1. Kapitel

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Ich war eine der ersten, die von dem schrecklichen Ereignis erfuhr. Gerade machte ich mir einen Kaffee und bereitete mein Frühstück vor, als Dean anrief.
Die Verbindung war schlecht und er musste schreien, um die Geräuschkulisse New Yorks zu übertönen. Vielleicht schrie er auch, weil er so aufgeregt war, seine Stimme überschlug sich fast und er verhaspelte sich oft. Er redete zu schnell und ich presste das Telefon an mein Ohr, bemüht etwas zu verstehen.
Doch bereits nach ein paar Sätzen konnte ich nicht mehr folgen. "Was?", fragte ich und sah zu, wie der Kaffee aus der Maschine in die Tasse tropfte.
Aber Dean achtete nicht auf mich und sprach einfach weiter. Das Telefon schien von seinen Sätzen bereits überzufließen und ich wunderte mich, dass mein bester Freund keine Atempause einlegen musste.
"Dean, ich verstehe überhaupt nichts", sagte ich und lehnte mich an der schmalen Küchentheke an. Erst als ich den Satz bereits zum dritten Mal wiederholte, hörte er mir endlich zu.
"Komm einfach, beeil' dich!", rief er mir durch das Telefon zu und im nächsten Moment hatte er aufgelegt.
Verwirrt ließ ich den Hörer sinken. Was war das denn gewesen? Und warum sollte ich jetzt schon zum Theater fahren? Mein Kaffee und das spärliche Frühstück waren mir heilig und das wusste Dean genau. Aber da ich ihn noch nie so aufgeregt erlebt hatte, kippte ich den Kaffee seufzend in eine Thermoskanne und schob mir das Toastbrot mit ein paar Bissen in den Mund.
Dann griff ich nach meiner Tasche und den Schlüsseln und verließ das Appartement. Meine Gelenke knackten, als ich die Treppe hinunterstieg. Der Schlaf steckte mir noch in den Knochen und mein Kopf fühlte sich wie Watte an. Ich grüßte die alte Frau aus dem zweiten Stock, deren Name ich noch immer nicht aussprechen konnte, weil sie Inderin war, und trat schließlich auf die Straße hinaus.
Noch fuhren nur wenige Autos an mir vorbei, aber man hörte bereits das Hupen und die allgegenwärtigen Motorengeräusche. Es war kühl, die Sonne hatte sich noch hinter den grauen Wolken versteckt und ich wurde das Gefühl nicht los, dass etwas Schlechtes in der Luft lag.
Aber ich verdrängte das Gefühl wieder und schluckte den Kloß in meinem Hals mit etwas Kaffee hinunter. Es war auch möglich, dass Dean endlich zum Halbsolisten ernannt worden war und seine Begeisterung am Telefon kundtun musste.
Die nächste Station der New Yorker Subway lag nur ein paar Straßen entfernt und je weiter ich mich ihr näherte, desto mehr Menschen kamen mir entgegen. Ich mischte mich unter die vielen Geschäftsleute, Touristen und Schüler und ließ mich mit dem Strom treiben. Die Stimmen der Frauen und Männer vermengten sich mit den Klängen einer kleinen Musikergruppe, die vor dem Eingang zur Subway spielte.
Kurz schloss ich die Augen und lauschte ein paar Takten. Vor mir sah ich mich dazu tanzen und meine Schritte wurden federnder. Ehe ich mich weiter mit den Bewegungen beschäftigen konnte, die zu der Melodie passen würden, rempelte mich jemand an und riss mich somit aus meiner Trance. Schnell passte ich mich wieder dem Schritttempo der Menge an. Ich hatte noch den Geschmack des Kaffees im Mund und ich sehnte mich danach, noch einen Schluck von dem Getränke zu nehmen, aus dem beinahe die Hälfte meiner Mahlzeiten bestanden, verwarf den Gedanken jedoch sofort, als mich jemand heftig anrempelte.
Gerade als ich an den Gleisen ankam, fuhr eine Bahn vor und ich drückte mich an den Aussteigenden vorbei, um noch einen Sitz zu ergattern. Die Luft in der Metro war stickig und warm. Ich hielt meine Thermoskanne fest umklammert, während ich die Leute beobachtete, die einstiegen. Je näher wir dem Zentrum kamen, desto enger wurde es und desto mehr wuchs meine Aufregung. In meinem Kopf malte ich mir bereits die verrücktesten Gründe aus, weshalb Dean mich vorhin angerufen hatte.
Wir kannten uns schon seit über fünf Jahren und hatten dieselbe Ballettschule besucht. Obwohl Dean ein Jahr älter war, hatten wir uns immer gut verstanden und nachdem wir beide in die New Yorker Ballettkompanie aufgenommen worden waren, waren wir sogar in ein gemeinsames Appartement gezogen. Und all die Jahre über hatte ich meinen besten Freund nur wenige Male so aufgelöst erlebt: als er seine Abschlussprüfung bestanden, sich seine Freundin von ihm getrennt, er sein Engagement erhalten hatte und sein Großvater gestorben war.
