Nach einer gefühlten Ewigkeit, stehe ich immer noch wie angewurzelt auf der Stelle. Erwidere nicht die Umarmung einer ehemals sehr guten Freundin, auch wenn ich es so sehr möchte.

Vermutlich gleicht mein Gesicht gerade  eher dem eines Geistes, denn ehrlich gesagt, habe ich nicht damit gerechnet, Sara jemals wieder zu sehen.

Ich überlege, was ich sagen soll, doch meine Zunge scheint Tonnen schwer zu sein. Meinen Mund bekomme ich einfach nicht auf. Tyren bemerkt meine Hilflosigkeit und schon das zweite Mal an diesem Tag, bin ich ihm dankbar für seine Hilfe.

,,Hey, ich glaube, du musst sie mit jemandem verwechseln. Das ist Hannah und nicht Viki", sagt er vorsichtig, jedoch höre ich deutlich die Unsicherheit in seiner Stimme heraus.

Sara lässt mich zögerlich wieder los und mustert mein Gesicht genauestens durch ihre bernsteinfarbenen Augen. Sie sieht mindestens genauso ungläubig aus, wie ich.

,,Du heißt Hannah?", fragt sie skeptisch und beißt sich peinlich berührt auf ihre Unterlippe.

Mein Herzschlag beschleunigt sich. Verdammt, ich will sie nicht anlügen, aber eine andere Wahl habe ich wohl nicht.

Unsere Mädelsabende schießen mir in den Kopf. Wie wir stundenlang über irgendwelche Typen gesprochen haben. Wie Sara mich getröstet hat, wenn es mir mal schlecht ging, ohne weitere Fragen zu stellen. Sie mich einfach still in die Arme genommen und so lange gehalten hat, bis es mir wieder besser ging.

Ein dicker Klos bildet sich in meinem Hals.

,,Tut mir leid, aber du scheinst dich wohl vertan zu haben. Ich kenne dich nicht.." , kommt es trocken über meine Lippen. Wenn mein Herz nicht gleich langsamer schlägt, dann bekomme ich noch einen Herzinfarkt.

Etwas enttäuscht blickt sie mir in die Augen: ,,Oh Gott, sorry, ich kannte mal jemanden, der sieht dir total ähnlich. Ich wollte dich nicht belästigen."

,,Schon gut." Ich zwinge mir ein Lächeln auf, das mir kläglich misslingt. Sara streift sich eine ihrer wüsten Locken hinter die Ohren, wirft uns noch ein letztes: ,,Ich werde dann wohl mal gehen", zu und rauscht mit gesenktem Kopf ab.

Mit einem Puls von gefühlten 200, atme ich laut aus. Versuche die Hitze und Anspannung von mir abzuschütteln. Wenn das Scott hört.

WENN er es hört..

Solange Sara mich in Ruhe lässt und nicht anfängt Fragen zu stellen, braucht er nichts davon zu erfahren.

,,Das war vielleicht komisch..", stellt Tyren fest und lacht. Mein Körper verkrampft sich wieder ein bisschen. Was Tyren sich jetzt wohl denkt?

,,Sie war ja ziemlich überzeugt davon, dass du diese Viki bist."

,,Ja, haha, echt verrückt", lache ich gequält, schaue ihn dabei jedoch nicht direkt an. Nachher bemerkt er noch, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Vielleicht glaubt er es ja bereits?

Nein, Hannah. Keine Panik.

,,Ich muss jetzt auch los. Ich kann nicht wieder zu spät kommen. Danke nochmal." , sage ich schnell und knete nervös meine Finger.

,,Immer wieder gerne", entgegnet Tyren und zieht mich unerwartet in eine Umarmung. Keine innige. Eine rein freundschaftliche Umarmung, die ungewohnter Weise ganz gut tut. Es ist, als ob die ganze Anspannung der letzten paar Minuten von meinem Körper abfällt.

Ich atme sein Parfum ein, gefolgt von einem Duft, ähnlich wie Weichspüler. Es mag sich vielleicht komisch anhören, aber er riecht schon ein wenig, wie frisch gewaschene Wäsche.

Zeugenschutzprogramm (#Lichteraward2017)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!