Kapitel 5 - Falsches Vertrauen

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Mit einem Seufzer zieht Martin den USB-Stick aus dem Port am Laptop und nimmt den Kugelschreiber vom Schreibtisch. Mit unsauberer Schrift kritzelt er Maries Namen darauf, fügt noch das Datum hinzu und klemmt den USB-Stick dann in eine schwarze Mappe fein säuberlich hinter ein Gummi. Aufgereiht neben den anderen Sticks, die ebenfalls beschriftet sind. Andächtig zieht er den Reisverschluss zu und verharrt einen Moment gedankenverloren, ehe er die Aufbewahrungsmappe in den Schrank zurück legt. Er wendet sich wieder dem Bildschirm zu, um die letzten Dateien von der Festplatte zu löschen. Auch wenn es ihm schwer fällt, aber da seine Pflegetochter verschwunden bleibt, liegt der Verdacht nahe, sie könnte ihn bei der Polizei angezeigt haben. Er ist besser dran, keine Beweisstücke auf dem Laptop aufzubewahren. Als das Betriebssystem herunterfährt, entschließt er sich, sicherheitshalber die Festplatte auszutauschen. Die neue hat er bereits auf dem Schreibtisch liegen, er muss sie nur austauschen und die alte Festplatte loswerden und sein digitales Fotoalbum an einem sicheren Ort verstecken. Er weiß auch schon wo, aber jetzt will er sich erst um die Hardware kümmern. Der Schraubenzieher, den er sich auf den Tisch gelegt hat, ist zu groß. Grummelnd macht er sich auf den Weg in den Korridor, um aus der Kammer aus dem Schraubenziehersatz, der dort im Regal liegt, ein anderes Exemplar auszuwählen. Als er Maries Zimmer passiert, dringt ihr Geruch zu ihm heraus und zwingt ihn, stehenzubleiben. Seufzend kratzt Martin sich das unrasierte Gesicht und starrt durch den Türspalt in das verlassene Zimmer. Mit einem heftigen Schlag stößt er die Tür auf und geht hinein. Wie immer.

Das einzelbett mit dem weißen Metallgestellt steht direkt unter dem Fenster, darauf liegt die zerwühlte Bettwäsche, die ihn daran erinnert, was geschehen ist, bevor die Situation letzte Nacht eskalierte. Sie hat nichts mitgenommen, hat einfach den Mantel übergezogen und ist hinaus gestürmt. Plötzlich überkommt ihn das Bedürfnis, das Bett herzurichten, also schüttelt er die Kissen auf, legt sie fein säuberlich ans Kopfende und streicht die Bettdecke glatt. Angestrengt zupft er die Decke an allen Ecken und Enden zurecht. Er ist erst ganz zufrieden, als er keine Falte mehr entdeckt. Nachdenklich richtet er sich auf und lässt den Blick durch die Fensterscheibe hinaus auf die Straße gleiten. Es schneit noch immer, der späte Nachmittag ist längst in Dunkelheit gehüllt. Das Spiegelbild seines von Falten geprägten Gesichts, erscheint im Fenster und zwingt ihn seinen Blick abzuwenden.

Wo sie sich wohl aufhält? Ob sie zur Polizei gegangen ist? Sie hat es ihm angedroht, während sie ging. Doch bis jetzt ist niemand aufgetaucht.

Entschlossen dreht Martin sich um und holt den Schraubenzieher, um die Festplatte auszubauen. Er steht schon in der Tür zu seinem Arbeiszimmer, als er im Hausflur Schritte hört. Andächtig lauschend verharrt er im Türrahmen. Kommt sie zurück?

Es sind die Schritte von zwei Personen. Sie ist es nicht. Hat sie ihm doch die Polizei geschickt?

Es klopft von draußen an der Wohnungstür.

Einen Moment überlegt er, so zu tun als sei niemand zu Hause. Doch in der Wohnung brennt überall Licht. Sie würden längst wissen, dass er da ist.

Es klopft erneut, etwas lauter.

Martin steckt den Schraubenzieher in die Gesäßtasche seiner Jeans und geht auf die Wohnungstür zu. Als er davor steht und wieder zögert, klinglt es zweimal hintereinander. Angespannt greift er nach der Türklinke und drückt sie stockend herunter. Er zieht die Tür einen Spalt auf und blickt in ihm fremde Gesichter. Zwei Männer in Polizeiuniform. Seine Knie werden augenblicklich weich, Panik bricht in Schweißausbrüchen in ihm aus.

»Martin Paal?«, fragt der Kleinere von ihnen ihn.

Er nickt stumm, mit einem dicken Kloß im Hals.

»Es geht um Ihre Tochter. Dürfen wir eintreten?« Auffordernd sieht der Polizist ihn an.

»Marie? Ja sicher, kommen Sie rein.« Er öffnete die Tür ganz und macht Platz, damit sie in die Wohnung treten können.

Lichtbringer Vampire: BlutlinieWo Geschichten leben. Entdecke jetzt