"Willst du mir ein paar Geschichten erzählen?", fragt Angus, nachdem ich mich wieder ein wenig beruhigt habe. Er hat mir schon ein Taschentuch und ein Glas Wasser aus dem Badezimmer gebracht. Ich nicke und schlage wieder das Buch auf. "Ich weiß, es gehört sich nicht in den Sachen von anderen Leuten rumzuschnüffeln und auch erst Recht nicht es mitzunehmen, aber das Buch ist mir regelrecht in die Hände gefallen. Und ich glaube, ich komme auch drin vor, also ist es okay, oder?"
"Ja, dann ist es okay.", ermutigt mich Angus.
"Also schön." Ich überspringe die Seite mit dem Zitat und muss über das erste Bild grinsen. "Das sind Dean und Aidan. Aidan ist der Freund, von dem ich erzählt habe. Und Dean ist sein bester Freund und ich mag ihn auch sehr gerne. Die beiden sind echt unzertrennlich, obwohl Dean am anderen Ende der Welt wohnt. Er ist übrigens mit meiner besten Freundin verheiratet. Oder jedenfalls mit meiner ehemaligen besten Freundin. Ich weiß nicht, ob das jetzt noch so ist."
"Es ist ein schönes Bild. Erinnerst du dich, wann das aufgenommen wurde?", möchte Angus wissen und lächelt gutmütig, als er sich Dean und Aidan ansieht, die den Arm um die Schulter des anderen gelegt in die Kamera lachen. "Ja, ich glaube schon. Das war letztes Jahr im Juli. Eigentlich keine so schöne Zeit. Aber an dem Tag war ich mit Aidan und Dean unterwegs gewesen und wir sind auf so einen kleinen Jahrmarkt in Wellington gegangen. Aidan und ich haben glaube ich zusammen fünf Zuckerwatten gegessen. Gott, was war mir danach schlecht. Und da gab es diesen uralten Rollercoaster, der hatte so einen total bescheuerten Namen. Warte, wie hieß der nochmal? Ich wollte es mir unbedingt merken. Ich glaube, ich habs mir sogar aufgeschrieben."
"The nasty Nichell snake?", unterbricht Angus die nachdenkliche Stille.
"Ja, genau. The Nasty Nichell snake. Woher weißt du das?"
"Ach, einfach so ins Blaue geraten. Und das nächste Foto? Das sieht ja auch sehr schön aus.", meint Angus und blättert um.
"Oh ja, das ist noch gar nicht lange her. Da waren Aidan und ich im Zirkus im Hydepark." Sofort schwelge ich in Erinnerungen an den Märztag, an dem es so kalt war, dass Schnee fiel.
Ich laufe eingepackt in meinem blauen Mantel und einem Schal zu Aidans Haustür. Ich habe noch nicht geklingelt, da öffnet er die Tür und steht in Pyjama und Tupperschüssel voll Teig vor mir. "Shay? Was machst du denn so früh hier?"
"Früh? Wir haben halb drei!", sage ich und drücke mich an ihm vorbei ins warme Haus. Er lehnt sich nach vorne, um mir einen Kuss auf die Wange zu geben, doch schreckt wieder zurück, als hätte er etwas in meinen Augen gesehen, dass ihn davon abhält. Ich versuche nicht länger daran denken zu müssen, dass er mich nicht geküsst hat und stapfe meine Stiefel ab. Auch Keks kommt jetzt in den Flur getrottet. Er scheint genauso müde wie sein Herrchen zu sein und gähnt erst einmal. "Auch guten Morgen, Keks. Was habt ihr denn gemacht, dass ihr jetzt noch so müde seid?", frage ich lachend und ziehe mir den Schal aus. Aidan zuckt mit den Schultern. "Ach, da kam doch dieser Fast & Furious Marathon gestern Nacht im Fernsehen und ich hatte noch so viel Kaffee und Popcorn übrig, da haben wir das voll durchgezogen bis heute morgen um acht, was Keks?", erzählt Aidan etwas zu stolz und wuschelt seinem Hund über den Kopf. Ich schüttel lächelnd meinen Kopf und luke in die Schüssel in seinen Armen. "Okay, okay. Ein Fast & Furious Marathon. Das darf man sich natürlich nicht entgehen lassen. Aber was bist du da eigentlich am mixen?"
