Teil III - Kapitel 12

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»Bis morgen!«, verabschiedete ich mich von Klara. Sie umarmte mich zum Abschied, winkte mir noch einmal zu und lief dann eilig zu der Bushaltestelle. Ich lächelte besonnen. Es war toll, in der Klasse so gut aufgenommen worden zu sein. Es tat gut, das Gefühl zu haben, gemocht zu werden.
An das Umarmen musste ich mich jedoch noch gewöhnen. Denn hier umarmte jeder jeden. Zur Begrüßung, zum Abschied, oder einfach mal so.
Das war ungewohnt und fühlte sich merkwürdig an. Nicht schlecht, im Gegenteil. Aber ungewohnt.

Ich sah auf die Uhr, da ich das Gefühl hatte, bereits eine Weile zu warten.
Tatsächlich waren bereits zwanzig Minuten verstrichen und Mike noch immer nicht da. Ich verlagerte mein Gewicht auf das andere Bein und sah mich nach ihm um. Doch ich konnte ihn nicht entdecken.
Hatte er mich etwa versetzt? Ich fühlte einen Stich im Herzen. Rührte er von einer emotionalen Verletzung?
Tatsächlich wüsste ich nicht, wie ich damit umgehen sollte.

Es dauerte noch weitere fünf Minuten, bis er auf einmal gehetzt vor mir stand.
»Sorry, mein Bus kam nicht und dann habe ich die Bahn nicht bekommen... bist Du sauer?«, entschuldigte er sich.

»Nein, das kann ja mal vorkommen«, winkte ich ab und spürte den Stein von meinem Herzen plumpsen. Er hatte mich nicht versetzt.

Schweigend liefen wir los. Wir wollten in einen Park gehen, der in der Nähe der Schule war.
Meine Schule war in einem gehobenen Viertel. Die Leute, die hier wohnten, hatten genug Geld, um sich größere Häuser zu leisten, die man sogar fast als Villa bezeichnen konnte. Manche hatten ihre Grundstücke blickdicht umzäunt. Ich fragte mich, was diese Leute verbargen.

Die Stimmung zwischen Mike und mir war nachdenklich. Beide hingen wir in unseren Gedanken und so war ich verwundert, dass wir auf einmal schon mitten in dem Park standen, der eigentlich nur eine größere Wiese war, die von Bäumen umrandet wurde.
Es war keine Menschenseele da. Wir setzten uns auf eine Bank, die mit Graffiti beschmiert war und deshalb schmutzig wirkte.
Ein paar Vögel hüpften zu uns. Sie suchten nach Futter und hofften, dass wir ihnen ein paar Brotkrümel hinwarfen.

»Weißt Du, meine Mutter ist auch Magersüchtig«, erzählte Mike plötzlich. Verwundert sah ich ihn an und runzelte die Stirn.
Er erzählte weiter:

