K a p i t e l 1 9

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Kapitel 19

Mit rot geschwollenen Augen lag ich auf meinem Bett. Immer wieder ging ich meinen Ritt in Balve durch und versuchte irgendwie zu verstehen wie es zu dem Sturz kommen konnte. Doch am Ende kam ich immer wieder zu dem Entschluss, dass wenn ich meine Knie nicht zusammengepresst hätte, wir passender über den Sprung gekommen wären und nicht so wie wir es getan hatten. Wir waren zu schnell, der Graben zu breit und Cooper zu kurz. Es war so ein aufhaltbarer Reiterfehler gewesen. So aufhaltbar.

Ich öffnete meine Augen und mein Blick viel auf den Wecker; 15:48 Uhr. Müde schleppte ich mich zu meinem Schreibtisch und blickte auf die Koppeln hinaus. Einige Jährlinge tollten sich dort herum und schlugen mit ihren Schweifen die lästigen Fliegen von ihren Kruppen.

Ich biss mir auf meine Unterlippe, als ich die Schublade des Schreibtisches aufzog und einen großen weißen Umschlag herauszog. In großer Blauer Schrift stand in der Mitte des Umschlags: Sanitätsdienst Wir. Dienen. Deutschland darunter BWK Ulm.

Ich schluckte schwer und öffnete den großen Umschlag. Eine CD flog heraus, doch mich interessierten nur die Blätter, die sich darin befanden.

Die ersten zeigten eine gebrochene Nase. Sie war ganz schön schief, das hätte sogar ein Anfänger ohne große Mühe diagnostizieren können. Fast einen ganzen Zentimeter war die Nase verschoben worden.

Ich legte ein anderes Blatt in meine Hände und musterte es ganz genau. Ein Arzt hatte verschiedene Bereiche des Gehirns eingekreist und beschriftet. Ausgeweiteter Seitenventrikel und Ventrikeleinbruch. Alles um eine weiße Fläche herum, die Blutung.

Ich schluckte schwer und meine Augen suchten den Namen oben Links. Dorothea Schwarz stand dort und zitternd atmete ich aus während ich meine Augen schloss. Das waren meine Bilder. Das waren nicht die Bilder eines anderen Menschens. Ich hatte diesen schweren Unfall gehabt und niemand anderes.

Ich schloss meine Augen und versuchte mich an den Unfall zu erinnern. Doch da war nichts. Da war nur noch eine Schwärze, sonst nichts. Es war so, als wäre dieser eine Tag in meinem Leben nie passiert. Als wäre er ausradiert worden. Ich wusste kein einzelnes Detail mehr. Da war schlicht und ergreifend nichts mehr.

Schnell packte ich die ganzen Blätter und die CD wieder zurück in den Umschlag. Doch als ich einen USB-Stick entdecke, der ebenfalls aus dem Brief gefallen war hielt ich inne.

Ich schüttelte meinen Kopf und steckte den Stick in meinen Laptop ein. Noch schlimmer könnte es eh nicht mehr werden, und wenige Minuten später ploppte der Videoplayer vor mir auf.

Ich druckte auf Play und beobachtete aufmerksam den Bildschirm.

Rhythmisch galoppierten Cooper und ich auf einen blauen Steilsprung zu, nur um dann eine scharfe Rechtskurve zu machen um gerade über einen grünen Oxer fliegen zu können. Coopers Hufe donnerten unter mir und als wir den Oxer hinter uns gelassen ging es auf gerader Linie auf einen vier Meter breiten Wassergraben zu. Ohne Probleme glitten wir darüber und schon über dem Sprung verlagerte ich mein Gewicht nach Links. Ein Galoppsprung nach dem Graben und schon drückte sich Cooper in die von mir vorgegebene Richtung. Allerdings strauchelte Cooper und schon rutschten seine Vorderbeine auf dem nassen Grasboden nach Rechts weg. Zu schnell um zu reagieren können knallten seine Hinterbeine auf den Boden. Ich sprang ab um nicht unter ihm begraben zu werden. Die Reiterin bewegte sich nicht mehr, während Cooper schwärfällig auf die Beine kam und sich schüttelte. Auch er schien verwirrt darüber, was gerade passiert war. Wie aus dem Nichts tauchten Sanitäter auf und sprinteten auf mich zu. ... dann brach das Video ab.

Mein Blick richtete sich auf. Gedankenverloren starrte ich auf die Jährlingsweiden und suchte in den Ecken meines Gehirnes nach irgendwelchen Anhaltspunkten, die mich zurück in das Jahr 2014 brachten.

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