"Brotteig.", nickt Aidan immer noch stolz. "Wollte ich schon immer mal machen."
"Und warum ausgerechnet heute?"
"Weil ich gedacht habe ich lade dich zum Frühstück ein mit selbst gebackenen Brot. Aber dafür ist es wohl ein bisschen zu spät." Er fährt sich durch die Haare und grinst mich verlegen an. Mein Herz schlägt plötzlich schneller und als ich in seine Augen sehe, würde ich ihm am liebsten um den Hals fallen. Aber mal wieder bewahre ich meine Fassung und grinse nur zurück. "Wie süß von dir. Aber von mir aus kannst du mich immer noch zum Frühstück einladen, egal wie spät es ist." Sein Grinsen wird breiter und er nimmt meine Hand, um mich mit ihm in die Küche zu ziehen. Da machen wir den Brotteig zu Ende und mein Pullover ist danach von oben bis unten mit Mehl eingesaut. Aber auch Aidan sieht nicht besser aus. Auf seiner Hose klebt Hefe und in seinen Haaren Mehl. Wir sehen uns gegenseitig an und fangen an zu lachen. "Ich glaube, wir haben mehr Mehl an uns, als der Teig.", sagt er. Ich nicke. "Das glaube ich allerdings auch."
"Der Teig muss jetzt noch ein paar Stunden gehen bevor wir backen können. Das Frühstück muss also noch ein bisschen warten.", meint Aidan und versucht die Hefe von seiner Hose zu bekommen. Ich fahre ihm kurz durch die vermehlten Haare und seufze gespielt. "Wie schade aber auch. Ich habe nämlich schon gefrühstückt im Gegensatz zu dir Mister Ich-bleibe-bis-8-Uhr-auf-weil-TheRock-im-Fernseh-kommt"
"Hey, Dwayne The Rock Johnson ist eine sehr gute Ausrede dafür.", lacht er und stellt sich vor mich, die Hände an die Küchenablage neben meine Hüften gestützt. Ich spüre seinen Atem auf meiner Haut, die warmen, braunen Augen, die mein Gesicht inspizieren. Ich werde rot. "Na schön, na schön. Ich bin ja auch schon für weniger länger wach geblieben, also nehme ich dir das mal nicht krumm."
"Oh, wie gnädig.", lacht er. "Tja, so bin ich.", antworte ich und zucke mit den Schultern. "Wusstest du eigentlich das Rapunzel und Flynn Flitterwochen in Arendell machen?"
"Was?", fragt er immer noch lachend. "Ja, ich habe letztens einen Post gesehen. Voll cool, oder? Rapunzel bei Elsa. Meine zwei Lieblingsprinzessinnen zusammen. Ich meine, das ist auf jeden Fall logischer als das Tarzan der Bruder von Anna und Elsa sein soll."
Sein Lachen wird leiser und er lehnt sich immer weiter vor. "Shay", seufzt er. Er ist mir mittlerweile so nah, dass sich unsere Wimpern und Nasenspitzen berühren. "Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du unmöglich bist?"
"Nö, war..." Doch weiter komme ich nicht, denn da hat er schon seine Lippen auf meine gelegt und küsst mich zärtlich. Er schmeckt leicht nach dem Teig, Zigarttenrauch und Pfefferminze. Ich rieche sein James Bond Parfüm, fühle seine dichten Locken zwischen meinen Fingern. Viel zu schnell löst er sich von mir und ich sehe beschämt auf den Küchenboden. Es ist immer wieder komisch, wenn wir uns küssen. Und dennoch vermisse ich seine Lippen bereits jetzt, immer wenn sie nicht bei mir sind. Ich glaube, wir wissen beide nicht was mit uns los ist. Warum wir uns so verhalten, wie wir es tun. Warum wir nicht einfach glücklich sind und uns eingestehen, was schon so lange in der Luft liegt.
