Zoé Pilar Perez

Immer und immer wieder hatte ich Harry beteuert, dass ich nach Hause wollte. Doch er hatte getrunken, wie der Geruch seines Atems, sein unfokussierter Blick und seine Unverblümtheit mir eindeutig verrieten, und somit ließ er nicht locker. Vielleicht ließ er mich nicht gehen, weil es stockduster war und heulender Wind durch die Straßen jagte, während es wie aus Eimern schüttete. Oder, weil ich erst vor wenigen Minuten beinahe vor ihm zusammengebrochen war. Oder, so flüsterte es mir zumindest mein kleines, naives Herzchen zu, weil er mich einfach nicht von sich gehen lassen wollte.

Und letztendlich knickte ich tatsächlich ein und lief neben dem Briten über nasse, kaputte Bürgersteige die angeblich „nur wenigen Straßen" bis zu seiner Wohnung ab.

Ich erkannte mich selbst nicht wieder, wusste nicht, wieso ich mit zu ihm kam. Obwohl, wenn ich meinen Blick von dem dunklen Pflaster unter meinen Füßen löste und Harry musterte, war mir die Antwort glasklar. Meine Dummheit, ebenso wie mein Verlust von Selbstbeherrschung, fand ihren Ursprung in den tiefgrünen, im spärlichen Licht der Laterne funkelnden Augen, welche mich durchgängig musterten. Seine breiten, hohen Schultern, welche mir ein Gefühl von unendlicher Sicherheit vermittelten, waren ebenfalls Schuld, und vor allem seine wenn auch nur minimalen Berührungen - das Streifen meines Handrückens mit seinem Daumen, der leicht ausgedrückte Druck seiner anderen Hand auf meinem Rücken - ließen mich vergessen, dass das Wort „nein" überhaupt existierte.

Harry war fast noch schöner, als ich ihn in Erinnerung hatte. Seine dunklen, langen Haare tanzten unter den vielen Regentropfen, sein Shirt klebte an seiner Brust und die abgefetzten Lederboots waren von silbernen, neuen abgelöst worden. Ich konnte nicht verstehen, wie ein Mensch so wundervoll aussehen konnte. Vielleicht, so dachte ich, wurde er mit jedem geflüsterten Wort und jedem aufrichtigen Lächeln sogar noch schöner, als er es sowieso schon war.

Tatsächlich kam mir der Weg zu seiner Wohnung sehr kurz vor, sodass wir schnell wieder im Trockenen waren. Kaum war die Tür zum Treppenhaus hinter uns zurück in die Angeln gefallen, schüttelte ich vergeblich den Regen aus meinem Haar und blickte frustriert zu meinen durchnässten Schuhen und feuchten Klamotten herab, als ich plötzlich zwei große Hände auf meiner Hüfte wahrnahm. Heißer, stoßender Atem traf gegen meinen Nacken, ließ meine empfindliche Haut prickeln, und ehe ich mich versah, stolperte ich überrascht einige Schritte nach hinten und wurde gegen eine eiskalte Wand gepresst. Gierig wanderten Harry Hände meinen Oberkörper hinauf, hierbei ließ er sich keine Zeit für irgendwelche Zärtlichkeiten, sondern umfasste lieber zügig mit seinen langen Finger meinen Hals und zog meinen Kopf zu sich hinauf.

„Ich habe dich so vermisst, verflucht.", stoß er hervor, seine nasse Stirn lehnte an meiner, sein Blick glitt über meine leicht geöffneten Lippen. „Ich lass dich nie wieder alleine, scheiße, nie wieder."

Er fluchte, seine Berührungen waren harsch und ich merkte ihm deutlich die Wirkung des zu sich genommenen Alkohols an, und dennoch konnte ich mich kaum beherrschen, so sehr wollte ich ihn. Er stand direkt vor mir und gab mir eindeutig zu verstehen, dass er in den nächsten Stunden nicht vorhatte, von mir abzulassen, und dennoch wollte ich mich am liebsten so fest ich konnte an ihn krallen, damit er sich auch ja nicht für auch nur eine winzige Sekunde von mir löste. Mir war bewusst, dass der Abend anders abgelaufen wäre, wenn er genauso nüchtern gewesen wäre wie ich, doch vielleicht wollte ich das ja gar nicht. Vielleicht genoss ich es, dass er sich vollkommen auf mich stürzte, völlig unbeeindruckt von all dem, was zwischen stand, und dem, was morgen sein könnte.

Bevor seine Lippen meine fanden, saugten sie sich an meinen Hals. Er küsste sich von meinem Schlüsselbein hoch, zog eine Linie bis hinter mein Ohr, und zufrieden schloss ich die Augen. Seine kalten Ringe sendeten dort, wo sie meinen Nacken berührten, eisige Schauer durch meinen Körper und ließen zusammen mit seinen gierigen Lippen eine Gänsehaut bei mir aufkommen, ehe ich Harrys Kopf an seinen Schläfen wieder auf Augenhöhe zog. Sein Blick wirkte verloren und ich bildete mir ein, seine Gedanken vor seinem geistigen Auge lesen zu können, und dennoch lag er nur auf mir. Ein Schmunzeln stahl sich auf seine pinken Lippen, er schüttelte kurz wie ungläubig seinen Kopf, umfasste wieder kräftig meine Hüften und beugte sich schließlich erneut vor - dieses Mal, um mich zu küssen.

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