Anfang

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Jede Geschichte beginnt mitten im Leben,

meistens dann, wenn niemand sie erwartet.

Nimm dich in Acht, mein Kind,

denn es gibt solche, welche die Wahrheit sagen.

Wind zerrte an den Bäumen von Ravan. Donnern im pechschwarzen Himmel ließ die mächtigen Wände der Burgstadt Haguz Bri-las in ihren Fundamenten erschüttern. Das Volk der Bridônen erhoffte sich im Inneren der Mauern seit Jahrhunderten Schutz, allerdings in dieser Nacht vermochte kein Einwohner die Augen zu schließen und friedliche Ruhe zu finden. Erbarmungslos tobte die Natur ihre Kräfte über den Wipfeln Ravans aus und der Wald glich einem tosenden Meer.

Zwölf Reiter hetzten ihre Pferde im kopflosen Galopp über die Wege. Keiner der Männer hatte je so ein Unwetter in Ravan erlebt. Das panische Wiehern der Rösser ging im Tosen der Winde unter. Die gebeutelten Baumstämme ächzten und es schien als würden sie unter entsetzlichen Qualen zu schreien. Jeder Befehl oder Ruf war sinnlos, denn die Stimmen der Männer wurden vom ungebärdigen Sturm im Mund zerdrückt. Drei Tage lang waren die Reiter bereits unterwegs und das Wetter hatte sich zunehmend verschlechtert. Sie waren am Ende ihrer Kräfte, doch ihre Reise konnte kein klareres Ziel haben: die gefallene Königin so rasch wie möglich zurück in ihre Burg zu bringen. Ob dort eine Rettung ihres Lebens zu erhoffen war, blieb zweifelhaft. Doch es ward so entschieden worden, denn die Heiler und Chirurgen im Lager der königlichen Armee wollten die Verantwortung nicht übernehmen, die Königin unter ihren Händen sterben zu sehen. Hilfe und Schutz an Tagen wie solchen im Wald zu erhoffen, war zwecklos, und ein Befehl war ein Befehl.

Die Kämpfe gegen die Unih trugen sich an der Front ohne Unterlass aus. Der König konnte die Sicherheit seiner Gemahlin in solcher unmittelbaren Nähe des Feindes nicht gewähren. Und alte Traditionen zwangen die mächtigsten Männer zu absurden Entscheidungen. Die Abordnung der Reiter war gesandt worden, um die schwerverletzte Loris zurück nach Haguz Bri-las zu schleppen. Zwei Pferde waren bereits gestürzt und was aus den Männern geworden war, wusste niemand. Weder Fackel noch Lampe konnten diesem Wetter standhalten, die Männer waren gezwungen in der wilden Finsternis weiterzureiten und ihre Pferde hart anzutreiben. Die Wipfel der Bäume wirbelten hoch über ihren Köpfen in einem irrsinnigen Tanz, das Brausen des Sturms war begleitet vom unablässigen Ächzen und Krachen der Äste und Stämme. Mit einem verhängnisvollen Bersten stürzten Bäume über den Weg und begruben die vorderen Reiter unter sich. Der Befehlshabende der Gruppe zerrte verzweifelt am Zügel seines Rosses und zwang es dazu, nicht auszubrechen. Er brüllte und fluchte vor Angst und Schrecken. Es war unmöglich abzuschätzen, wer von den Begleitern ihrer wertvollen Fracht diesen gefährlichen Weg überleben würde.

„Das ist der Untergang der Welt!", hörte er seine eigene Stimme wie fremd in seinem Kopf. Die Außenwelt tobte so laut, dass die anderen seine Worte nicht hören konnten. Er wandte sich zu denen, die an seiner Seite ritten und jenen die hinter ihm waren. Mehr als vier Schatten konnte er nicht erkennen. Wo waren die anderen? Die Königin musste noch im Sattel von einem der Männer gehalten werden. Sie waren gezwungen, umzukehren und einen anderen Weg einzuschlagen. Insgeheim zählten die Männer auf den siebten Sinn ihrer Reittiere und das sie sich endlich nah genug an der Burgstadt befanden. Die Pferde würden hoffentlich trotz der üblen Finsternis und dem chaotischen Sturm den Weg zurück in ihre schützenden Stallungen finden.

Dieser apokalyptische Sturm hielt seit Tagen an. Es hatten sich schwarze Wolken am helllichten Tag im Osten gesammelt, drohendes Grollen und peitschende Blitze waren die Vorboten des ungeheuerlichen Unwetters gewesen. Die Prinzessin Céthis hatte diesen Ablauf vom Turmfenster aus beobachtet, bis Kammerfrauen gekommen waren und sie in ihr Gemach allerhand Geschosse tiefer begleitet hatten. Dort hatte sie gewartet und wie gebannt das tobende Wetter hinter den verschlossenen Fenstern verfolgt. Das siebenjährige Mädchen betrachtete aus großen blauen Augen das Funkeln der Blitze hinter den farbigen Glasscheiben. Es war ihre Mutter gewesen, die es veranlasst hatte, im Wohnsitz ihrer Familie die Fenster mit bunten Scheiben zu versehen. Ein Wissen, welches sie von ihrem Clan mitgebracht hatte und in den letzten Jahren zu einer großen Mode wohlhabender Familien geworden war. Céthis überlegte, welche Magie in diesem durchsichtigen Material wohl stecken mochte, weil viele Menschen so geheimnisvoll von den Fenstern der Königin sprachen. Andere verabscheuten diese Erneuerung und sagte, die Königin würde zu viel Geld für fremdes Zeug aus Ravan ausgeben. Céthis verzog spöttisch ihren Mund und dachte, von welchen Dummköpfen sie doch umgeben war, Ravan war ihr eigenes Land. Sie konnten stolz auf ihre Wunder sein. Allerdings hatte die Prinzessin bereits in ihren jungen Jahren begriffen, dass ihre Eltern wohl Herrscher über Ravan waren, die Bridônen bewohnten Haguz Bri-las, während andere Menschen im Wald lebten. Loris war dort geboren, fühlte sich aber nicht mit den Bridônen verbunden. Das Mädchen schluckte mühsam und verdrängte die Tatsache, dass es sehr durstig war. Ihre vollen Lippen, die stets ein wenig provokant und schmollend unter ihren aufmerksamen Augen prangten, waren rau und spröde von der langen Wartezeit. Sie hatte sich in den letzten Tagen geweigert, jede Pflege von den Kammerfrauen anzunehmen und war in den Turm am Ostwinkel des Schlosses geflüchtet. Von dort konnte sie den Verlauf des Wetters besonders gut sehen, aber ihr war von selbst klargeworden, wie gefährlich es war, dort weiter auszuharren, wobei sie ein untrügliches Schwanken und Beben in den steinernen Wänden vernehmen konnte. Der Turm konnte jeden Augenblick von einem Blitz getroffen werden. Céthis wollte sich einreden, dass sie keine Angst vor dem Tod habe, aber sie wartete darauf, dass dieses Unwetter endlich zu Ende ginge. Wenn dieser Turm stürzen sollte, wollte sie mit ihm fallen, denn sie glaubte nicht mehr an die Rückkehr ihrer Mutter.

Die Chroniken aus Ravan I - Im Sturm der Nacht - Leseprobe -Lies diese Geschichte KOSTENLOS!