2. 1 (Mama)

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Es dauerte zwei Stunden, aber dann gab der Klumpen Geräusche von sich.

Der Klumpen - so nannte Reta ihr Handy seit einiger Zeit. Oder wenn es schnell gehen musste: Klumpi.

Anlass zu dieser Namensgebung war die Tatsache gewesen, dass Klumpi ziemlich mickrig war. Bald feierte er seinen fünften Geburtstag, was Reta langsam zu denken gab. Wenigstens war ihr Klumpen unzerstörbar und das konnte man von neueren Modellen nicht gerade behaupten.

Nach zwei Stunden gedachte Klumpi jedenfalls, es wäre an der Zeit, seinen allseits verhassten Singsang zum Besten zu geben. Reta musste den schrillen Klingelton wirklich dringend mal ändern.

Ringelingeliiiiiing, pliiiiing, bliiiing, ringelingeliiiiiing...

„Halt die Klappe, Klumpi", grummelte Reta, als sie sich klitschnass unter eine Überdachung flüchtete. Reta hasste Sommerregen. Sie konnte nicht nachvollziehen, was andere Leute so toll an ihm fanden.

Eigentlich wollte Reta nur kurz frische Luft schnappen, ein paar Straßen Dagens erkunden, aber dann hatte es plötzlich begonnen, wie aus Eimern zu schütten. Reta hatte nicht damit gerechnet, weder Kapuze noch Regenschirm parat gehabt. Und bis sie eine Überdachung gefunden hatte, war es um Haare und Klamotten bereits geschehen gewesen.

Folglich hatte sie herzlich wenig Lust, jetzt einen Anruf entgegen zu nehmen.

Schließlich siegte aber doch die Neugier. Also zog sie den Klumpen aus ihrer Hosentasche, der ein paar Tropfen abbekommen hatte, natürlich aber immer noch einwandfrei funktionierte. Unzerstörbar eben.

Welche Zahl ihr das Display verkünden würde? 523? 145? 29? 307?

Hastig richtete Reta ihren Blick auf ebenjene Zahl.

Und es war...

Klar, es war 1. Mama stand in Klammern dahinter.

Reta seufzte. Unter 641 möglichen Anrufern war ihre Mutter selbstverständlich die einzige, die etwas von Reta wissen wollte.

Trotzdem ging Reta ran.

Reta: „Hallo?"

Mama: „Hi Schatz, könntest du Brot mitbringen? Wir haben keins mehr."

Reta: „Klar, sobald ich einen Laden gefunden habe, der nicht vor zehn Jahren dicht gemacht hat."

Mama: „Danke, ich glaube an dich!"

Ihre Mutter legte auf.

Warum sind wir nur hierher gezogen, Mama?, fragte sich Reta, als der Regen nachgelassen und sie ihren Weg fortgesetzt hatte. Berlin, Hamburg, Stuttgart, Mainz, Köln, Wiesbaden, Frankfurt - und jetzt schleppst du mich in das scheinbar größte Kaff der Welt?

Reta gab Dagen drei Monate, dann würde ihre Mutter es hier nicht mehr aushalten.

Geschweige denn Reta.

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