Der Zahnarzt

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Wie kleine Perlen reihten sie sich an ihren perfekten Lippen entlang auf, wenn sie jetzt auf seinen Witz hin lachte. Ein so wunderschönes, weißes Lächeln und er merkte, dass sie nicht Nein sagen würde, wenn er sie mein Date bat. Eine Traumfrau, die er gerne an seiner Seite hätte, doch er konnte es nicht wagen. Es war zu gefährlich für sie. Dass er das dachte, zeigte eigentlich nur, wie sehr er sie wirklich mochte. Doch es würde nicht reichen, damit er ihr nicht weh tat. Es würde nie genügen, um das Monster in ihm zu bezwingen.

Also nahm er nur verlegen den Becher aus der Hand der Patientin, eine kleine Geste, für die ihn seine Assistentin bestimmt später tadeln würde: Herr Doktor, das ist doch meine Aufgabe! Aber stattdessen kicherte sie und konnte sich nicht verkneifen zu kommentieren, dass es ja gut wäre, dass an den Zähnen der Patientin noch einiges zu tun war, und sie in den nächsten Wochen noch häufiger vorbeikommen würde.

Das Monster kroch langsam aus der Ecke in seinem innersten hervor, in die er es tagsüber verbannte. Er merkte es erst an einem leichten Zittern der Hand und dann an seiner Stimme, die von Minute zu Minute schärfer wurde und Kleinigkeiten kritisierte, über die er noch am Morgen hatte hinwegsehen können. Und als dann seine Assistentin kurz vor Feierabend noch einmal mit der Patientin anfing, die ihn am Vormittag an den Rand seiner Selbstbeherrschung gebracht hatte, konnte er sich kaum halten. „So schöne weiße Zähne, aber eine Nuance könnte sie sie ruhig noch aufhellen lassen. Dann müsste sie auch einmal mehr kommen", sagte sie mit einem Zwinkern in seine Richtung. Mehr Weiß ging nicht, bei mehr würde er ...

Er riss seine Jacke vom Haken, murmelte ein „auf Wiedersehen" und stürmte hinaus. Auf zum Stadion. Zum Glück war heute ein Spiel.

Im Rausch der Menge konnte er endlich wieder durchatmen. Zwischen Begeisterung und Enttäuschung fieberte er mit, sog die Energie der Fans in sich auf. Oder war es doch sein inneres Monster? War das überhaupt er selbst? Das Monster drückte diese Gedanken herunter und setzte an ihre Stelle erwartungsvolle Vorfreude auf das, was bald kommen würde. Nicht ohne Grund saß er immer an der strategisch richtigen Stelle, zwischen den feindlichen Fans, denen, die für die Gegenseite jubelten. Er beobachtete sie ganz genau.

Seine Augen glitten über die Rücken, trennten sorgfältig zwischen Männern und Frauen, den vernünftigen und den aufbrausenden, den Cliquenmenschen und den Einzelkämpfern. Die Augen waren geübt, jahrelang trainiert und fanden inzwischen fast jedes Mal das, was sie suchten. Sein inneres Monster war sehr zufrieden. Heute wird es richtig Spaß machen, sicher nicht einfach werden, aber das sollte es ja auch nicht. Er hatte den perfekten Kandidaten gefunden. Noch mehr Glück, denn er ging jetzt alleine auf Toilette. Der Doktor folgte ihm, unauffällig, band sich noch im Gehen den blau-weißen Schal um, der einen so eingefleischten Fan provozieren würde, rempelte ihn wie zufällig erst bei den Klos an und dann ein zweites Mal, etwas stärker, am Hotdog Stand. Perfekt, der Ketchup war auf der gelb-schwarzen Fahne gelandet, die sich der Mann umgebunden hatte. Perfekt, er blieb ruhig, griff den Doktor nicht an, auch wenn der Hass und die Wut schon in ihm hochkochten, und fast aus seinen Augen sprangen. So mochte es das Monster besonders: einen starken Gegner, der sich am Anfang noch im Griff zu haben schien und dann in dem Moment, auf den es hin fieberte, ausrastete.

