Ich balle meine Hände zu Fäusten, während dieser möchtegern-Bad Boy sich vor mir aufbaut wie ein Tier. Wenn Blicke töten könnten, dann wäre ich es jetzt mit Sicherheit. Seine blauen Augen mustern mich kalt.

,,Hast du was gesagt?", fragt er durch zusammengepresste Zähne. Sein Kiefer ist angespannt.

Ob ich was gesagt habe? Der sollte sich mal lieber seine Ohren waschen gehen, wenn der so schlecht hört.

,,Ich habe dich gefragt, ob du dich nicht bei dem Mädchen entschuldigen möchtest? Ist meine Frage so missverständlich?". Die Wut in seinem Gesichtsausdruck wandelt sich abrupt um und macht Platz für Verwunderung. Kurz verwirrt es mich. Wie kann seine Stimmung so schnell umschlagen?

Auf seinen Lippen breitet sich ein verächtliches Lächeln aus, während er eine Augenbraue hochzieht und dem Mädchen ein kurzes ,,Sorry" zuruft. Diese quittiert es nur mit einem zögerlichen Nicken und rappelt sich dann wieder auf.

Er beugt sich zu mir herunter und raunt mir etwas in mein Ohr. Es sind nur sechs kleine Wörter. Sechs Wörter, die für mich allerdings weitaus mehr bedeuten.

,,Das wird noch ein Nachspiel haben". Sein Duft nach irgendeinem Aftershave gepaart mit Zigarettengestank steigt mir in die Nase. Eine Gänsehaut breitet sich auf meinem Rücken aus, als sein heißer Atem mein Ohr streift.

Noch nie habe ich es zugelassen, dass mir ein komplett Fremder so nahe kommt. Ehe ich eine Panikattacke bekommen kann, beugt er sich auch schon wieder zurück und verlässt ohne ein weiteres Wort zu sagen das Treppenhaus.

Ich stehe noch einige Sekunden so regungslos da.

So viel zum Thema nicht auffallen. Wie oft hatte mir Scott schon eingetrichtert, dass ich meine Gefühle unter Kontrolle bekommen sollte? Ich kann nur hoffen, dass er hiervon nicht Wind bekommt.

,,Oh-mein-Gott", höre ich die kleine Asiatin sagen. Wie sich herausgestellt hat, heißt sie Manila. ,,Hannah?", ihre zarte Hand, platziert sie auf meiner Schulter und mustert mich durch ihre kleinen Augen. Erst jetzt bemerke ich, dass ich aufgehört habe zu atmen.

Mein Herz pocht wie wild, als ich an die letzten Worte des Typen denke.

Das wird noch ein Nachspiel haben.

,,Hey, ist alles in Ordung mit dir? Du bist ja ganz blass."

,,Äh, n-nein mir gehts gut.", wehre ich ab, obwohl ich am liebsten schreien würde. Ich weiß, dass ich nicht in jedem einen potentiellen Mörder sehen soll, aber wenn man schon so viel durchgemacht hat wie ich, ist das nicht unbedingt einfach.

Ich spüre wie die Blicke der ganzen Schüler auf mir ruhen. Ich muss hier weg. Sofort.

,,Manila. Wo ist hier die nächste Mädchentoilette?", frage ich nach Fassung ringend. Beruhig dich Hannah. Das ist nur ein stinknormaler Student dieser Uni. Kein Grund, jetzt die Nerven zu verlieren.

,,Komm mit", sagt sie schnell und zieht mich durch die Menschenmassen, die sofort Platz machen. Immernoch kann ich die unzähligen Augenpaare in meinem Rücken spüren. Mal ganz abgesehen von dem Getuschel, was ich einfach ignoriere.

,,Hier", sie deutet auf das Strichmännchen Symbol mit dem Kleidchen und macht die Tür auf. Sofort stürme ich an ihr vorbei und stelle den Wasserhahn an. Ich lasse das kühle Nass über meine Hände laufen und spritze mir auch etwas davon ins Gesicht.

Das hat mich schon immer beruhigt.

Manila scheint mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein, denn als ich mich zu ihr umdrehe, sieht sie mich nur fassungslos an.

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