Wenn wir groß sind

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Ein lauer Sommertag am Rande des Dorfes. Viele Jahre war ich nicht mehr hier. Spatzen schwirren aus ihrem Versteck im Holunder, es duftet nach frischem Heu. Frösche quaken im von wuchernden Brennnesseln gesäumten Graben neben dem Weg. Gleich muss ich an der kleinen Brücke sein, die auf die Wiesen führt. Ich atme tief, öffne zwei Knöpfe an meinem Hemd. Ein Lüftchen rauscht durch die Gräser, streichelt kühl meine Brust, wirbelt vergessene Bilder und Gefühle auf.

In mir spult die Zeit zurück. Ich spüre, wie die Welt sich reckt und der Himmel sich weitet. Die Bäume und Büsche schrumpfen, die Wiesen verwandeln sich in Koppeln mit weidenden Kühen. Unter mir wölbt sich der Asphalt, wird zum schwarzen Morast eines ausgefahrenen Feldweges, mit Pfützen in den Mulden breiter Reifenspuren und zermalmt von den Klauen der Rinder. Schon meine ich, meine nackten Kinderfüße in diesem Brei versinken zu fühlen. Von mir fällt ab, was an Gegenwart an mir haftet. Ich winde mich von mir los und schaue mir nach, wie ich mit dem ungestümen Elan eines Elfjährigen ins Dorf laufe. Gedankenstaub wirbelt auf, trübt für erwartungsvolle Sekunden die Sicht. Ich sehe mich nicht mehr, bin hinter der windschiefen Scheune verschwunden, die sich eben aus dem Dunst erhoben hat. Die drei Linden mit ihren gestutzten Kronen sind wieder da, der rostrot getünchte Lattenzaun, das vielstimmige Kläffen der Hunde.

Da kommen wir um die Ecke. Mein Freund Frank und ich, der blasse Paul, in Sandalen und blauer Turnhose, die um meine Hüften flattert. Frank, mit stets zerzaustem Blondschopf und flinken Augen, hält eine Harke geschultert und einen Blecheimer an der Hand. Er trägt schwarze Shorts, seine Beine schlackern in den unvergesslich gelben, am Schaft umgekrempelten Gummistiefeln. Wir sind unterwegs, um Entengrütze zu holen. Mit dem letzten Hof endet die gepflasterte Straße und wird zu einem Feldweg, der von einem Gewitterschauer aufgeweicht ist. Franks Stiefel, eigentlich als Schutz gegen Blutegel gedacht, bewähren sich schon jetzt im Matsch. Ich bleibe bis zum Graben auf der schmalen Grasnarbe am Rand.

"Lass uns ein Stück weiter gehen", sagt Frank. "Hier vorn ist schon alles abgeharkt." Eigentlich bin ich der Meinung, dass sich bereits hier der Eimer gut füllen und die Arbeit schnell erledigen ließe, doch ich willige ein und ziehe meine Sandalen aus. Weg und Graben führen auf die Weiden hinaus, neugierig kommen die Kühe an den Elektrozaun getrottet. Bald sieht das Dorf hinter uns aus wie eine Insel aus Bäumen und Dächern, die der Kirchturm als Leuchtturm überragt. Es ist von einem Meer aus flachem Weideland und Äckern umgeben, auf dem Büsche, Bäume und Strommasten wie Bojen den Verlauf von Wegen und Straßen markieren.

"Wenn wir groß sind, werden hier überall Hochhäuser stehen", sagt Frank und ich sehe ihn erstaunt an.

"Warum denn?"

"Wegen dem Fortschritt und weil alles wächst."

"Wer sagt das?"

"Mein Papa. Er hat erzählt, in den Dörfern werden jetzt bald viele moderne Häuser gebaut, da leben die Leute dann mit Heizung und heißem Wasser aus der Wand wie in der Stadt."

"Nicht schlecht."

"Ja, und die Gärtnerei wird dann bis an die Chaussee reichen und ein Heizhaus mit drei Schornsteinen haben."

Ich finde Gefallen am dem Gedankenspiel: "Und am Dorfplatz wird ein Kaufhaus gebaut. Und einen Bahnhof bekommen wir."

Lachend fällt unser Blick auf einen Blechtrog im Graben, eine Tränke, die irgendwer hier in ein Boot verwandeln wollte.

"Und ein Hafen fehlt", ruft Frank, wirft Eimer und Harke auf den Weg und trampelt einen Pfad in das Gestrüpp der Böschung. "Hier ist schon mal der Kanal."

Wir steigen in den wackligen Trog, das Regenwasser darin wabert umher.

"Willst du einmal Kapitän werden?", frage ich.

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