DREISSIG.

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Ich legte den Kopf schief und fuhr mir langsam mit der Zunge über die Schneidezähne, während ich an die Decke blickte. Dann lenkte ich meinen Blick langsam auf sie und sah sie gelangweilt an.

„Wolltest du?", wiederholte sie über die laute Musik hinweg.

Ich nahm mir die Zeit und musterte sie einmal von oben bis unten. Sie war hübsch, aber sie war sicher eines dieser kleinen Girls, die sich einbildeten, sie hätten schon alles in der Welt gesehen. Sie sah nicht so aus, als wäre sie reich, aber sie war eindeutig auch nicht obdachlos. Sie lebte sicher bei Mommy und Daddy zu Hause, hatte ein rosarot gestrichenes Zimmer mit einem weißen Himmelbett und rauchte nachts manchmal heimlich mit ihren Freunden einen Joint.

Und jetzt gerade im Moment hatte sie sich eindeutig mit der falschen Person angelegt.

Sorry, aber das wird nicht gut enden für dich, Hasi.

„Vielleicht", meinte ich träge und wusste genau, dass ich sie provozierte. Irgendwoher hatte ich das richtige Gefühl gehabt, dass ich einen Nerv bei ihr treffen würde. Ich kannte sie nicht, aber ich hatte ihre Ausstrahlung und ihre Schwäche auf den ersten Blick richtig erfassen können. Menschen waren so verletzlich, so angreifbar, wenn sie ihre Gefühle offen auf ihrem Gesicht trugen.

Sie kam noch einen Schritt auf mich zu. Jetzt konnte ich die Farbe ihrer Augen erkennen.

Sie waren schwarz.

Oder fast schwarz. Wahrscheinlich waren sie so dunkelbraun, dass sie jetzt in diesem schummrigen Licht des Clubs schwarz wirkten.

Ich kannte noch jemanden mit so dunklen Augen...

Fuck. Wo kam jetzt dieser Gedanke bitte her?!

Schnell schob ich ihn beiseite und beobachtete die Kleine, die jetzt unmittelbar vor mir stand. Samuel nahm ich am Rand meines Blickfeldes wahr. Er stand einfach nur mit verschränkten Armen neben uns und beobachtete begeistert, wie die kleine Schmusekatze sich wohl gegenüber der Raubkatze behaupten würde.

Heute fühlte ich mich auch genau so.

Wie eine majestätische wilde Raubkatze.

Ich starrte in die Augen des Mädchens und legte den Kopf auf die andere Seite.

Ernsthaft jetzt, wollte sie mich einfach nur niederstarren? Das war mir zu langweilig. Ich dachte, sie würde versuchen, mir die Augen auszukratzen oder ähnliches, wie es diese Ischen von Samuel – oder früher von Rocky – sonst immer taten, wenn ich ihnen in die Quere kam, aber sie hier hatte das wohl nicht im Sinn. Langweilig.

Als ich mich seufzend gerade von ihr wegdrehen wollte, hörte ich sie sagen: „Ach ja? Damit wolltest du mich beeindrucken? Ist ja süß. Da musst du aber früher bei mir aufstehen, Baby."

Und dann erwischte sie mich eiskalt. Mein Mund stand einen Spalt offen, weil mir eine Erwiderung, die eindeutig weit unter der Gürtellinie gewesen wäre, schon auf der Zunge lag und ich sie ihr in diesem Augenblick entgegenschleudern wollte. Gerade noch sah ich, wie ihr Gesicht meinem immer näher kam, und im nächsten Moment hatte sie ihre Lippen schon auf meine gepresst. Sie nutzte meine Perplextheit und die Tatsache, dass mein Mund nicht geschlossen war, sofort aus und schob ihre Zunge zwischen meine Lippen. Im selben Moment zog sie mich mit beiden Händen an meinen Hüften fordernd zu sich heran und presste sich an mich.

Sie war nicht die erste Frau, die ich küsste. Ich hatte schon öfter Frauen geküsst, was war auch dabei? Wir waren alle Menschen, wir waren alle gleich, waren alle aus Zellen und DNA und dem ganzen Kram aufgebaut.

Trotzdem war es anders, eine Frau zu küssen als einen Mann zu küssen. Ich war mir sicher, dass ich hetero war. Ich fühlte mich von Frauen nicht angezogen wie ich mich von Männern angezogen fühlte, aber wenn ich dann doch mal eine Frau küsste, konnte ich es schon sehr gut nachvollziehen, wieso es sicherlich Spaß machte, lesbisch zu sein.

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