EINUNDDREISSIG.

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Ein Mädchen kreischte. Es fühlte sich an wie ein Déjà-Vu. Wie vor ein paar Minuten, als diese andere Ische an mir vorbeigelaufen war.

Wieder stritten sich zwei, und das Mädchen rannte vor dem Typen weg und entriss ihm ständig seinen Arm. Ich fragte mich echt, wieso die eigentlich alle ihr Liebesleben nicht auf die Reihe brachten.

Und dann dachte ich an mein eigenes, und hörte lieber auf, daran zu denken. Ich sollte es nicht. Ich sollte niemals wieder daran denken.

Ich sollte an Samuel denken, der, wenn wir morgens irgendwann zurück zum Lager auf dem Dach kamen, total Bock hatte und mir an die Wäsche gehen würde. So wie immer. Ich war es inzwischen gewohnt. Ich sagte schon gar nichts mehr, ich wehrte mich nicht oder sonst etwas. Es war mir egal.

Ich war froh, dass Tam das nicht sah. Ich war froh, dass Tam nicht sah, in was für einen Menschen ich mich entwickelt hatte. Ich war eine andere Laureen, als ich noch vor einigen Wochen gewesen war.

Ich war froh, dass sie es nicht mitbekam, aber gleichzeitig war es mir auch egal, wer ich war. Eben weil sie nicht mehr da war. Weil niemand mehr da war, für den ich mich benehmen musste.

Fuck it, ich lebte mein Leben nicht mehr, ich existierte nur noch.

Ich dachte nicht an die Zukunft. Andere dachten daran, was sie in fünf Jahren machten, oder was sie – auch nur – in einem Jahr taten. Ich nicht. Für mich war es überhaupt keine Option, an das kommende Jahr zu denken. Ich konnte nicht mal daran denken, so einen Gedanken zu fassen. Denn es war absurd.

Kein Straßenkind dachte an seine Zukunft, wenn es wusste, dass es in den nächsten zwei Minuten kalt gemacht werden konnte.

Wer garantierte mir, dass sich hinter mir in der Dunkelheit gerade niemand von den Ferrets befand und mir gleich ein Messer in den Rücken rammen würde?

Prompt drehte ich mich verstohlen um und starrte in die Dunkelheit. Ich konnte ein paar Schatten ausmachen, aber sie waren weit weg und es waren sicher Clubbesucher, die eine rauchten oder frische Luft schnappten.

Redete ich mir zumindest ein.

Aber. Trotzdem.

Es konnten welche von den Ferrets sein.

Ohne, dass ich darüber nachdachte, stand ich auf und war schon ein paar Schritte in Richtung Club (und also auch Licht) gelaufen, als ich checkte, was ich tat.

Dann blieb ich stehen.

Wollte ich zurück in den Club?

Nah. Nicht wirklich.

Aber wollte ich hier draußen stehen bleiben oder mich wieder neben den Kiffer setzen?

Nah. Auch nicht wirklich.

Ich wusste überhaupt nicht, was ich wollte.

Erst einmal musste ich diese Situation heil überstehen, schoss mir durch den Kopf.

Ich musterte jetzt nämlich die zwei Personen, die auf mich zukamen. Ich hatte sie von weitem sofort erkannt. Die Gangart der beiden war so gleich, dass ich mir nicht sicher war, ob ich nicht vielleicht doppelt sah.

Die schmutzig blonden Haare strahlten im Licht der Laterne, als sie mit stampfenden Schritten auf mich zukamen.

Es waren die Pronx-Zwillinge.

Jill und Mou.

Meine ehemalige Familie. Oder ein Teil davon.

Ich sah sie an und konnte es nicht verhindern, dass mein Herz einen Stolperer machte. Sie anzusehen weckte in mir Erinnerungen.

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