Teil III - Kapitel 19

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»Ashley, können wir uns heute nach der Schule im Park treffen? Ich würde dich gerne sprechen«, die Art, wie er diese Worte sagte, ließ mich aufhorchen.
Warum wollte er mich sprechen? Hatte ich etwas falsch gemacht?

»Ja klar«, antwortete ich. Meine Kehle war auf einmal trocken. Ein Kloß hatte sich gebildet. Ich murmelte noch etwas zum Abschied und legte dann auf.

»Was ist los?«, fragte Marley, die gerade neben mir stand. Jasper sah ebenfalls von seinem Pausenbrot auf.

Wir hatten große Pause und standen auf dem Schulhof. Um uns herum waren Kinder, die sich gegenseitig jagten und laut johlten. Manche klangen, als würden sie gerade sterben. Ich ließ meinen Blick schweifen.
An dieser Schule gab es keine so genannte Raucherecke. Die Raucher standen einfach überall. Die Lehrer hatten aufgegeben, sie zu ermahnen.
Schüler aus den höheren Klassen saßen entspannt auf Bänken und unterhielten sich.
Die Mittelschüler versuchten Mädchen zu beeindrucken, die so taten, als würde es sie nicht interessieren, obwohl sie Feuer und Flamme waren.

»Mike möchte mit mir nach der Schule reden«, murmelte ich bedrückt und lehnte mich gegen die kalte Schulmauer. Eine Gänsehaut überzog mich wegen der Kälte, doch ich musste mich anlehnen, da meine Kraft nachgab. Einige schwarze Flecken tanzten bereits vor meinen Augen. Ich kannte diese kurzen Momente des Schwindels zu gut.
Meistens gingen sie nach ein paar Minuten von alleine vorbei. Manchmal sogar schon nach ein paar Sekunden.

»Aber, das muss ja nichts schlimmes bedeuten?«, versuchte Marley mich sanft aufzuheitern.
Jasper nickte zustimmend und biss von seinem Brot ab. Genüsslich kaute er. Mir drehte sich der Magen herum, weil ich mich so sehr vor dem Weißbrot und der Remoulade ekelte.
Dennoch war ich Jasper dankbar, dass er blieb und nicht zu seinen männlichen Freunden ging. Ich wusste, dass er Frauengespräche hasste. Doch in diesem Moment schien es ihm wichtiger zu sein, mir zu vermitteln, dass ich nicht alleine war.

»Der Tonfall in dem er es gesagt hat... Er klang so... bedrückt? Als müsste er etwas loswerden, was ihn belastet«, gab ich zu bedenken.
Jasper schmatzte plötzlich laut und entschuldigte sich dafür.
Ein leichtes Lächeln schlich über meine Lippen, doch es verschwand sofort wieder.

»Ach Ashley. Egal, was er sagt, du kannst mich immer anrufen«, bot Marley an. Ich war ihr dankbar.

»Mich auch!«, schaltete sich Jasper mit vollem Mund ein.
Ich musste lachen, weil er sich dabei beinahe verschluckte.

»Danke, ihr wisst gar nicht, wie viel mir das bedeutet«, sagte ich gerührt. Mein Herz fühlte sich schwer an und eine kleine Stimme säuselte, dass ich das nicht verdient hatte.

Nach der Schule fuhr ich sofort zu unserem Park. Da ich nun keinen Sport mehr machte, fuhr ich jetzt immer mit dem Fahrrad zur Schule. Den Betreuern gefiel es nicht, aber sie ließen mich gewähren.
Ich sah Mike sofort. Er stand an einen Baum gelehnt und tippte etwas in sein Handy.
Ich wurde langsamer. Wollte ich das wirklich?
Entschieden schloss ich das Fahrrad an und ging auf ihn zu.

Er hob seinen Kopf und sah mich an. Mein Herz begann zu rasen.
Seine Stirn lag in Falten und der Glanz aus seinen Augen war verschwunden.

»Hey Mike«, bemühte ich mich um Lockerheit. Er atmete tief durch. Warum umarmte er mich nicht? War ich ihm doch zu ekelhaft? Was hatte ich getan?
Ich bohrte mir meine Fingernägel in die Haut, um mich von meinen Gedanken abzulenken.

Er musterte mich eine Weile stumm, ehe er zu reden begann: »Ich... weißt du, ich halte das nicht aus. Ich halte es nicht aus, dir dabei zuzusehen, wie du immer dünner wirst.«
Er klang so resigniert.

