Teil III - Kapitel 11

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Nervös nestelte ich an meinem T-Shirt herum.
Ich stand im zweiten Obergeschoss, hatte den linken Gang genommen und musste nun Zimmer 2-6 finden.
Mein zukünftiges Klassenzimmer.
Der Ort, an dem ich nun viel Zeit verbringen würde, mit Leuten, die ich noch nicht kannte.

Schüler liefen an mir vorbei. Sie unterhielten sich angeregt. Denn obwohl alle frustriert waren, dass die Schule nun wieder anfing, freute sich jeder, seine Freunde wiederzusehen.
Am ersten Schultag überwog meist noch die Freude. Erst in den kommenden Tagen würde die Aufregung abebben. Und spätestens, wenn sich der Alltag eingeschlichen hatte, würde die Frustration wieder ihren Platz einnehmen und sich breit machen.

Ich atmete tief durch, ehe ich das kastenförmige Klassenzimmer betrat.
Die Wände waren schmutzig weiß. Plakate von Referaten zierten die Wände.
Die Tische hingegen wirkten neu. Sie waren nicht beschmiert und auch die Stühle erweckten nicht den Anschein, dass sie zusammenbrechen würden, wenn man sich auf sie setzte.
Der Lehrertisch hob sich nicht von den anderen ab.
Statt einer Tafel gab es ein Smartboard, eine elektronische Tafel, mit der man auch ins Internet gehen konnte.
Jemand hatte den Namen der Schule und die Klasse darauf geschrieben und das Bild mit Herzen und Smileys verziert.

Etwas verloren sah ich mir meine Mitschüler an.
Die meisten waren zu sehr in Gespräche vertieft, um mich zu bemerken.
Ein Mädchen mit blonden Haaren, welches top gestylt war, gestikulierte wild. Ich musste schmunzeln, denn ich mochte Menschen, die wilde Gestiken besaßen.
Ein junge mit schwarzen Haaren lag mit dem Oberkörper auf dem Tisch und hatte die Augen geschlossen.
Eigentlich wirkte alles, wie in einer normalen Klasse.

»Bist Du Ashley?«, erklang eine Frauenstimme hinter mir. Ich wandte mich um und musterte die Frau, die vor mir stand. Sie hatte gelockte, braune Haare, die ihr offen über die Schultern fielen. In ihrem Gesicht waren viele Sommersprossen und bereits einige Falten.
Sie war modern gekleidet. In ihrer Hand hielt sie einen kleinen Aktenkoffer.
Sie war definitiv eine Lehrerin.
»Äh... ja«, murmelte ich.

»Ich bin Frau Voel«, stellte sie sich vor und ließ ihren Blick streifen. »Setz Dich einfach irgendwo hin, es sind noch nicht alle da«, fügte sie hinzu und lächelte.
Erneut blickte ich mich unsicher um und entschied mich für einen leeren Tisch.
Ich setzte mich ans Fenster.
Mittlerweile hatten mich auch andere bemerkt. Sie versuchten, mich unauffällig anzusehen, doch es gelang ihnen nicht.
Ich war die Neue und damit vermutlich so auffällig, wie ein bunter Hund.
Nervös holte ich meinen Collegeblock aus meinem Rucksack und einen Kugelschreiber.
Man hatte mir versichert, dass ich am ersten Tag noch nicht mehr brauchen würde. Sämtliche Unterlagen hatte ich daher in der WG gelassen.
Langsam füllte sich der Raum mehr. Die meisten warfen mir erst verwunderte Blicke zu, die sich auf einmal aufklarten. Als würden sie sich erinnern, dass eine neue Schülerin angekündigt worden war.

Ich hatte mir bewusst eine langärmlige, dünne Bluse angezogen, die meine Narben verdeckte. Ich wollte nicht, dass meine Mitschüler bereits am ersten Tag abgeschreckt waren.

Auf einmal stürmte ein schwarzhaariges Mädchen in den Raum. Frau Voell wollte die Tür gerade schließen und warf ihr einen bösen Blick zu.
»Sorry«, entschuldigte die Schwarzhaarige sich und setzte sich neben mich, da es der einzig freie Platz war.
»Also, alles wie gehabt, Nele?«, scherzte die Lehrerin. Nele murmelte etwas unverständliches und packte dann ebenfalls ihre Sachen aus.

»Es ist schön, Euch alle wiederzusehen«, begrüßte Frau Voel die Klasse und ließ ihren Blick schweifen.
Leises Gemurmel entstand.
»Dies ist Euer letztes Jahr. Dieses Jahr werdet ihr Euer Abitur schreiben und die Schule verlassen. Manche von Euch werden Studieren, andere gehen ins Ausland, wieder andere beginnen eine Ausbildung. Euch stehen alle Türen offen, nutzt Eure Chancen!«, ihre Worte fanden Zustimmung in der Klasse, »wie angekündigt habt ihr eine neue Mitschülerin, weswegen ich vorschlage, dass sich jeder einmal vorstellt. Till? Beginnst Du bitte?«

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