Als die Subway endlich an der Station am Theater anhielt, klopfte mein Herz bereits schneller und meine Hände zitterten leicht. Die Tasche und den Kaffee dicht an meinen Körper gepresst, schlängelte ich mich durch die vielen Menschen, die zur Rushhour jeden Zentimeter der Gänge des Untergrunds einnahmen.
Hoffentlich wurde Dean zum Halbsolisten ernannt, betete ich immer wieder inständig. Er hatte vor allem in diesem Jahr bedeutende Fortschritte gemacht und es sich verdient, nun mehr Verantwortung übernehmen zu dürfen.
Als ich ins Freie trat, atmete ich erleichtert die frische Morgenluft ein. Ein paar Sonnenstrahlen hatten sich durch die Wolkendecke gekämpft und viele New Yorker trugen bereits Sonnenbrillen, obwohl das Licht nicht einmal ansatzweise stark genug war, um zu blenden.
Das Theater lag nur ein paar Fußminuten entfernt und Dean stand schon vor dem Eingang und wartete auf mich, um ihn herum andere Tänzer, die miteinander redeten und sich zu mir umdrehten, als ich sie begrüßte. Ihre verunsicherten Blicke streiften mich und in vielen Gesichtern sah ich Ratlosigkeit.
"Endlich, Lou", empfing er mich und legte mir einen Arm um die Schultern, um mich etwas zur Seite zu ziehen.
"Was ist los?", fragte ich beunruhigt, als er mich ernst anschaute. Eigentlich hatte ich tolle Nachrichten erwartet, doch nun schien die Stimmung zu kippen.
Deans Blick huschte hin und her und er beugte sich nach vorne, als wolle er mir etwas Geheimes zuflüstern. "Hast du es gehört?", raunte er mir zu und bei seiner tiefen Stimme lief mir ein Schauer über den Rücken. Er klang gehetzt und ich bemerkte, dass die Ader auf seiner Stirn pochte. Das tat sie nur, wenn er gestresst oder wütend war. Aber als ich ihm in die grauen Augen sah, meinte ich, Angst darin zu erkennen.
"Nein, ich habe vorhin kein Wort verstanden", drängte ich und befeuchtete meine Lippen mit der Zunge. Mein Herz klopfte lauter und Besorgnis machte sich in mir breit.
"Es ist etwas Schlimmes passiert", erwiderte Dean und beugte sich zu mir hinunter. "Niemand weiß Genaues, aber Ruth soll so schwer verletzt sein, dass sie nie wieder tanzen können wird."
"Ruth Powell?", wiederholte ich. Sie war die älteste und erfahrenste erste Solistin am Theater, zählte zu den besten Tänzerinnen Amerikas und jeder schaute zu ihr auf. Unter Tanzschülern galt sie als Legende und es war nicht zuletzt ihr Verdienst, dass das New Yorker Ballett sich auf den Spitzenplätzen der weltweit besten Theater hielt. Und ausgerechnet ihre Karriere sollte so plötzlich zu Ende sein?
"Ja, aber es gibt nur Gerüchte, was passiert ist", antwortete Dean und legte mir beide Hände auf die Schultern. "Die Vermutungen reichen vom Autounfall bis zum Verbrechen."
Diese Aussage fühlte sich wie ein Schlag in den Magen an. Ich presste die Lippen zusammen und schwieg. Zwar gab es viele Gerüchte und die meisten erwiesen sich bald als falsch, doch über das Wohl eines anderen wurde nicht gescherzt.
Und als ich in die Gesichter der anderen sah, wusste ich, dass tatsächlich etwas geschehen sein musste. Etwas so Schlimmes, das Ruth daran hinderte, weiterhin zu tanzen.
Ein flaues Gefühl breitete sich in mir aus und ich verhakte meine Finger ineinander. "Wer hat das erzählt? Woher weißt du, dass Ruth nicht mehr tanzen können wird?"
"Jemand hat es beim Frühstück gesagt", antwortete Dean und ich bemerkte, dass er blass war. "Deshalb habe ich dich angerufen. Irgendwie kann ich das nicht begreifen."
"Es ist nur ein Gerücht und wir wissen nicht, ob es jemand lediglich aus Langweile in die Welt gesetzt hat", redete ich ihm zu und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. Doch Deans besorgter Gesichtsausdruck blieb. Mein bester Freund wirkte trotz seiner stattlichen Größe auf einmal klein, schwach und verloren. Er schaute in die Ferne und schien in seiner eigenen Gedankenwelt gefangen zu sein.
"Lass den Kopf nicht so hängen", meinte ich und lächelte ihm zu. "Bestimmt ist Ruth kerngesund und nichts und niemand kann sie vom Tanzen abhalten."
