dunkelheit. Dabei versuchte ich, nicht an Pippa und Franzi zu denken, die ich vor einer Woche zum letzten Mal gesehen hatte und die ich trotz all meiner guten Vorsätze des Nicht-Fühlens mit einer Intensität vermisste, die mich selbst überraschte. Natürlich schrieben wir uns noch, aber ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis uns das Leben dazwischenkommen und sie mich vergessen würden. Es war nicht einfach, Freundschaften aufrechtzuerhalten, die nur knappe sechs Monate gedauert hatten.

Als mir der Wind eine eisige Bö mit kalten Wassertropfen ins Gesicht schleuderte, schloss ich das Fenster wieder. Ich konnte diese Stadt schon jetzt nicht ausstehen. Wir hätten kaum weiter in den Norden ziehen können, ohne auf einer Eisscholle zu leben.

Seufzend setzte ich mich an den neuen weißen Schreibtisch und zog die zerknitterte Liste aus meinem Rucksack.

„Keine Reue, Jo", flüsterte ich mir leise zu und meine Stimme klang seltsam fremd in dem spärlich möblierten Zimmer. Bisher gab es darin nur ein Bett, eine Kommode und diesen nüchternen Schreibtisch mit der blauen Tischlampe. Und so würde es auch bleiben. Ich hatte es aufgegeben, Zeit und Energie in eine gemütliche Einrichtung zu investieren, da wir in ein paar Monaten sowieso wieder die Stadt wechseln und nur das Nötigste mitnehmen würden.

Behutsam strich ich die Liste glatt und starrte darauf. Ich hatte sie vor ein paar Wochen gemeinsam mit Pippa und Franzi begonnen, genau an dem Tag, als Oskar Decker mich zu seiner angesagten Halbjahres-Abschlussparty eingeladen hatte.

Die Überschrift lautete: 17 Dinge, die ich vor meinem 17. Geburtstag tun möchte, weil ich meine langweilige Jugend sonst ewig bereuen würde. Die Idee dafür stammte von Pippas verrücktem Reue-Spiel, das sie sich vor meiner Zeit ausgedacht hatte – angeblich weil Franzi zu oft zu viele Dinge bereute. Damit zog Pippa Franzi immer auf, aber ich glaubte, dass sie es einfach interessant fand, sich zu überlegen, was andere Leute in ihrem Leben oder einer bestimmten Situation bereuten.

Je länger ich mich mit der Liste beschäftigte, desto wichtiger wurde sie für mich. Von den 17 Punkten hatte ich mir bisher zwar erst 13 überlegt, aber ich war fest entschlossen, meine Anti-Reue-Vorsätze nach und nach umzusetzen, wie lächerlich sie auch sein mochten.

Deshalb stand auch Oskar Decker küssen ganz oben auf meiner Liste, gefolgt von: Endlich irgendwo ankommen.

Punkt eins hatte ich nach Oskars Party durchgestrichen, doch angekommen war ich noch immer nicht. Meine Augen flogen über die restlichen Zeilen. Mein siebzehnter Geburtstag war in fünf Wochen und ich hatte noch nicht einmal die Hälfte meiner Anti-Reue-Vorsätze abgehakt.

Einen Joint rauchen.

Von einem Bungee-Kran springen.

Auf ein Konzert von NEBEN gehen.

Einen wahren Freund finden. Das hatte ich in einem sentimentalen Moment geschrieben und jetzt starrte ich darauf und fragte mich, ob Pippa und Franzi diesen Punkt erfüllten. Ich dachte an unser letztes Selfie, als Pippa meine langen blonden Haare wie einen Schnurrbart über ihre Lippen gelegt und Franzi ein Duckface gemacht hatte und wir alle so viel lachen mussten, dass mir hinterher der Bauch wehgetan hatte. In der kurzen Zeit in Wien hatte ich sehr viel Spaß mit Pippa und Franzi gehabt. Wir hatten zusammen „The 100" und „Pretty little liars" gesuchtet, hatten verrückte Kochexperimente durchgeführt, Zeitschriften gelesen und Musik gehört, bei der Pippa immer viel zu laut mitgesungen hatte.

Seufzend ließ ich meinen Blick weiter über die Liste gleiten. Es gab so vieles, was hier noch offen war, und einiges, das sich nur schwer erreichen ließ oder für das ich mich schlicht nicht mutig genug fühlte.

„Keine Reue", flüsterte ich erneut, denn ich hasste das Gefühl, zurückzublicken und zu denken, etwas versäumt zu haben. Reue schien allgegenwärtig zu sein, nicht nur bei mir. Ich sah sie in den Gesichtern der Menschen, sah sie jeden Tag auf den Zügen meines Vaters, der noch immer vor dem Tod meiner Mutter davonlief, und den die Reue innerlich auffraß. Ich hatte keine Lust, so zu enden.

Gedankenverloren strich ich mit den Fingerspitzen über das silberne Medaillon, das ich um den Hals trug. Das ovale Schmuckstück mit den filigranen, verschnörkelten Verzierungen hing an einer zarten Kette und schmiegte sich sanft an meine Brust. Ich hatte es von meiner Mutter geerbt, die es wiederum von ihrer Tante Leonore vermacht bekommen hatte. Die Eltern meiner Mutter waren sehr früh gestorben und meine Mutter war deshalb bei meiner Großtante aufgewachsen, die ich selbst nicht mehr kennengelernt hatte. Aus Erzählungen wusste ich nur, dass sie ziemlich esoterisch veranlagt gewesen sein musste und viel von der eigenen inneren Kraft gehalten hatte.

Vorsichtig öffnete ich das Medaillon. Auf der einen Seite war der Satz „Der Schlüssel liegt in dir" eingraviert und auf der anderen Seite befand sich das Foto meiner Mutter. Sie war eine sehr schöne Frau gewesen, und auch wenn ich ihre langen blonden Haare und die großen braunen Augen geerbt hatte, konnte ich mit ihrem entwaffnenden Lächeln nicht mithalten. Für einen Moment lächelte ich zurück, doch dann zog wieder die Schwere ihrer Abwesenheit an mir und drohte mich beinahe zu erdrücken. Schnell schloss ich das Medaillon.

Dann setzte ich die Spitze des Füllers auf das Papier und schrieb auf, was mir spontan in den Sinn kam:

Nicht in der Erinnerung leben. Nach vorn sehen.

Selbst wenn dieses Vorn ein beschissener erster Tag in einer neuen Schule war.

17 - Das erste Buch der ErinnerungLies diese Geschichte KOSTENLOS!