Kapitel 1

862 71 18

Die Nacht, in der ich zur Mörderin wurde...

Ganz ruhig. Atme. Atme. Atme.

„Mierda! Atme!"

Mein Kopf schoss verängstigt in die Höhe, als ich die tiefe Stimme hörte. An meinen Händen klebte Blut.

Scheiße nochmal, Lola! Atme. Reiß dich zusammen!

Verzweifelt schnappte ich nach Luft. Mein Blick glitt zu meinen Händen, mit denen ich vor wenigen Sekunden...ich musste sofort die Polizei rufen. Deine Schuld! Alles nur deine Schuld! Hättest du nicht vorher dein ach so kluges Gehirn einschalten können?

„Kannst du mich hören?", erklang nochmal die gleiche Stimme, aber dieses Mal um einiges ruhiger und dichter. Ich saß immer noch zusammen gekauert an der eiskalten Steinmauer angelehnt und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Zusammen gekauert und völlig zugedröhnt um genau zu sein. Ich sollte weglaufen, falls der Fremde auch dazu gehörte. Jedoch konnte ich mich nicht bewegen. Wie festgefroren blieb ich da wo ich war und versuchte meine Atmung und meinen Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Vor mir sah ich wie ein Paar Füße in meinem Sichtfeld auftauchten. Sie steckten in schwarzen, abgewetzten Boots. Total durchnässt von dem Regen. Der Besitzer dürfte klatschnasse Füße haben. Genauso wie ich. Mein Knöchel pochte. Vermutlich hatte ich ihn mir bei dem Sturz verstaucht. Ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass der Kerl unter mein Kleid sehen konnte, aber trotzdem blieb ich so und ließ meine Beine angewinkelt.

„Hey, rede mit mir!"

Langsam ließ ich meine Augen den Körper des Mannes hochgleiten. Eine einfache Bluejeans mit Löchern. Ein Shirt und darüber eine Lederjacke. Ich konnte gebräunte Haut erkennen, die unter dem V-Ausschnitt hervorlugte. Gerade, als ich das Gesicht meines Gegenübers ins Visier nehmen wollte, hörte ich ihn seufzen. Dann beobachtete ich wie er langsam in die Knie ging, um mit mir auf einer Höhe zu sein, wie ich vermutete. Ich richtete meinen Blick wieder auf meine blutigen Hände. Die Polizei...ich wollte die Polizei anrufen! Und dir dein Studium versauen? Deine Karriere? Hast du schon einmal an deinen Vater gedacht? Wie enttäuscht er wäre? Panisch schluchzte ich auf und schlug mir sogleich auch wieder eine Hand vor den Mund. Wäre ich nur nicht auf die dumme Idee gekommen mich hierhin auf den Weg zu machen. Ich hätte mich jemandem anvertrauen sollen. Ich hätte mit jemandem reden sollen. Vielleicht sogar mit meinem Boss. Damit sie dich feuert? Das letzte, was sie brauchen kann ist eine Praktikantin auf Drogen. Ich hob die Hand, um mir verzweifelt durch die Haare zu gehen, als sich plötzlich zwei warme Hände um meine beiden Handgelenke schlossen. Mein Kopf schnellte herum und ich blickte geradewegs in zwei tief schwarze Augen, welche mich durchdringend ansahen. Kurz setzte mein Herz aus, bis das Rauschen in meinen Ohren endlich aufhörte. Stattdessen hörte ich Wimmern. Es war mein eigenes. Sofort verstummte ich und sah meinen Gegenüber erleichtert aufatmen. Meine wachsamen Augen glitten zu seinem Mund. Die vollen Lippen hatte er fest aufeinander gepresst. Seine dichten Wimpern verschlugen mir für einen Augenblick die Sprache, wenn ich etwas gesagt hätte würden sie es jedenfalls tun. Er hielt mich wie in einer Art Trance gefangen, während sich mein Herzschlag langsam wieder normalisierte und ich seine hohen Wangenknochen genauer betrachten konnte. Wäre ich nicht in dieser Situation gewesen, hätte ich ihn sicher für eine wahre Schönheit gehalten. Aber darüber konnte ich jetzt nicht nachdenken. Mein Gegenüber löste seinen festen Griff um meine Handgelenke wieder und fuhr sich mit einer Hand durch die pechschwarzen Haare. Er ist Latino. Und sofort dachte ich an ihn. Ich drehte meinen Kopf, nur um es sofort wieder zu bereuen. Panisch rappelte ich mich auf, versuchte mich so gut es ging an der Wand abzustützen, bevor ich zu einer der drei Mülltonnen stolperte und mich übergab. Meine vom Blut ganz roten Hände umklammerten krampfhaft meine Tasche, als ich mich wieder aufrichtete und zu Tode erschrak, sobald ich mich umdrehte. Der Latino stand mit unergründlicher Miene direkt hinter mir. Er gehört sicher zu ihnen!