»Ich...«, setzte ich an um zu protestieren. Ich wollte ihm sagen, dass ich nicht abnahm. Da ich jedoch wusste, dass es gelogen wäre, verstummte ich sofort wieder.

»Ich möchte das nicht unterstützen indem wir jeden Tag joggen gehen, Ashley. Ich möchte dir nicht dabei zusehen, wie du dich zu Tode hungerst. Das würde ich nicht ertragen. Das halte ich nicht aus, ich habe es versucht. Es geht einfach nicht. Es tut mir zu sehr weh«, er atmete einmal tief durch, ehe er zum finalen Todesstoß ansetzte, »deshalb möchte ich mich von dir distanzieren, bis es dir wieder besser geht.«
Am Anfang hatte er mir noch in die Augen gesehen, am Ende sah er nur noch zu Boden.

Ich schluckte die Tränen hinunter und nickte. Was sollte ich auch sonst tun?

»Gut. Dann auf wiedersehen«, verabschiedete ich mich. Er nickte nur. Ich sah ihn noch einmal an, in der Hoffnung, er würde seine Worte zurücknehmen, doch er blieb stumm. Also wandte ich mich ab und lief zu meinem Fahrrad. In mir fühlte ich mich leer. Es war die Ruhe vor dem Sturm.

Zuhause rannte ich in mein Zimmer und schloss die Tür ab. Ich begann zu zittern. Es schien, als bekäme ich keine Luft mehr. Ich wollte schreien, doch es kamen nur verzweifelte Schluchzer aus meiner Kehle. Tränen liefen in Sturzbächen meine Wangen hinunter.
Ich hatte versagt.
Alles drehte sich. Ich schien in ein Loch zu fallen.
Ein Loch ohne Boden.
Ich wollte etwas kaputt schlagen, am liebsten mich selbst. Ich verspürte den Drang, mir Wunden zuzufügen. Klaffende Wunden.
Ich musste den Schmerz körperlich spüren. Das hatte ich verdient. Ich hatte es verdient zu leidem.

Ohne es wirklich zu bemerken griff ich nach meinem Handy und wählte Marleys Nummer. Sie meldete sich sofort.

»Ich... Marley, ich kann nicht mehr«, schluchzte ich. Ich fühlte mich, als würde ich aufgeben.
Ich hatte den Kampf verloren, das merkte ich.

»Ich komme!«, versprach sie.

Es kam mir vor, als wären nur ein paar Sekunden vergangen, als es an meiner Tür klopfte.
Zitternd stand ich vom Boden auf, schloss die Tür auf und öffnete sie.
Wortlos schob Marley mich ins Zimmer, kickte die Tür mit ihrem Fuß zu und nahm mich in den Arm.
Eine Weile stand sie so da. Ich spürte, wie das Zittern tatsächlich nachließ.
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich tatsächlich ruhiger war und Marley mich losließ.
Dankbar sah ich sie an. Plötzlich konnte ich wieder etwas klarer denken.

»Was ist los?«, fragte sie einfühlsam.

Ich erzählte ihr, was Mike gesagt hatte.

»Bitte was?! Ist das sein verdammter ernst? So ein Arschloch!«, wütete sie. Ich verstand nicht, warum sie auf ihn wütend war und nicht auf mich. Ich hatte es doch verbockt.

»Weißt du was? Wir werden die nächsten Tage ein paar Dinge unternehmen und dann vergisst du diesen Idioten«, schlug sie vor und zwinkerte mir zu.

Ich nickte tapfer.

-

Uff. Harter Tobak das Kapitel, oder?
Was denkt ihr?
Versteht ihr eventuell auch Mike, dass er es nicht erträgt, Ashley so leiden zu sehen? :(
Ehrlich gesagt verstehe ich seine Reaktion schon... Man muss schließlich auch für sich sorgen und sollte nicht über seine Grenzen hinaus gehen. Das bringt niemandem etwas :/

Frage des Kapitels:
Was würdet ihr mit einer Freundin machen, die solchen Liebeskummer hat?

Ich würde mit ihr reden, ihr zuhören und meine ehrliche Meinung sagen. Dann würde ich mit ihr feiern gehen, ins Kino, Zuhause Film gucken...
Hauptsache, den Kopf freibekommen =D
Und natürlich MASSIG Schoki ;)

-M.

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