Ein besonderes Geschenk

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Ich stieß das gewaltige, dunkle Eichenportal auf. Die heiße Sonne traf mich mit voller Wucht, als ich über den Rasen zu Hagrids Hütte ging. Es war kurz vor dem Beginn der großen Sommerferien und die Wiese war voller Schüler, die in der Sonne lagen und Stoff für die letzten Abschlussprüfungen wiederholten, Süßigkeiten aßen und die Beine im See baumeln ließen oder sich einfach nur unterhielten. Unter ihnen war auch das ein oder andere verliebte Pärchen, die im Schatten der Buche am Seeufer knutschten. Ich atmete tief durch und lockerte den Griff meiner Tasche um meine Schulter ein wenig. Endlich waren die Prüfungen zu Ende. Die ganze Lernerei hatte endlich ein Ende gefunden. Na gut, morgen hatte ich noch meine letzte Prüfung in Arithmantik, aber die würde ich auch noch irgendwie erfolgreich hinter mich bringen. Die letzten drei Wochen hatten nur aus endloser Paukerei in der Bibliothek bestanden. Doch für heute hatte ich mir Katies Notizen geborgt.

Zum Glück war sie mir nicht mehr böse. Ich hatte mich bei ihr entschuldigt und ihr versucht, die Umstände zu erklären. Die ersten Tage hatte sie sich schnippisch gegeben und mir die kalte Schulter gezeigt, aber nach Umbridges letzter Stunde vor den Abschlussprüfungen hatte sie sich einen Ruck gegeben und vorgeschlagen, zusammen für die anstehenden Examen zu lernen. Ich wäre ihr vor Erleichterung beinahe um den Hals gefallen, aber sie hatte nur scheinbar unbeteiligt mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Ich will schließlich die Prüfungen bestehen und du hilfst mir gefälligst dabei, wie es sich für eine Freundin gehört, sonst erkläre ich dich für schuldig, wenn ich bei Snape durch die Zaubertrankprüfung rassle."

Endlich hatte ich das Seeufer erreicht und entdeckte Katie in der Nähe einer schnatternden Gruppe von Hufflepuffmädchen, wie sie es sich zusammen mit Alicia Spinnet im Schatten eines Baumes gemütlich gemacht hatte. Vor ihr ausgebreitet lag ein dickes Exemplar von „Neue Theorie der Numerologie", über dem sie brütete und dabei abwesend eine schokoladenbraune Haarsträhne um den Finger wickelte. Alicias bernsteinfarbene Augen musterten mich nach wie vor mit diesem leisen Hauch an Skepsis, mit der sie mir noch immer begegnete, als ich mich neben ihr ins trockene Gras fallen ließ. Sie hatte ihre Haare heute zu zwei Zöpfen geflochten und pinselte mit gewisslicher Miene apricotfarbenen Nagellack auf ihre nackten Zehen.

Katie hob kurz den Kopf, als ich mich neben sie fallen ließ. „Hi", brummte sie abwesend und fuhr mit dem rechten Zeigefinger und gerunzelter Stirn eine Zahlentabelle nach.

„Hey", sagte ich und lächelte Alicia über Katies Kopf hinweg kurz zu. „Wie liefs mit den UTZs?", fragte ich an sie gewandt.

„Ganz gut", sagte sie und unterbrach für einen Augenblick das Lackieren ihrer Fußnägel, um mir einen schrägen Blick zuzuwerfen. „Ich glaube in Verwandlung bekomme ich ein O, aber durch Wahrsagen bin ich hundert pro durchgerasselt." Sie seufzte. „Ach, ich bin einfach froh, dass ich das Ganze jetzt endlich vorbei ist." Ich nickte. „Geht mir auch so. Morgen hab ichs auch endlich geschafft."

Katie stöhnte genervt auf, schlug „Neue Theorie der Numerologie" zu und drehte sich auf den Rücken, um uns anzusehen. „Ich packs einfach nicht. Diese ganzen Zahlen und Winkel ergeben für mich einfach keinen Sinn. Ich werde so etwas nie wieder in meinem Leben brauchen." Alicia grinste. „Hör du bloß auf", murrte meine Freundin und warf der älteren Gryffindor einen halbherzig erhitzten Blick zu. „Nur weil du schon fertig bist, heißt das nicht, dass andere in deinem Umfeld nicht noch leiden müssen. Du könntest mir ruhig ein bisschen helfen. Professor Vektor mag dich doch so gerne, weil du letztes Jahr irgendeine knifflige Theorie mit ihrer Lerngruppe untersucht hast. Glaubst du, sie verrät dir, was morgen in der Abschlussprüfung drankommt?"

Alicia lachte auf, beugte sich nach vorn und pustete über ihre frischlackierten Zehen. „So gerne mag sie mich dann auch wieder nicht", sagte sie grinsend. „Und außerdem ist es deine Prüfung, Katie. Ich will mit dem ganzen Drachenmist was Examen, Lernzettel oder irgendwelchen Zahlentabellen zu tun hat, nichts mehr am Hut haben. Das einzige, was ich bis zum Abschlussball nächste Woche tun werde, ist, mich mit der Frage zu beschäftigen, welche Frisur ich mir machen werde und ob Angelina mir ihren neuen Lippenstift leiht."

Katie verdrehte genervt die Augen. „Mit wem gehst du?", fragte ich beiläufig. „Lee Jordan", sagte Alicia. „Eigentlich hat mich George Weasley gefragt, aber wie es aussieht bleiben er und Fred der Schule nach dem Vorfall mit Umbridge und den Feuerwerkskörpern bis auf weiteres fern." Katie und ich lachten. „Mit wem gehst du eigentlich, Isabella?", fragte Alicia. Ich verstummte augenblicklich und wechselte einen vielbedeutenden Blick mit Katie. „Sie geht mit niemand bestimmten", sagte Katie kalt, bevor ich auch nur den Mund aufgemacht hatte. Alicia zuckte mit den Achseln. „Na, wenn das so ist..." Beleidigt wandte sie sich ab und beschied sich wieder darauf, ihre Fußnägel zu inspizieren und nachzuprüfen, ob der Nagellack schon getrocknet war.

Isabella Malfoy - You may know my name, but not my story.Lies diese Geschichte KOSTENLOS!