Doch Aidan räuspert sich und unterbricht damit die peinliche Stille. "Tut mir leid. Diesmal wars meine Schuld."
"Es muss dir nicht leid tun", sage ich einfühlsam und greife seine Hand. "Bitte alles, aber es muss dir nicht leid tun." Ich blicke ihm fest in die Augen und ringe mir ein Lächeln ab, das er erwidert. "Willst du anstatt von dem Brot vielleicht ne Pizza?", schlägt er dann vor und ich nicke. "Nichts lieber als das."
Und so sitzen wir auf dem Boden in seinem Wohnzimmer und hören ein Album von Flogging Molly, das wir beide fast auswendig können. Ich kugel mich bereist lachend zusammen, während Aidan mit seinem starken irischen Akzent und der verstellten tiefen Stimme weiter vor sich hin trällert: "I'll be here when it all gets weird. If I ever leave thiiiis world alive." Er fängt an Luftgitarre zu spielen und zeigt dann auf mich. "Komm, sing wieder mit!" "Ich.... Ich kann nicht!", lache ich und er spielt weiter auf seiner imaginären Gitarre. Doch für die Bridge rappel ich mich wieder auf und wir singen so laut wie wir nur können mit. "So when in doubt just call my name, just before you go insane. If I ever leave this world, hey yo I may never, but if I ever leave this world alive. She says I'm okay, I'm alright. Don't you have gone from my life. You said that it would, now everything should be alright." Wir brüllen zwar nur anstatt zu singen, aber das ist uns egal. Aidan spielt weiter Gitarre und ich fuchtel mit meinen Händen in der Luft, was bei mir gleichbedeutend mit Tanzen steht. Nachdem der Song vorbei ist fallen wir beide lachend auf den Boden und schauen an die weiße Decke. "Ich weiß, wer von uns beiden unmöglich ist.", stelle ich fest und sehe mir Aidan an. "Ich habe nie gesagt, dass ich es nicht bin.", zwinkert er und steht wieder auf. "Warte, wo willst du hin?", frage ich fast schon panisch. "Na, mich umziehen. Du wolltest doch in den Zirkus!" Ich bleibe kopfschüttelnd stehen und schaue ihm hinterher, frage mich, wie man so wunderbar sein kann wie Aidan. "Oder du nimmst mich in der dreckigen Jogginghose mit!", ruft er noch. "Immer.", flüster ich.

Es wird schon dunkel, als wir dann auch mal endlich an unserem geplantem Ziel, dem Hydepark, ankommen. Es liegt eine dünne Schicht Schnee auf dem gefrorenen Boden und nur ein paar Maiglöckchen bahnen sich noch einen Weg durch die weiße Decke. Das Zirkuszelt funkelt beleuchtet zwischen den dicken Bäumen hervor und Aidan legt an Tempo zu, als auch er es gesehen hat. "Die haben doch eh zu.", lache ich und hechte ihm hinterher. "Na und." Mit diesen Worten ist er über den kleinen Absperrzaun gesprungen und winkt mir von der anderen Seite zu. Perplex bleibe ich stehen. "Was jetzt? Kommst du oder willst du da Wurzeln schlagen?", sagt Aidan und dreht sich um. Also kletter auch ich so elegant wie möglich für mich (das ganze glich dann eher einem Elefant auf dem Schwebeseil) über die Absperrung und renne ihm hinterher. "Aidan, warte. Das ist doch bestimmt verboten"
"Na und?", wiederholt er und schaut mich verschmitzt von oben an. Bevor er den Vorhang zum Zirkuszelt zur Seite zieht nimmt er meine Hand. "Du hast doch keine Angst, oder?"