»Sie war es schon immer gewesen, zumindest, seit ich lebe. Ich glaube, sie kam nicht damit klar, wieviel sie in der Schwangerschaft zugenommen hat. Aber das weiß ich nicht. Sie hat nie etwas gegessen, zumindest war das der Grund, weshalb ich bei meinem Vater leben sollte. Ich lebte vielleicht ein Jahr bei ihr. Mir hat sie wohl immer Essen gemacht. Aber sich selbst nicht. Angeblich war sie öfter im Krankenhaus. Freundinnen von ihr passten dann auf mich auf. Aber mein Vater bekam es mit und beantragte das Sorgerecht für mich. Zu der Zeit hatte meine Mutter gerade einen gesetzlichen Betreuer bekommen, der darüber bestimmen konnte, wo sie sich aufhielt und, wie man in ihrer medizinischen Behandlung vorgehen sollte. Wenn sie zum Beispiel keine Sonde wollte, dann durfte der Betreuer durchsetzen, dass sie sie doch bekam. Heute weiß ich, dass sie dies auch mit Gewalt durchsetzen konnten. Ich zog zu meinem Vater und seiner neuen Freundin, die keine eigenen Kinder hatte. Sie liebte mich wie einen eigenen Sohn. Und ich wuchs auf, als wäre sie meine Mutter. Doch mein Vater machte kein Geheimnis daraus, dass sie meine Stiefmutter war. Er erzählte mir vorsichtig Brocken von meiner Mutter. Ich wollte sie im "Krankenhaus" besuchen, denn sie war immer dort. Entweder auf der Intensivstation oder der Psychiatrie. Sie hatte kein anderes Leben. Je älter ich wurde, desto drängender war mein Wunsch, sie zu sehen. Doch sie ließ es nicht zu. Sie wollte mich nicht sehen. Ich hatte Wutanfälle, warf alles auf den Boden, trat gegen Türen. Ich wollte von meiner Mutter geliebt werden, so unbedingt. Und dann ließ sie es eines Tages zu. Ich stand vor der Klinik und zitterte, doch ich wagte es. Ich fragte auf Station nach ihr. Sie lag in ihrem Bett und richtete sich nur kurz auf, als sie mich sah. Ich war schockiert. Kein Gramm Fett war an ihrem Körper, sie hatte eine starke Körperbehaarung und ihre Kopfhaare waren so dünn und brüchig. Aber ihr Blick schockierte mich am meisten, er war absolut leer. In ihren Augen war kein Leben. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Sie war ja gerade in der Psychiatrie, dennoch hatte sie eine Sonde. Aus ihrer Nase hing ein Schlauch. Sie wirkte so zerbrechlich. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Sie begrüßte mich nicht, wie sie es eigentlich sollte. Keine Umarmung, keine Herzlichkeit. Ich war unerwünscht. Und doch wollte ich nicht gehen, sie war ja meine Mutter. Ich setzte mich auf einen Stuhl neben ihr Bett. Und plötzlich begann sie zu erzählen. Sie wurde wütend und sagte böse Sachen. Sie sagte, sie würde die Magersucht nicht aufgeben, für keinen, nicht einmal, wenn man mich schicken würde. Sie behauptete, sich nicht emotional manipulieren zu lassen. Für sie war das einzige Ziel, sich zu Tode zu hungern. Keiner würde sie aufhalten können. Ich war ihr egal, denn für sie gab es nur die Krankheit. Sie liebte sie. Mehr, als alles andere. An dem Tag verlor ich meine Mutter für immer. Als ich ging wusste ich, dass ich sie nie wieder sehen würde. Weil sie es nicht wollte. Ich wuchs behütet auf, das muss ich zugeben. Mir fehlte es an nichts. Nicht einmal an Liebe. Aber dennoch fehlte meine Mutter, keiner konnte sie ersetzen. Denn sie war ein Teil von mir. Diese Krankheit hat alles zerstört. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen und nichts mehr von ihr gehört. Ich weiß nur, dass sie noch lebt«, er sprach leise und vorsichtig. Immer wieder unterbrach er sich, um sich zu räuspern oder nachzudenken. Sein Blick ruhte die meiste Zeit auf seinen Händen, die in seinem Schoß lagen, nur manchmal sah er zu mir hoch. Dann sah er mir direkt in die Augen und mein Herz zerbrach. Ich sah den ganzen Schmerz, den er noch immer fühlte. Ich sah den kleinen Jungen, der litt, weil seine Mutter ihn verstieß. Ich atmete tief durch, in meinem Hals hatte sich ein Kloß gebildet.
Und erneut wurde mir bewusst, wieviel diese Krankheit zerstörte. Sie zerstörte nicht nur einen selbst sondern auch die Menschen in seinem Umfeld.
Diese Krankheit machte so viel kaputt.
Ich presste meine Lippen aufeinander und verfluchte sämtliche Krankheiten, die so viel Leid mit sich brachten, dass sogar Familien an ihnen zerstörten.
Mikes Geschichte hatte mir erneut die Augen geöffnet.
Ich wollte kämpfen, damit ich leben konnte.
Ich wollte nicht in Krankenhäusern liegen und über eine Magensonde ernährt werden.

»Ich habe Angst, dass Du mich auch so verstößt, Ash. Denn... Du bedeutest mir so unglaublich viel. Das Joggen mit mir... das ist mein Anker, der mich manchmal wirklich rettet. Ich habe Angst, dass Du wie sie wirst...«, sagte Mike vorsichtig. Ich sah, wie sich seine Muskeln anspannten und seine Hände leicht zitterten. Auch, wenn er versuchte, es zu verbergen.
Ich war gerührt. Tränen stiegen in meine Augen.
Sowas hatte mir noch nie jemand gesagt. Ich war noch nie jemandes Anker gewesen. Früher hätte ich mir nicht einmal ausmalen können, dass jemand meine Gesellschaft genoß.

»Mike?«, fragte ich vorsichtig. Er hob seinen Kopf. Seine Lippen waren zu einem Strich verzogen.

»Ich verspreche Dir, dass ich Dir niemals antun werde, was Deine Mutter Dir angetan hat. Das könnte ich nicht«, flüsterte ich.

-

Bäm. So many feelings :'( ;( :'( ...
Jetzt ist es raus. Mike hat sein Geheimnis gelüftet.
Aber er hat noch eines ;). Und das verrate ich Euch noch nicht *hihihihi*.
Ich bin böse, I know. :P

Wie findet ihr Mikes "Offenbarung"?

Frage des Kapitels:
Was ist Euer Lieblingszitat und, was bedeutet es für Euch?

Und noch etwas:
Ich habe so eben Spindeldürr fertig geschrieben.
Daher frage ich Euch nun, wie oft ihr Updates wollt:

Drei mal die Woche (Montags, Mittwochs, Freitags)?

Zwei mal die Woche (Dienstags & Freitags)

Oder einmal die Woche (Mittwoch)?

-M.

Spindeldürr! - #Wattys2017Lies diese Geschichte KOSTENLOS!