Prolog

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Es war ein rauer Herbstabend. Die noch vor ein paar Wochen grün leuchtenden Blätter hatten den Kampf gegen die Witterung verloren. Ebenso wie die Farbe war auch das Leben immer mehr aus ihnen entwichen. Vereinzelt konnte man noch einen wacker Kämpfenden sehen, doch der Rest hatte sich bereits niedergelegt um nun langsam vor sich hin zu faulen während die Erde auch den letzten Lebenshauch zurückforderte. Der Regen tat sein Übriges und verwandelte den Wald binnen Stunden in ein Matschfeld. Die Bäume blieben unbeeindruckt von diesen Wetterspielen, waren sie dieses Gerangel doch schon über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte gewohnt. Ihre Wurzeln waren stark und würden auch diesen kommenden Winter überstehen. Das taten sie immer. Die Natur gewann letztendlich immer!

***

Klatschende Laute zerrissen die Stille der Nacht als sich eine Gestalt schnellen Schrittes durch die Dunkelheit bewegte. Sie bahnte sich mühevoll einen Weg zwischen den Bäumen, darauf bedacht nicht über eine der verschlungenen nassen Wurzeln zu stolpern. Dieses Unterfangen erwies sich als überaus schwierig, da von dem wenigen Sternenlicht nur vereinzelt ein paar Strahlen durch die Baumwipfel leuchteten. Die braunen Wurzeln waren von dunkler Erde, den herabgefallenen Blättern und Regen bedeckt. Die Gestalt rannte mit aller Kraft und musste ihre ganze Konzentration und Körperbeherrschung aufwenden um bei dem Tempo den nächsten Baum rechtzeitig sehen zu können und auszuweichen ohne zu fallen.

* * * *

Bei jedem weiteren Atemzug brannte meine Lunge wie Feuer, doch ich durfte nicht stehen bleiben. Ich nahm noch einmal all meine Kraft zusammen und versuchte mein Tempo zu erhöhen. Bei jedem Auftreten spürte ich den kalten, harten Boden unter meinen Füßen. Der Matsch federte den Lauf ein wenig ab, machte ihn jedoch unkontrollierter. Die Umgebung um mich herum schien sich zu bewegen als hätte jemand mit einer Peitsche einen See aufgewühlt. Das Brennen in meinem Körper breitete sich rasend schnell aus. Das Blut rauschte in meinem Kopf wie ein tobender Sturm und ließ mich keinen klaren Gedanken fassen. Mein Körper pulsierte. Das laute schnelle Dröhnen meines Herzens war das einzige konstante Geräusch, dass ich wahrnahm. Alles andere um mich herum schien zu verschwimmen.
So also fühlte es sich an, wenn der eigene Körper gegen den Tod ankämpfte.
"Nicht, dass du dieses Gefühl nicht schon kennst!", schrie mir meine innere Stimme entgegen.
"Verdammt!", keuchte ich, mehr um zu hören ob meine Stimme noch genug Kraft hatte als irgendjemanden auf mich Aufmerksam zu machen. Das war nämlich mit Abstand das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte. Aufmerksamkeit. Es war dunkel und trotz des Schutzes der Bäume wurde der aufkommende Sturm lauter und stärker. Niemand würde sich zu so einer Zeit an diesem Ort herumtreiben. Jedenfalls keiner von den Guten. Ich wusste, dass ich hier so schnell wie möglich Weg musste, doch etwas fühlte sich komisch an. Die ohnehin schwer zu erkennende Umgebung fing an zu flimmern. Nein, - Das war nicht richtig! - sie tat es schon länger. Immer größer wurden diese Blitze. Ich kniff die Augen zu, um sie sofort wieder aufzureißen. "Komm... Schon.", spie ich die Worte stoßweise aus. "Lass mich...nicht..." Bevor ich mir weiter Mut zureden konnte, riss etwas grob an meinem Fuß und ließ mich unsanft auf den matschigen Boden aufprallen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht lag ich keuchend am Boden, außer Stande die Kontrolle über meinen Körper zurück zu erlangen.
Es müssen einige Minuten vergangen sein, die ich einfach nur auf dem feuchten Boden lag. Meine Glieder fühlten sich so schwer an und auch meine Augen wurden mit jedem weiteren Moment träger. Ich wusste, dass ich auf gar keinen Fall die Augen schließen durfte. Ich war schon so weit gekommen, da sollte mir nicht letztendlich das Unwetter den Gnadenstoß geben.