"Angst? Ich?" Stolz halte ich ihm mein Handgelenk unter die Augen, auf dem "fearless" tätowiert steht. Über die wahre Bedeutung von diesem Fearless gehe ich jetzt nicht näher drauf ein und Aidan scheint überzeugt zu sein, so wie er mich anguckt. "Na schön, Mrs Marchand, willkommen bei ihrer ganz persönlichen Zirkusvorführung!" Damit zieht er das Zelt ein wenig zur Seite und schlüpft mit mir hinein. Es ist warm hier drin, zwar dunkel, aber warm, was eine schöne Abwechslung ist zu der Kälte draußen. Aidan führt mich über die Bänke in die Manage. Ich muss lachen, als er sich vor mir verbeugt und seinen nicht vorhandenen Zirkusdirektorzylinder zieht. "Herrrrzlich Willkommen im Zirkus Turner. Spenden sind nach der Show gerne willkommen und werden vom Direktor - das bin ich - Persönlich eingesammelt. Und nun, lehnen Sie sich zurück, entspannen Sie sich und genießen Sie diese einzigartige Show!" Ich halte mir die Hand vor den Mund und Aidan verschwindet hinter dem Eingang zur Manesche, bis plötzlich ein paar Scheinwerfer angehen und Musik ertönt. Es ist irgendein griechisches Volkslied und keine halbe Minute später kommt Aidan wieder in die Manege gehüpft. Er hat sich seine dunkelblaue Winterjacke umgebunden und tanzt Tsertaki vor mir. "Ich wusste gar nicht, dass du das kannst.", lache ich. "Ich auch nicht.", meint er und hüpft noch ein letztes Mal extra hoch und schlägt dabei die Füße zusammen, bevor er auf mich zukommt und mir seine Hand reicht. "Wenn ich bitten darf." "Bitte nicht", sage ich, dabei weiß ich, dass es jetzt kein zurück gibt. Schon hat er mich gepackt und ich wirbele mit ihm durch die Manege. Wir drehen uns und springen wie Verrückte hin und her, sein Lachen klingt in meinen Ohren und ich lege meinen Kopf auf seine Schulter. Er scheint so unermüdbar, stark und lebendig. Als würde er mir Leben schenken, mich genauso stark machen. Das Lied ist schon längst vorbei, doch er tanzt immer noch mit mir, möchte gar nicht aufhören, sich zu drehen, als würden wir so irgendwann abheben und fliegen können.

"Hey! Wer ist hier!?", ertönt plötzlich eine Stimme aus dem Hintergrund. "Fuck.", flüstert Aidan und zieht mich an seiner Hand weg. Wir rennen quer durch das Zelt so schnell wir können. "Hallo?! Was macht ihr hier! Kommt zurück!" Doch das machen wir natürlich nicht, sondern rennen weiter, wobei Aidan mich dabei eher zieht, weil ich selbst nicht mehr kann. Die Kombination von Lachen, Tanzen, Rennen und dann Rennen und dabei Lachen ist bei mir nicht die beste. Der Typ aus dem Zirkus scheint uns zu verfolgen, denn als ich mich kurz umdrehe, sehe ich einen Mann in schwarzrotem, glitzerndem Kostüm uns hinter her stürzen. Ich lache nur lauter und renne so gut ich kann hinter Aidan, bis wir in einer sicheren Menschenmenge verschwunden sind und kurz durchatmen können. "Ich... Ich kann nicht mehr.", schnaufe ich und stütze meine Hände auf den Beinen ab. Aidan atmet tief durch. "Das hat Spaß gemacht.", sagt er. Ich schaue zu ihm hoch. Seine braunen Augen glitzern. "Find ich auch."

All I ever feel (Aidan Turner ff)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!