Ich wusste nicht wie ich es geschafft hatte, aber mein Kopf war auf einmal so klar wie seit langem nicht mehr. Für ein paar Sekunden starrte ich dem Mann vor mir panisch in die Augen. Dann stürmte ich los, wäre fast über meine eigenen Füße gestolpert. Ich hatte keine Ahnung wohin. Nur weg von ihm. Von ihnen allen. Mein Fuß schmerzte, aber ich ignorierte es einfach. Wenn ich Glück hatte, hatte mich der Fremde überhaupt nicht richtig erkennen können. Vor Gericht hatte seine Aussage sicher kein Gewicht. Sicher war er selbst auf Drogen. Sonst würde er sich sicher nicht in dieser Gegend rumtreiben. Ich rannte durch Gassen, die ich noch nie gesehen hatte. Durch Straßen, von denen ich nur das Schlechteste gehört hatte. Bis ich um die nächste Ecke bog. Ich fühlte einen festen Griff um meinen Oberarm und stieß einen spitzen Schrei aus. Keine Sekunde später fühlte ich die kalte Hauswand an meinem Rücken und eine im Gegensatz dazu schon fast brennend heiße Hand auf meinem Mund. Der Geruch von Rauch und Wald hüllte mich ein. Es war komisch. Wieso erinnerte mich der Duft dieses Kerles an Wald? Wo wir uns doch mitten in Boston befanden? Einer Megacity.

„Denkst du ich hätte dich nicht schon längst abgemurkst, würde ich es wollen?"

Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken und ich wehrte mich mit aller Kraft gegen seinen festen Griff. Doch ich hatte keine Chance. Tränen stiegen erneut in meine Augen. Würde er mich jetzt vergewaltigen und danach umbringen? Mach dir mal lieber Gedanken daraum, was er gesehen haben könnte!

„Hör zu, ich mach dir ein Angebot: Ich lasse dich los und du rennst dafür weder weg, noch fängst du an zu schreien!"

Schnell nickte ich mit dem Kopf und spürte wie der von ihm ausgehende Druck langsam aber sicher abließ. Ich musste schwer schlucken und fuhr mir mit dem Handrücken einmal über die Lippen. Zitternd holte ich tief Luft und sah zu ihm auf. Selbst, wenn ich so schnell rennen würde wie ich konnte, könnte ich ihm nicht entkommen.Er stand zu dicht vor mir. Außerdem kannte er sich hier viel besser aus als ich. Schließlich konnte er mir nicht einfach so den Weg abschneiden, obwohl er hinter mir war. Er kannte Abkürzungen.

„Was...was willst du?"

„Sagen wir es Mal so: Folge in dieser Nacht meinen Anweisungen und keiner wird jemals erfahren, was geschehen ist, Ángeles de la sangre.

BlutengelLies diese Geschichte KOSTENLOS!