Andernorts - An der Oberfläche

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Moreau blickte an ihm vorbei, die Straße hinunter. „Da kommt jemand, zu Fuß", sagte er. „Vielleicht haben wir an diesem verfluchten Tag ja doch noch einmal Glück. He, hallo!"

Die Gestalt, die sich ihnen näherte, war im strömenden Regen erst kaum zu erkennen, entpuppte sich dann aber als hagerer junger Mann, so durchnässt und schlammig wie Moreau und Dupont. Sie spähten ihm mühsam entgegen, und Moreau suchte vergeblich nach einem Rucksack, einem Bündel oder überhaupt irgendeiner Habe; anscheinend besaß der junge Mann nichts, bis auf die Kleider, die er am Leibe trug.

Dieb, war sein erster Gedanke. Wegelagerer. Vielleicht ein Lockvogel, eine Ablenkung, während seine Kumpane alles mitnahmen, dessen sie habhaft werden konnten.

Im nächsten Moment ging ihm aber auf, wie dumm diese Idee war. Sie standen seit geraumer Zeit hier auf offener Straße; wenn sie jemand hätte ausrauben wollen, hätte derjenige das wohl längst getan. Und jemand vor zu schicken hatte wohl kaum Sinn, wenn sie sowieso ganz offensichtlich in der Klemme steckten.

Aber warum war der Kerl dann so ohne alles unterwegs, als wäre er nur auf einem Spaziergang? Vermutlich spielte das keine Rolle. Moreau war geneigt, in dieser verzweifelten Lage jede Hilfe anzunehmen.

Der Junge war jetzt bis zu ihnen heran gekommen, und Wasser tropfte aus seinem dunklen, kurz geschnittenen Haar, während er von einem Mann zum anderen sah, mit einem gleichgültigen, seltsam unbeteiligten Blick. „Ja?", fragte er einfach nur, und dann fiel sein Blick auf Duponts Schulter. Fast unmerklich schien sein Interesse zu wachsen, und etwas freundlicher fragte er: „Kann ich helfen?"

Dupont lachte gequält. „Wenn du weißt, wie man eine Schulter einrenkt, Bürschchen?", fragte er, eigentlich nur als Scherz. Aber der Junge nickte augenblicklich, als wäre das die einfachste Sache der Welt. „Ich kann ihn gleich hier einrenken", bot er an, und die beiden Männer wechselten einen Blick. Das war doch zu gut, um wahr zu sein.

„Moment mal, woher weißt, wie das geht?", fragte Moreau misstrauisch, und der Junge zuckte mit den Schultern. „Rossarzt. Hab auch ein paar Leute zusammen geflickt", sagte er, als erkläre das alles. Moreau hatte zwar schon gehört und gesehen, dass Rossärzte nicht schlechter hantierten als die meisten Bader und Quacksalber, aber trotzdem war an dieser Geschichte einiges fraglich. Dupont nahm ihm die Worte aus dem Mund, als er fragte: „Was, du willst ausgelernter-?" „Nein. Hab's aufgegeben", unterbrach der Junge ihn schroff. „War ein paar Jahre in der Lehre. Also, was ist? Wollen wir hier stehen und plaudern, oder soll ich mich nützlich machen? Denn sonst gehe ich weiter. In der Zeit, die ihr zögert, hätte ich ein Stück Weg hinter mir lassen können."

Das klang wütend, arrogant... und den Bruchteil einer Sekunde seltsam gestelzt. Als hätte er sich eine Weile angewöhnt, mit jemand zu sprechen, der wesentlich gebildeter war als er selbst oder Moreau und Dupont, und hätte es auf halbem Wege wieder aufgegeben. Moreau traute dem Jungen immer weniger, je länger er bei ihnen stand. Er hatte etwas Feindseliges an sich, und etwas Verschlagenes. Als spiele er nicht mit offenen Karten und lauere nur darauf, dass man ihm das anlastete.

Doch bevor Moreau noch weitere Einwände erheben konnte, hatte Dupont eingewilligt. Es war ihm nicht zu verdenken; er hatte sich die Schulter schon zu oft ausgerenkt, um nicht zu wissen, dass der Schmerz so lange anhielt, bis das Gelenk wieder gerichtet war.

„Wenn du das irgendwie wieder hinkriegst, dann tu es gefälligst", sagte er durch die zusammengebissenen Zähne, und der Junge nickte. „Zieh die Jacke aus", befahl er, und dann tastete er schnell und geschickt die Schulter ab. „Schon öfter ausgekugelt?", fragte er, und Dupont nickte grimmig. Er wechselte einen Blick mit Moreau, und in beiden Gesichtern lag die selbe Überraschung. Der Junge schien tatsächlich sein Handwerk zu verstehen.

Nirgendwo (BoyxBoy)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!