K a p i t e l 1 8

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Kapitel 18

Balve Optimum
So, 05. Juni 2016
[11:29 Uhr]

Reporter PoV

„Einen wunderschönen guten Tag meine Damen und Herren. Bitte begrüßen sie die Siegerin der ersten Vorrunde aus Braunschweig, Dorothea Schwarz und ihr Erfolgspferd Agend Cooper!

Mal sehen ob sie auch heute wieder den Sieg holen kann und das Preisgeld in Höhe von knapp Zwei Tausend Euro mit nach Hause nehmen kann. Doch dafür muss sie erst in das Stechen kommen. Die junge Reiterin trainiert mit gerade Mal Achtzehn Jahren im Stall von Ludger Beerbaum, doch hier ist sie.

Ruhig reitet sie den ersten Sprung an und schon ist der rote Oxer überwunden. Auf gerader Linie geht es weiter auf den nächsten Steilsprung und eine enge Wendung nach Links und sie ist über den nächsten Oxer geflogen.

Wenn ich kurz anmerken darf, das Paar sieht so harmonisch aus, da könnten sich manch andere Reiter wohl eine sehr große Scheibe abschneiden. Den fünften und sechsten Sprung hat sie fehlerfrei überwunden.

Der nächste Sprung ist ein mächtiger Wassergraben, der nebenbei angemerkt eine Breite von ganzen dreieinhalb Metern hat. Doch mit so viel Schwung ist noch niemand an das Hindernis heran geritten."

Dorothea PoV

Das rhythmische trommeln von Coopers Hufen unter mir gab mir die nötige Sicherheit die ich heute brauchte. Heute war Sonntag, eigentlich ein ganz normaler Turniertag, doch schon seit heute Morgen beschlich mich ein mulmiges Gefühl.

Vielleicht weil die Prüfung auf internationalen Showboden stattfand, weil hier schon Reiter etwas gewonnen haben, zu denen ich aufsah. Vielleicht aber auch weil heute noch die Deutschen Meisterschaften genau nach dieser Prüfung ausgetragen wurden. Dementsprechend waren auch schon viele Zuschauer auf den Tribünen und verfolgten eher weniger Interessiert unsere U25 Prüfung.

Cooper war wie immer ganz gelassen und ich versuchte mir einzureden, dass alles gut war. Doch es erfüllte nicht ganz seinen Zweck. Stattdessen wurde ich noch viel aufgeregter.

Ich blinzelte kurz und konzentrierte mich wieder auf mein Pferd. Der Blaue Steilsprung war hinter uns gelassen wurden und es fühlte sich für einen Moment an, als würde alles in Zeitlupe geschehen.

Gleichzeitig atmeten Cooper und ich aus und es fühlte sich so an als würden unsere Herzen für eine Sekunde gleich schlagen. Ich presste meine Knie zusammen und trieb ihn auf den Wassergraben zu, der urplötzlich sich riesig vor uns aufmachte.

Ich riss meine Augen auf und versuchte sofort das Tempo zu regulieren. Doch zu spät. Cooper riss seinen Kopf in die Höhe und wehrte sich über den Graben zu springen. Allerdings hatte ich vorher ein viel zu hohes Tempo angeschlagen, dass es unmöglich war noch zu bremsen. Unkontrolliert schlitterten wir auf den Sprung zu.

Unpassend sprang Cooper ab und machte sich lang. Ich ließ die Zügel los und versuchte mich so leicht wie es nur irgendwie möglich war zu machen. Doch es reichte nicht.

Ein allerletztes Atemsprung und ich wusste, dass wir es nie im Leben schaffen würden. Die Fehlerpunkte waren mir egal gewesen, doch ich wusste, dass wir stürzen würden.

Cooper kam mit seinem linken Vorderbein unpassend auf. Er konnte sich nicht halten und sein rechtes Vorderbein rannte seinem Linken davon. Den Hinterbeinen ging es nicht anders.

Mit einem dumpfen Aufprall landete ich im Sandboden. Cooper neben mir. Schnell versuchte ich aus seiner Reichweite zu kommen um nicht unter ihm begraben zu werden, und schon eine Sekunde später lag er auch schon dort wo ich gelandet war.

Mein Pferd ruderte mit seinen Beinen und ich konnte ihm nur wie gelähmt zusehen. Geschockt starrte ich mein Pferd an, das sich in den Zügeln verheddert hatte. Jedermann im Stadion hatte seine Augen auf uns fixiert und sahen atemlos zu uns herunter. In Coopers Augen konnte man das Weiße sehen, und die Panik.