Irgendwie hatte ich es einige Minuten später geschafft mich an den Baum zu lehnen. Seine Wurzeln waren schuld an meinem Sturz. Mir war während des Rennens überhaupt nicht aufgefallen wie kalt es draußen eigentlich war. Ich blickte an mir herunter und schluckte. Ich sah furchtbar aus. Meine Kleidung war überall zerrissen und getränkt von Matsch und Blut. Blut? Während meiner Flucht musste ich mir an einigen Ästen mein Gesicht und die Arme aufgerissen haben. Erst jetzt spürte ich den scharfen Schmerz in den verdreckten Wunden. Besonders mein rechter Arm sah schlimm aus. Reflexartig hatte ich ihn während des Sturzes hochgerissen, um mein Gesicht zu schützen. Ich versuchte meine Finger zu bewegen, doch sie fühlten sich taub an. Es war nur ein dumpfer Schmerz, im Gegensatz zu den vergleichsweise lächerlichen Kratzern. Ich betrachtete den Arm. Da war zuerst eine tiefe Fleischwunde - ich schaute über den Boden zur Stelle, an der ich gestürzt war. Jetzt, da ich den unförmigen spitzen Stein sah, konnte ich mir bildlich vorstellen wie er sich in meinen Arm gebohrt hatte als sei es ein Stück Butter. Ich stöhnte unwillkürlich auf als ich ein Stück zur Seite rutschte. Ich zitterte. Der kalte Regen stahl mir den letzten Rest an Körperwärme, den ich durch meinen Sprint erzeugt hatte. Einzig mein verletzter Arm strahlte etwas Wärme aus. Ich runzelte stumm die Stirn als ich versuchte meine linke Hand an der rechten zu wärmen. Sie war genauso eisig wie die linke. Ich schloss die Augen und lehnte mich mit dem Kopf an den Baum. Ich atmete tief ein und versuchte mich zu beruhigen. "Ich sitze hier mitten im Regen in diesem Wald. Wer weiß ob ich meine Verfolger wirklich abgeschüttelt habe? Vielleicht haben sie mich schon gefunden und beobachten mich einfach gerade... Ach red' keinen Quatsch Lucina. Sei doch wenigstens ein verdammtes Mal optimistisch. Du hast sie abgehängt. Ein Problem weniger... Fürs Erste." Ich zog den unverletzten Arm fest um mich und versuchte das Zittern zu unterdrücken. "Komm schon", zischte ich, " du musst hier weg verdammt!" Die Preisfrage war aber: Wo hin? Ich kannte mich hier nicht aus, denn ich war bewusstlos gewesen als ich hier her verschleppt wurde. Und im Dunkeln konnte ich unmöglich den richtigen Weg finden. Das Klügste war wahrscheinlich erst einmal weiter zu gehen. Weg von meinem Fluchtort. Es war sowieso besser, wenn ich nicht noch länger an dieser Stelle blieb. Sie hatten mich noch nicht gefunden und das sollte auch so bleiben. Je länger ich hier verweilte, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass sie mich finden würden. Mit der linken Faust auf dem Boden richtete ich mich angestrengt und langsam auf. Anscheinend nicht langsam genug, denn sofort fing mein Kopf wieder an zu rauschen und ich hatte größte Mühe nicht sofort wieder zusammen zu sacken. Ich lehnte mich mit schwer gehen den Baum und hielt meinen rechten Oberarm fest an meinen Körper gepresst. Wieder entwich mir ein von Schmerz geschwängertes Keuchen. Langsam bewegte ich mich vorwärts, einfach weg von diesem Ort. Ich kämpfte mich mit letzter Kraft vom Baum zu Baum. Ein tiefer Atemzug und weiter trieb ich mich. Ich hörte das Rauschen des Windes und das Plätschern des Regens, aber keine Stimmen und auch kein Bellen. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich in der Ferne ein Licht sehen. Ich sah es nur noch verschwommen und wage, doch ich zwang mich dieses Licht zu erreichen.

Es war ein Hoffnungsschimmer in dieser verfluchten Nacht. Mit jedem Schritt schmerzte mein Körper mehr, doch zumindest spürte ich ihn noch. Nach einer Weile kam ich völlig außer Atem zu stehen. Vor mir befand sich eine kleine Hütte. Das Licht, dem ich stur gefolgt war, schien aus einem verhangenen Fenster. Ich lehne mich erschöpft an die Holzwand. Da waren Stimmen, freundliche Stimmen. Ein Zittern der Kälte durchfuhr mich. Ich fühlte mich plötzlich so schwach und merkte kaum noch, dass ich zu Boden sank und wie ein nasser Sack auf den Boden aufschlug...

Gefangen im Käfig der Gedanken (Lost In My Mind )Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt