Teil II - Kapitel 2b

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Das mag  jetzt etwas arg verwirrend sein, aber hier findet ein Zeitsprung statt. Ashley wird  17 Jahre alt.

Montag kam schneller, als ich gedacht hätte. Meine Eltern versuchten nicht mehr, mich zum Essen zu zwingen, denn mein Therapeut hatte gesagt, dass das die Essproblematik verschlimmern würde und so nahm ich mein Essen auf mein Zimmer und schmiss das meiste dort weg. Nur selten aß ich ein paar Bissen. Meistens ernährte ich mich von Obst. Dieses aß ich demonstrativ vor meinen Eltern. Sie freuten sich, weil sie dachten, dass dies ein Zeichen dafür war, dass es mir besser ging. Innerlich freute ich mich darüber, dass sie so leichtgläubig waren.
Die Waage zeigte mit jedem Tag der verstrich weniger an.
Ich triumphierte.

»Du siehst soo viel besser aus, Ash!«, freute sich Oxana, als sie mich sah. Ich rang mir ein halbherziges Lächeln ab, denn für mich bedeuteten ihre Worte, dass ich fett geworden war. Unsicher sah ich an mir herab. »Ich fühle mich auch besser«, ich wunderte mich selbst, wie glatt diese Lüge von meinen Lippen kam. »Das ist so toll«, schwärmte sie und umarmte mich stürmisch. Ich nickte nur.
»So, aber genug, was wolltest Du mir erzählen?«, schwenkte ich um. Wir standen vor dem eisernen Schultor. In wenigen Minuten müssten wir in den Unterricht, doch keiner von uns wollte so wirklich. Die meisten unserer Klasse lehnten gegen die Schulmauer und unterhielten sich angeregt. Ich sah die Fassade aus Backstein hinauf. Das Schulgebäude wirkte mächtig und modern. Viele Fenster waren zu sehen.
Man hörte Vögel zwitschern und das Lachen der vielen Schüler.
»Also, Du wirst es nicht glauben, aber ich habe Matthieu in dem gleichen Dorf getroffen, in dem meine Verwandtschaft wohnt. Er hat einen Freund besucht der dort wohnt und na ja, wir haben total viel unternommen, es war sooo schön«, begann sie zu erzählen. Derzeit war Oxana in Matthieu verliebt, doch das änderte sich schnell. Oftmals verlor sie das Interesse, sobald der Junge auf ihr flirten einging.
Langsam gingen wir in das Schulgebäude.
Oxana erzählte von langen Abenden an einem verträumten See. Sie erzählte von Umarmungen, kicherte viel. Und schlussendlich erzählte sie von Abschieden und wie schwer es ihr gefallen war.
Ich überlegte, wie oft Oxana schon verliebt gewesen war, seit ich sie kannte, doch ich hatte den Überblick verloren. So wie sie könnte ich nicht sein. Ich könnte niemals einen Jungen so nah an mich heran lassen.

Wir standen vor dem Klassenzimmer, als sie plötzlich sagte: »Matthieu feiert Freitag eine Party, kannst Du bitte mitkommen? Ich will dort nicht alleine auftauchen! Und vielleicht finden wir ja auch jemanden für Dich.« Sie zwinkerte mir zu und mir wurde mulmig. Ich wollte auf keine Party gehen. Oxana war knapp ein Jahr älter als ich und sie liebte das Riskante. Sie liebte es, verbotene Dinge auszuprobieren.
Ich wollte jedoch nur alleine sein und nicht essen müssen.
Doch als ich ihren Blick sah, spürte ich, dass sie nicht einfach nachgeben würde.
»Ja ok«, stimmte ich zu, meine Stimme klang jedoch sehr lustlos. »Cool!«, sie schien es nicht zu bemerken und begann darüber zu reden, wie toll es werden würde.

Am Abend der Party stand ich ratlos vor meinem Kleiderschrank. Zu meinem Pech waren meine Eltern begeistert gewesen. Sie freuten sich, dass ich unter Leute kam und vertrauten mir, dass ich keinen Mist machen würde. Insgeheim nahm ich mir vor, ihnen zu zeigen, was sie davon haben würden.
Doch nun warf ich ratlos Kleidungsstücke aus meinem Kleiderschrank auf den Boden. Die meisten Sachen die ich hatte waren zwar schwarz, aber sie waren mir zu groß, verdeckten meinen Körper.
»Ist ja auch egal«, murmelte ich genervt und nahm einfach ein schwarzes T-Shirt. Dazu zog ich eine graue Leggins an. Ich musterte mich im Spiegel. Die Leggins war unvorteilhaft. Sie zeigte meine Problemzonen deutlich. Ich hatte das Gefühl, dass jeder über meine dicken Beine lachen würde. Außer die Jungs, sie würden sich an meinem Anblick ergötzen, sie würden mir wehtun. Ich sah erneut in meinen Kleiderschrank, aber ich hatte nichts anderes.

