Zoé Pilar Perez

Nicks Stimme erreichte meine Ohren nicht, zog an mir vorbei wie die grauen Wolken hinter unseren Fensterscheiben, und dennoch erregte seine Anwesenheit meinen Puls. Mein Atem bebte, und indem ich meine Hände zu Fäusten ballte, versuchte ich, meine Wut auf ihn zu lindern.

Ich wusste, dass er nichts hierfür konnte. Nick konnte nichts dafür, dass wir uns geküsst hatten - ich hätte es verweigern können. Er konnte nichts dafür, dass Harry nun vermutlich dachte, ich hätte längst mit ihm abgeschlossen - er hatte keine Ahnung, wer am anderen Ende der Telefonleitung war, und vor allem konnte er nichts dafür, dass Harry und ich scheinbar nicht mehr zusammenfinden sollten.

Das rote, qualmende Teufelchen in meinem Kopf heuchelte mir vor, dass er jedoch mit seiner tollen Party schuld daran war, dass ich die Kontrolle über mich verloren hatte, und dass er dies geschickt ausgenutzt hatte.

„Zoé, was ist los?" Seine Finger berührten sachte meinen nackten Oberarm, ganz anders, als er mich gestern Nacht angefasst hatte, als würde er ahnen, wie gereizt ich war.

„Bitte sag mir, was passiert ist, als wir nach Hause gekommen sind."

Langsam drehte ich mich zu meinem Mitbewohner, wessen Blick mich sofort untersuchte.

„Nichts, du bist weinend zusammengebrochen und dann sofort eingeschlafen."

Riesige Steinbrocken fielen von meinem Herzen, auch wenn das Harry auch nichts mehr bringen würde. Wenigstens hatte ich nicht mit Nick geschlafen.

„Das gestern hätte nie passieren dürfen.", flüsterte ich und wich seinen Augen aus.

„War das gerade Harry?"

Seine Frage überraschte mich und dennoch blieb mir nichts anderes übrig als zu nicken, woraufhin er sich seufzend durch die Haare fuhr.

„Oh scheiße, scheiße, scheiße. Zoé, es tut mir leid."

Er streckte einen Arm nach mir aus, doch ich trat einen Schritt nach hinten.

„Ich weiß. Du hast es nur gut gemeint."

Er biss sich auf die Unterlippe, ich drehte mich und griff nach den erstbesten Kleidungsstücken, die ich finden konnte. Ohne Nick ein weiteres Wort zu schenken, huschte ich in unser Badezimmer, zog mich um und versuchte meine Haare irgendwie in Form zu bringen. Die verschmierte Schminke von gestern wurde von einem einfachen Tagesmakeup abgelöst. Ich ahnte bereits, dass ich furchtbar nach Alkohol, Schweiß und Rauch stank, doch es war mir egal.

Ich atmete tief ein, als ich endlich die stickige Wohnung über das Treppenhaus verlassen hatte und auf der Straße stand. Meine Lungen beruhigten sich etwas füllten sich wieder mit Sauerstoff, und gleichzeitig stiegen mir Tränen in die Augen.

Ein rascher Blick auf mein Handy verriet mir, dass ich in erst drei Stunden bei der Arbeit erwartet wurde, weshalb ich erstmal einfach nur durch die Straßen in unserem Viertel stromerte. Ich war bei weitem nicht die einzige, die hier mittags unterwegs war, und dennoch nahm ich all die anderen Menschen nicht war. Einzig und allein Harrys verletzte Augen schienen mich mit jedem Schritt zu verfolgen und das schlechte Gewissen breitete sich durch meinen ganzen Körper aus, kroch durch jene Vene und ließ mein Herz unkontrolliert stolpern.

Ziellos lief ich durch die Gegend und machte erst vor einer Buchhandlung einer wohl bekannten Kette halt. Zwar hatte ich noch nie Gefallen daran gefunden, in meiner Zeit etwas anderes zu lesen als die Karte unseres Cafés, doch das Regal mit Reiseführern, welches aufgrund der hübschen Deko und vielen Weltkarten sogar von draußen den Passanten ins Auge fiel, zog mich an.

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