Plötzlich ein stechender Schmerz an meiner linken Schulter und ich wurde gewaltsam etwas zurück geschleudert. Ich zog scharf die Luft ein und biss meine Zähne aufeinander. Ich drehte mich auf die Seite und drehte meinen Rücken zu Cooper. Ich ignorierte die Leere in meinem Kopf und rappelte mich langsam auf. Ich schloss meine Augen und versuchte die tanzenden Punkte vor meinen Augen zu verdrängen.

Kaum stand ich komplett aufrecht drehte ich mich zu meinem Pferd um. Verschwitzt stand der Braune neben mir. Seine Augen waren immer noch alarmierend aufgerissen, während er so dastand wie ein Fohlen, dass gerade das erste Mal auf den Beinen Stand.

Langsam ging ich auf Cooper zu und angelte mit meiner linken Hand nach den Zaum, der auf dem Boden lag. Ich hörte schwere Schritte hinter mir und Sofia sah mich besorgt an.

„Geht es dir gut? Das sah überhaupt nicht gut aus", meinte sie und nahm mir den Mexikanischen Zaum aus den Händen. „Alles gut", murmelte ich und sah ich dabei zu wie sie die Riemen der Trense öffnete und Cooper anschließend wieder übermachte.

Als Sofia bereit war strich ich Cooper über seinen nassen Hals. Gemeinsam humpelten wir auf den markierten Ausgang zu. Wenn auch unter dem Mitleidsapplaus der Zuschauer.

Schon von weitem konnte ich Ludger erkennen. Ludger sprang von Chiara ab und ging mit einem besorgten Gesichtsausdruck auf mich zu. „Wo tut es weh?", fragte er und fasste mir an meine Linke Schulter. „Rechte Schulter", presste ich gerade noch so heraus und keine Minute später fand ich mich im Krankenwagen des Roten Kreuzes wieder.

Nach der kurzen Diagnose der Ärztin musste mein Arm wieder eingerenkt werden. Dies tat sie auch augenblicklich. Mit einem gekonnten Ruck bewegte sie meinen Arm so, dass er wieder an seinen richten Platz sprang. Ein kleiner Schmerzenslaut drang aus meiner Kehle.

Mit einem mitleidigen Grinsen machte mir die Blondhaarige Ärztin eine Armschlinge um und drückte mir eine Packung starke Schmerzmittel in die Hand. Anschließend ließ sie mich nur unter der Bedingung gehen, wenn ich noch heute in ein Krankenhaus gehen würde und meine Schulter noch Mal röntgten ließ.

Ich tat alles mit einem unkonzentrierten Nicken ab und verschwand wenig später aus dem Krankenwagen. Automatisch trugen mich meine Füße an all meinen Mitstreitern vorbei, die mich Mitleidig musterten oder versuchten mit mir zu reden. Ich trat durch die Sicherheitsabsperrung hindurch und stand wenige Minuten später in dem Stallzelt wo Cooper untergebracht worden war. Kaum stand ich in der Stallgasse erkannte ich, dass Sofia zusammen mit einem Tierarzt vor seiner Box stand.

„Wie geht es ihm?", fragte ich alarmiert und stellte mich vor die Boxentür. Cooper hatte die berühmt-berüchtigte LB-Abschwitzdecke übergeworfen bekommen und belastete sein linkes Vorderbein nicht mehr. „Bein Rausführen konnte man sehen, dass er lahmte. Vorsichtshalber fahren wir ihn in die Klinik, nur um auszuschließen, dass es nichts Schlimmes ist. Wir fahren sofort", antwortete der Tierarzt auf meine Frage. Mitleidig blickte er auf mich herunter.

In diesem Moment brach für mich eine Welt zusammen. Cooper musste in eine Klinik. Die Stille in meinem Kopf wurde mit den Worten des Tierarztes gefüllt und ich wusste, dass es dieses Mal vielleicht nicht so glimpflich ausgehen könnte, wie bei den letzten Stürzen.

Stumme tränen rannten mir über die Wangen als Sofia Cooper aus seiner Stallbox führte und ihn in den Transporter des Tierarztes stellte. Ich sank vor seiner Box zusammen wie ein Häufchen Elend.

Mit einem kleinen Grinsen ließ sich Sofia neben mir nieder und strich mir vorsichtig über meine Haare. Ich war gebrochen.

Und schon wieder passierte es an einem Wassergraben.

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