Der gebrochene Mann

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Der Salon in Malfoy Manor war voller Todesser. Mindestens ein Dutzend von ihnen hatte es sich auf der Couch, in den Sesseln und beim Kamin bequem gemacht. Jonathan Yaxleys Hand lag an meiner Hüfte, als er mich mit gewichtiger Miene durch meinen Salon dirigierte und neben dem Flügel zum Stillstand kam. Keine Sekunde später jedoch entdeckte er seinen Vater in der Nähe der Tür. Yaxley Senior blickte mit überlegener Miene umher, trank in zügigen Schlucken teuren, bernsteinfarbenen Alkohol und wippte teilnahmslos und scheinbar gelangweilt wirkend auf den Fußballen auf und ab.

„Entschuldige mich kurz, Liebes", flüsterte dessen Sohn plötzlich nahe an meinem Ohr, „du verstehst sicherlich, dass ich ein paar Worte mit meinem Vater wechseln möchte, nach all dem Trubel im Ministerium."

Ich lächelte aufgesetzt. „Selbstverständlich." Seine Augen flogen durch den Saal und es war das erste Mal, dass ich neben ihm stand, ohne seinen lauernden oder gar lüsternden Blick auf mir zu spüren. Ja, er sah mich gar nicht, hielt nur meine Hand, abwesend und mit den Gedanken sicherlich nicht bei mir, obwohl ich neben ihm stand. Dann küsste er mich –ohne mir in die Augen zu sehen- kurz forsch und streng der Etikette folgend auf die Lippen, stieß Antonin Dolohow grob aus dem Weg und verschwand eilig in der Menge der wartenden Schar der Gefolgsleute des Dunklen Lords.

Ein kleiner Hauself hielt mir abwartend ein Tablett entgegen. „Wünscht die Miss etwas zu trinken?", piepste der Elf und versuchte mit Mühe, die reichlich gefüllten Champagnergläser auf dem Tablett über seinem Kopf zu balancieren. „Nein, danke", sagte ich, ohne den Elfen eines Blickes zu würdigen und sah mich suchend in dem vollen Salon um.

Ich entdeckte Draco mit einem Whiskeyglas in der Hand bei meiner Tante Bellatrix, die mit dem Rücken zu mir stand. Doch sie war es unverkennbar. Ihre hohe, schlanke Gestalt ragte zwischen den restlichen Todessern, die in den Sesseln hingen oder gekrümmt dastanden elegant und anmutig hervor. Sie hatte eine schmale Taille und schlanke, lange Arme. Ich erinnerte mich unwillkürlich an ihr Bild im Tagespropheten nach dem Massenausbruch aus Askaban. An ihre dunkel überschatteten Augen, ihr wahnsinniges Grinsen, die hohen Wangenknochen, das einst schöne, leicht arrogant wirkende Gesicht... Ihr volles, schwarzes Haar ergoss sich glänzend in wilden Locken über ihren Rücken und in der langfingrigen, schlanken Hand hielt sie in lässiger Eleganz ein Glas mit Elfenwein.

Mein Blick glitt weiter durch den Saal. Einige Meter von mir entfernt saß ein hochgewachsener, blonder, schlanker Todesser in einem Sessel und starrte stumm zu Boden. Er war nicht wie die anderen in Gespräche vertieft oder lachte grölend, sodass der ganze Raum erzitterte, wie beispielsweise Crabbe Senior. Er saß still da und schien mit den Gedanken woanders zu sein. Sein Umhang wirkte abgetragen und das einst samtene Schwarz erschien Grau von Staub und Dreck. Sein langes Haar war wirr und unordentlich. Auch hielt er kein Glas mit teurem Alkohol in der Hand. Seine Hände ruhten lediglich still auf seinen spitzen Knien. Plötzlich hob er den Kopf und ich starrte ihn fassungslos an.

„Vater?", keuchte ich erschrocken. So sehr ich ihn auch hätte hassen sollen, so erleichtert war ich doch in dem Moment, ihn unversehrt vorzufinden. Er war immerhin mein Vater und ich als seine Tochter, die ihm immer und immer wieder verziehen hatte, Ausreden für seine Laune gefunden hatte, mich über die Wunden, die er mir zugefügt hatte, hinweggetröstet hatte, brachte es auch diesmal nicht übers Herz, ihm den Tod zu wünschen, auch wenn ich mich insgeheim gefragt hatte, ob es wohl möglich gewesen wäre, dass er bei dem Vorfall hätte umkommen können. Unweigerlich hatte ich mich bei dem Gedanken erwischt, dass wenn dies der Wahrheit entsprochen hätte, nichts mehr so gewesen wäre, wie vorher... Doch es gab viel größere Übel, als ihn. Und eines war auf dem Weg hierher.

Überrascht hob er den Kopf, entdeckte mich und sprang sogleich auf die Beine. „Mein Kind! Isabella!" Er drängte sich an Rabastan Lestrange vorbei. Sein Umhang war voller Asche. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Der Misserfolg stand ihm nicht. Ich war beschämt, dass ich ihn nicht auf Anhieb erkannt hatte. Er sah gebrochen aus. Anders und fremd. „Oh, wie froh ich bin, dass du dich bekehrt hast", flüsterte er und schloss mich in die Arme. „Meine süße Bella." Das Herz wurde mir schwer, so unsagbar schwer. Er stank nach Alkohol und versenktem Haar und nach etwas anderem. Ein fremder, unbekannter Geruch klebte an seiner Kleidung und ich hielt unwillkürlich die Luft an. Oh, mein missratener, gebrochener Vater...

Isabella Malfoy - You may know my name, but not my story.Lies diese Geschichte KOSTENLOS!