Punkt sieben Uhr holte Oxana mich ab. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, mich zu schminken oder mir die Haare zu machen. Im Gegensatz zu ihr. Ihre schwarzen Haare hatte sie zu einem eleganten Dutt hochgesteckt. Ihre Augen waren geschminkt und sie trug Lippenstift.
Als sie mich sah, verzog sie kurz das Gesicht, zuckte dann jedoch mit den Schultern.
Wir schwiegen auf dem gesamten Weg. Irgendwie schienen wir beide in unseren Gedanken versunken. Ich dachte daran, dass ich noch nichts gegessen und daran, dass Liv sich noch immer nicht gemeldet hatte. Langsam war ich wirklich besorgt.

»Wir sind da, bist Du bereit?«, riss Oxana mich aus meinen Gedanken. Ich zuckte zusammen und sah mich an. Wir standen vor einem kleinen Einfamilienhaus. Man hörte leise Musik. Gespannt nickte ich.

»Hallo Oxana, hallo Ash«, Matthieu persönlich öffnete uns die Tür. Seine Augen begannen zu leuchten als er Oxana ansah und ich musste schmunzeln. Doch er tat mir leid, denn ich ahnte, dass sie sich demnächst in den nächsten Jungen verlieben würde. Vielleicht sogar auf dieser Party. In seinen besten Freund, solch ein Drama wäre perfekt für Oxana.

Ich setzte mich in eine Stille Ecke und beobachtete das Treiben. Die meisten wirkten überdreht. Die Mädchen hingen an den Lippen der Jungs während diese sich für die größten hielten. Ein paar hatten getuschelt, als sie mich sahen. Doch ich hatte es ignoriert.
Plötzlich hielt mir jemand eine Flasche unter die Nase. Ein ekelhafter Geruch stieg in meine Nase, doch aus Reflex nahm ich sie.
»Trink das, dann wirst du lockerer«, sagte Matthieu. Ich sah auf. Er hatte rote Wangen und glasige Augen. Sein Arm lag um Oxana, sie klammerte sich förmlich an ihn.
Ich musterte die Flasche. Es war Bier.
Ich wollte keinen Alkohol trinken, doch die beiden schienen es zu erwarten und da ich meine Ruhe wollte, nahm ich einen Schluck.
Es schmeckte so ekelhaft, dass ich ein Würgen unterdrücken musste. Doch ich tat, als würde es schmecken und streckte meinen Daumen in die Höhe.
»Komm mal mit«, bat Oxana. Ich erschrak, weil sie so sehr lallte. Dennoch stand ich auf, die Flasche fest umklammert, und folgte ihr in ein anderes Zimmer. Es war ein Jungenzimmer. Vermutlich das von Matthieu. Es hingen Plakate von Autos, Rappern und halbnackten Frauen in dem Raum. Ein kalter Schauder überkam mich. Ich fühlte mich unwohl, wollte fliehen.
»Wir spielen was! Thorben hat härteres Zeug besorgt«, erklärte sie und setzte sich auf den Boden. Ich wollte nichts spielen, ich wollte nach Hause. »Setz dich«, forderte sie mich mit Nachdruck auf und tatsächlich setzte ich mich neben sie.
Ein paar Minuten später kamen die Jungs und zwei weitere Mädchen aus unserer Schule. Sie hatten kleine Gläser gefüllt mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. Jeder bekam eines dieser Gläser und eine Flasche wurde in die Mitte gestellt.
»Wir spielen "ich habe noch nie...". Ich sage jetzt zum Beispiel: "ich habe noch nie geschwänzt" und jeder, der doch geschwänzt hat muss dann trinken, verstanden?«, erklärte Thorben und sah jeden einzelnen an. Ich schluckte. Jeder nickte und er begann: »Also, ich habe noch nie ein schwarzes T-Shirt getrunken«, jeder trank das kleine Glas, das vor ihm stand leer. Nur ich saß wie zur Salzsäure erstarrt auf meinem Platz und wollte nicht.
»Du trägst schwarz, Ashley. Trink!«, befahl Thorben mir. Alle sahen mich an. Ein paar Jungs verdrehten die Augen. Die Mädchen lachten mich aus.
Ruckartig stand ich auf, verließ das Zimmer, lief den Flur entlang und trat aus dem Haus.
Ich rannt so schnell, wie ich konnte. Nur weg. Weg von dem Alkohol, den Jungs, dem Drama. Tränen liefen über meine Wangen. Warum hatte Oxana mir das angetan?
Zum ersten Mal seit langem wollte ich mir wieder wehtun. Ich wollte mich verletzen. Das Blut sehen. Den Schmerz spüren.

Es war noch immer sehr warm draußen, obwohl die Sonne bereits untergegangen war. Ich fürchtete mich, doch zum Glück kam mir niemand entgegen.

Zuhause angekommen knallte ich meine Zimmertür zu und schloss sie ab. Ich lehnte mich gegen die Wand. Mein Atem ging schnell und hektisch. Noch immer schluchzte ich.
Ich wollte nie wieder auf eine Party gehen.
Mein einziger Trost an diesem Abend war es, dass die Waage wieder weniger anzeigte.

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