Aber Dean ließ meine Worte einfach an sich abprallen. "Es ist wirklich etwas passiert, ich weiß es."
Deans unheilverkündende Stimme jagte mir einen Schauer über den Rücken. So hatte ich ihn noch nie sprechen hören.
Wortlos hakte ich mich bei ihm ein und ging zu den anderen Tänzern zurück, die noch immer vor dem Eingang standen. Ihre beunruhigten Mienen machten mir Angst und ich wurde nervös. War Ruth wirklich etwas zugestoßen? Gestern Abend hatte sie noch bei der Aufführung getanzt, vielleicht hatte sie danach die Aufregung übermannt und sie war kurz am Steuer eingenickt? Aber normalerweise nahm sie die Subway, das wusste ich.
Mit halbem Ohr hörte ich zu, wie die anderen darüber rätselten. Ein paar Leute blieben still, aus den Mündern der anderen purzelten die Vermutungen im Sekundentakt. Dean und ich standen teilnahmslos daneben und hingen unseren eigenen Gedanken nach.
Mit ihren Spekulationen schürten die Tänzer die Unruhe, die längst zwischen ihnen entstanden war. Ich hoffte inständig, dass sich die Vermutungen nur als Hirngespinste entpuppen würden und daraus nicht schreckliche Realität wurde. Vor allem betete ich dafür, dass Ruth bald auftauchte, um uns aus dieser schrecklichen Ungewissheit zu erlösen. Meine Unterlippe schmerzte bereits, weil ich unbewusst auf ihr herumgekaut hatte.
Für einen Moment schaute ich zu Dean hinüber. Sein Blick war in die Ferne gerichtet und die Menschen und die Zeit gingen an ihm vorbei, ohne dass er es merkte. Die Lippen hatte er leicht geöffnet und eine seiner Gesichtshälften lag im Schatten. Seitdem seine Schwester im letzten Jahr einen Autounfall gehabt und einige Verletzungen davongetragen hatte, war er vorsichtiger geworden und ich wusste, dass er sich um Ruth sorgte.
Ein Theater ohne sie wäre wie ein Tutu ohne Rock. Ihre Position hatte sie nicht überheblich werden lassen und sie half jedem, der ihre Hilfe benötigte. Sie war durch und durch ein positiver Mensch und selbst nach einem anstrengenden Tag ruhte stets noch ein sanftes Lächeln auf ihren Lippen. Ohne Ruth war ein Theater unvorstellbar.
Die kühle Morgenluft drang langsam durch meine dünne Kleidung und ich schlang die Arme um meinen Oberkörper, um mich warmzuhalten. Meine Lippen waren spröde und ich drückte sie aufeinander, um nicht wieder daran herumzunagen.
Die Nervosität, die die Ungewissheit in mir hervorrief, fraß mich von innen auf und ich dachte gleichzeitig an alles und nichts. Wie Blitze durchzuckten mich die Gedanken und waren im nächsten Augenblick wieder verschwunden. Ich blendete die Stimmen der anderen, das Geräusch der vorbeifahrenden Autos und die Schritte der Menschen aus. Alles verwob sich zu einem tiefen Summen und ich atmete tief durch.
Irgendwann sagte Dean etwas zu mir, aber ich hörte ihm nicht zu, sondern nickte nur, als hätte ich ihn verstanden. Seine Worte prallten an mir ab und fielen in seinen Mund zurück. Es kam mir vor, als würde er sie hinunterschlucken. Dann drehte er sich von mir weg und schaute wieder ins Nichts. Die Besorgnis in seinen Augen schimmerte grauer als Gewitterwolken und die Gesichter der anderen waren so blass wie die schmalen Schäfchenwolken, die am Himmel vorüberzogen.
Obwohl wir jeden Tag miteinander um die besten Rollen konkurrierten, waren wir trotzdem etwas wie eine Familie. Das Tanzen verband uns und die Annahme war schmerzhaft, dass vielleicht ein Teil davon fehlen würde, Ruth. Denn sie war für die meisten von uns wie die Mutter unserer kleinen Gemeinschaft. Umso größer wäre das Loch, das sie hinterlassen würde.
Ich wusste nicht, wie lang wir vor dem Theater gestanden und gewartet hatten. Es waren immer mehr Tänzer dazugekommen und nach einiger Zeit redete niemand mehr. Das Schweigen verband uns miteinander und tröstete mich. Da war nur noch der Lärm von New Yorks Straßen.
Schließlich nahm mich Dean an die Hand und wir folgten den anderen mit gesenkten Köpfen ins Theater hinein, nicht ohne einen letzten, hoffnungsvollen Blick nach hinten zu werfen. Aber Ruth war nirgends zu sehen.

AusgetanztWo Geschichten leben. Entdecke jetzt