Kapitel 4 - Trennung und Begehren

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Emma kommt gerade aus der Dusche, als ich in unser gemeinsames Quartier zurückkomme.

»Wie ist es gelaufen?«, erkundigt sie sich und nimmt auf der Bettkante Platz.

Ich betrachte ihren wundervollen Körper, während sie die Beine übereinanderschlägt und nach ihrer Körperlotion greift. Mit streichenden Bewegungen beginnt sie, ihr Schienbein einzureiben. Der sanfte Duft von Mandeln erreicht mich und ruft Erinnerungen wach. Gedanken an die Nacht, die das Leben meiner Blutwirtin für immer verändern sollte, holen mich ein. Emmas verhängnisvolle Nacht, in der wir uns das erste Mal begegneten.

Angus und ich streiften durch die regnerische Nacht, um Ausschau nach Dunkelvampiren zu halten. Wir wussten, dass sich unsere Feinde in unmittelbarer Nähe aufhielten und waren uns nicht im klaren darüber, ob sie hinter uns her waren oder nur zufällig die Gegend besiedelt hatten. Jedenfalls waren wir wachsam. Es dauerte nicht lange, bis wir die Geräusche eines Angriffes aus einer Seitenstraße, in der Nähe des Kinos wahrnahmen. Wir folgten dem daraus einhergehenden weiblichen Schrei, bis wir sahen, was wir schon geahnt hatten.

Drei Dunkelvampire fielen über eine Familie her – Emma und ihre Eltern. Sie hatten den Vater getötet, er lag bereits tot im Rinnstein. Als wir um die Ecke bogen, sahen wir nur noch, dass Symar das Genick der Mutter brach, bevor er sich mit seinen Kumpanen auf Emma stürzte, um von ihr zu trinken. Ein Vampir schlug seine Fangzähne in ihren Oberarm, ein anderer in ihre Ellenbeuge und Symar trank von ihrem Hals. An ihren Gedanken war auszumachen, was die Dunkelvampire noch planten, mit dem wehrlosen Mädchen zu tun. Im Bruchteil einer Sekunde zogen wir unsere Schwerter und griffen an. Angus hechtete auf einen der Lakeien zu, während ich es auf Symar abgesehen hatte. Der wich mir geschickt aus und warf mir seinen Mann entgegen, den ich bei der Gelegenheit schneller enthauptete, als dieser begreifen konnte, was überhaupt los war. Er war ein Jungvampir und nicht in der Lage sich gegen erfahrene Männer, wie uns zu verteidigen. Symar entkam, während Angus den anderen ebenfalls tötete. Wir beschlossen uns, um sein Opfer zu kümmern, anstatt ihm nachzujagen. Ein bisschen bereue ich diesen Entschluss, wenn ich daran denke, dass ich dieses scheußliche Individuum schon damals hätte kalt machen können. Auf der anderen Seite bin ich froh darum, dass wir so Emma begegneten.

Sie befand sich in einer Schockstarre, betrachtete ihre getöteten Eltern und die Übernatürlichen auf dem Boden, dessen Überreste noch von uns beseitigt werden mussten. Emma fiel uns kraftlos in die Arme, das Blut lief aus ihren Wunden und entfaltete einen einzigartigen Duft. Zu dieser Zeit war ich es leid, mich mehrmals die Woche an fremden Menschen zu vergehen – manchmal an jenen, bei denen ich ein schlechtes Gewissen hatte, mich von ihnen zu nähren. Oft suchte ich mir welche aus, in deren Gedanken ich las, dass sie Verbrecher waren. Kleinkriminelle, Vergewaltiger, mir lief häufiger als man es für möglich halten würde, sogar der ein oder andere Mörder über den Weg. Manchmal jedoch, wenn ich mich dringend nähren musste, war es schwierig auf die Schnelle zu finden, was ich suchte. Einmal habe ich ein Mädchen angefallen, kaum älter als Emma. Allerdings hatte ich eine andere Technik, als diese verfluchten Dunkelvampire. Niemals würde ich einem Menschen absichtlich Angst einjagen oder ihn spüren lassen, was ich mit ihm tue. Normalerweise setzte ich meine Blutwirte unter eine leichte Hynose, nahm mir was ich brauchte, versiegelte die Wunde mit einer Berührung und löschte die Erinnerung meines Opfers. Nur so konnte ich das Nehmen von Fremden mit meinem Gewissen vereinbaren. Dass Dunkelvampire über kein Gewissen verfügen, stand für mich schon immer außer Frage.

Ich war mir sicher, den besonderen Geschmack Emmas Blut wussten sie nicht zu schätzen. Sie war eine bildschöne Erscheinung, mit einem angenehmen Duft, der mir sofort auffiel. Und da sich in Angus' Kopf ähnliche Überlegungen anbahnten, wie in meinem, ergriff ich die Gelegenheit.

»Ich biete ihr an, meine Blutwirtin zu werden«, sagte ich zu Angus.

Im gleichen Moment überließ er ihren grazilen Körper vollkommen meinen Armen und zog sich respektvoll von uns zurück. Ich versetzte die verstörte junge Frau in einen hypnotischen Schlaf, damit sie nicht mitbekam, wie wir die Leichen mit Kraft unseres Willens entflammten. Der ganze Spuk dauerte ein paar Sekunden, dann war weder von ihren Eltern, noch von den Angreifern noch eine Spur übrig. Die Asche der Toten wurde vom Regen weggespült.

Lichtbringer Vampire: BlutlinieWo Geschichten leben. Entdecke jetzt