1. Anfang

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Weil Reta angerufen werden wollte, bat sie darum, nicht angerufen zu werden.

Was im ersten Moment kein bisschen logisch klang, machte im zweiten sehr viel mehr Sinn.

Menschen waren verkorkst. Wollte man, dass sie etwas taten, taten sie es aus Prinzip nicht. Wollte man hingegen, dass sie etwas nicht taten, konnten sie der Versuchung nicht widerstehen, es trotzdem zu tun.

Dies war der Grund, warum Reta vorhatte, ihren WhatsApp-Status in „Bitte nicht anrufen" zu ändern, obwohl sie das Gegenteil beabsichtigte.

Ein anderer Grund war, dass sie keine Langweiler gebrauchen konnte, die sich stur an Regeln hielten. Oh nein, Reta wollte Leute, die diese hinterfragten.

Warum sie sich nicht der viel effektiveren Methode bediente, die Glücklichen einfach selbst auszuwählen und anzurufen, hatte eine simple Erklärung. Reta besaß für ein solches Vorhaben weder das nötige Kleingeld, noch hatte sie eine Ahnung, wen sie hätte anrufen sollen.

Es war nicht so, dass sie keine Kontakte hatte. Durch sieben Umzüge  in den letzten vier Jahren hatte sie 641 zusammengekratzt. Ein paar dutzend Nummern dürften zwar nicht mehr aktuell sein und etwa zwei Sechstel hatten Reta vermutlich nicht oder nicht mehr eingespeichert, aber es blieben immer noch Hunderte übrig.

Da Reta sich allerdings nie die Mühe machte, Freundschaften zu pflegen oder überhaupt erst enge zu knüpfen, kannte sie so gut wie all ihre Kontakte nur flüchtig. Es gab Ausnahmen. Welche, an die sie noch einige Erinnerungen hatte, und welche, an die sie nie welche gehabt hatte. Reta speicherte lediglich jede Nummer ein, die sie in einer der zahlreichen WhatsApp-Gruppen vorfinden konnte. Wie sie dies bewerkstelligte, ohne Namen zu kennen, war schrecklich banal. Jede Nummer bekam, nun ja, eine Nummer. Aus Anna Müller wurde 432 und aus Max Schneider 49. Sogar Retas Eltern waren Teil des Nummernsystems. Das war auch die Ursache, warum sie Nummern, die sie nicht mehr brauchte oder die nicht mehr aktuell waren, nicht einfach löschen konnte. Es würde ihr ausgeklügeltes System zerstören, es würde zu Lücken führen. Oder wäre es plausibel, Nummer 546 auf 538 folgen zu lassen? Sicher nicht. Um sich in dem Gewirr aus Zahlen dennoch zurechtfinden zu können, hatte Reta hinter manche Nummern in Klammern einen Namen gesetzt.

Was das Bedürfnis in ihr entfacht hatte, telefonieren zu wollen, wusste sie selbst nicht so genau. Pure Langeweile vielleicht? Es waren Sommerferien und das einzige, womit Reta diese verbringen würde, war mit dem Auspacken von Umzugskartons. Andere Leute gaben das über das Jahr angesparte Geld für einen vernünftigen Urlaub aus, Retas Mutter leistete sich davon weitere Umzüge.

Reta war es leid, ständig von vorne anfangen zu müssen, sich immer wieder neue Gesichter und andere Straßen einzuprägen.

Und genau deswegen saß sie nun auf ihrem Bett und drückte auf ihrem Handy den OK-Button, um ihren WhatsApp-Status zu aktualisieren.

Sie hatte beschlossen, diesen Sommer anders zu verbringen als all die letzten. Diesmal würde sie nicht auf der Suche nach neuen Bekanntschaften sein. Diesmal würde sie sich finden lassen. Von Menschen, die ihr bekannt waren und die es trotzdem nicht waren. 641 Kontakte. Sie wollte, dass sie mehr für sie wurden als nur eine Zahl.

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Dein aktueller Status: Bitte nicht anrufen

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