Zurück in den Zuschauerreihen ließ er ihn jetzt keine Sekunde mehr aus den Augen. Mit jedem Scheitern der Feindseite wuchs die Erregung des Monsters mehr. Tage wie diese waren die besten: Die Fußballer lieferten ihm Vorlagen, die sein Opfer genau an den Punkt bringen würden, an dem es es haben wollte. Ein nur ganz knapp verpasstes Tor. Ein Schiedsrichter, der nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Eine Verletzung des besten Spielers.

Und dann war es endlich soweit. Das Spiel zu Ende. Verloren. Nach einem harten Kampf, so knapp.

Der Mann mit der gelb-schwarzen Fahne frustriert auf dem Heimweg.

Der Doktor, jetzt wieder mit dem blau-weißen Schal, hinter ihm. Er folgte ihm, strich sich im Gehen seine schwarzen Lederhandschuhe über, rempelte ihn noch einmal an, grinste süffisant und bekam seine Bestätigung: „Spar dir bloß dein Scheißgrinsen". Das Monster wusste, die Spiele hatten begonnen. Nein, sie waren schon in vollem Gange. Jeder Blick, den er ihm zuwarf, auf dem Weg zur Haltestelle, im Bus, beim Aussteigen. Das war reine Provokation. Sie wirkte. Von Minute zu Minute verlor der Mann mehr seine Beherrschung und dann, fernab von Menschen, in einer Gasse im Zwielicht, setzte das Monster den einen entscheidenden Satz ab, der das Fass zum überlaufen brachte. Die reine Wut packte den Mann und er stürmte auf den Doktor zu. Der Doktor wich aus, vorsichtig, um nicht zu früh zu zeigen, dass er ein gut trainierter Boxer war. Den ersten Schlag steckte er einfach so ein. Der Mann sollte sich sicher wiegen, an seinen Sieg glauben. Er spürte wieder die Vorfreude, ließ sie durch jede seine Adern fließen, genoss das Adrenalin und auch den Schmerz, der seinen Magen durchzuckte als die Faust ihn traf. Dann noch ein Schlag und noch einer.

Endlich war es soweit: Das Monster schlug zurück, mit jeder Sekunde ein bisschen überlegener, ein bisschen weniger zurückhaltend, bis er die Angst in den Augen des Mannes sah, als er realisierte, wen er da vor sich hatte. Das er in eine Falle gelockt worden war. Doch da war es schon zu spät, er war auf einen perfekt trainierten Boxer hereingefallen und es gab kein Zurück mehr für ihn. Das Monster wollte Blut, wollte das platzen von Haut an Lippen hören, wollte sehen, wie die weißen Zähne von Rot benetzt wurden, wollte immer weiter bis zum Höhepunkt: Ein leises Krachen, wenn sich die Wurzel nicht mehr halten konnte, nachgab und der Zahn für alle Ewigkeit sein Platz verließ. Ein Zahn, an guten Tagen ein zweiter Zahn und an ganz großartigen Tagen schlug das Monster einen dritten Zahn aus. Weiter ging es selten, sein Opfer musste am Leben und klar genug bleiben, um die Schmerzen die es ihm hinzugefügt hatte, vollends zu erleben.

Manchmal bedauerte das Monster, dass es nicht dabei sein durfte, wenn die Zähne wieder gerichtet wurden und ein Kollege die Schäden beseitigte. Doch ab und an hatte der Doktor Glück. Dann kam jemand zu ihm in die Praxis, mit den Spuren einer Schlägerei, den Mund gezeichnet von Fäusten. Er genoss diese seltenen Momente und malte sich den Kampf in jedem einzelnen Blutstropfen aus, während er die weißen Prachtstücke wieder an die richtige Stelle schob oder ersetzte. Und kaum waren sie fertig, strahlte ihn wieder eine perfekte weiße Zahnreihe an, flüsterte das Monster „Schlag zu, färbe sie rot."

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