Aufbruch

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  Die Zeichen standen auf Aufbruch, es war wieder einmal so weit, Jane Enfield würde erneut eine Ortschaft hinter sich lassen. Dabei hatte sie gehofft in Brikdale etwas mehr Zeit verbringen zu können, ja, vielleicht sogar ein neues Leben zu beginnen. Ein letztes Mal überprüfte sie das Hotelzimmer, in dem sie die fünf Monate lang gelebt hatte. Die Ereignisse aus den vergangenen Jahren hatten sie Paranoid gemacht, seit ihrer Flucht vor mehr als einem halben Jahr war sie vorsichtig geworden. Sie ließ bei ihrer Inspektion keine Ecke aus, unter dem Bett - nichts, der Kleiderschrank - leer, die Schreibtischschubladen - kein Staubkorn, der Wandschrank - nichts als schiefe Schrauben. Nach annähernd einer Stunde empfand sie das Zimmer als sicher für andere Augen, das Ganze war ein lästiger Prozess, jedoch äußerst notwendig - das hatte sie zuvor aus der Zeit in Richwood gelernt.
Kurz nach ihrer großen Flucht machte sie Halt in diesem heruntergekommenen kleinen Ort. Es dauerte nicht einmal zwei Wochen, bis die Polizisten ihr auf die Schliche kamen. Zwar konnte Jane damals gerade noch rechtzeitig das kleine Motel verlassen, in dem sie sich versteckte, jedoch vergaß sie dort ihr Adressbuch, in dem dummerweise auch ihre eigene Handynummer eingetragen war. Es kostete sie viel Kraft und Anstrengung diese aufdringlichen Beamten auf eine andere Spur zu locken, anschließend führte sie ein zermürbend langer Weg nach Brikdale. Sie musste dringend eine Weile untertauchen.
Hier konnte sie nach langer Zeit Luft holen, um ihre Spuren sorgfältig zu verwischen. Alles was sie bis dahin noch an Geld besaß investierte Jane in eine neue Lackierung für ihren geklauten Ford Mustang, ein neues Kennzeichen und ein Handy. Sie musste ihm irgendwie Bescheid geben, dass Richwood ein zu heißes Pflaster war. Ihm mit seinen grün-braunen Augen in denen Jane jedes Mal, wenn sie ihn ansah, vollkommen abtauchen konnte ohne noch irgendetwas von dem Durcheinander um sich herum mitzubekommen.

Jane sah aus dem Fenster ihres Hotelzimmers hinaus auf den Marktplatz, der in einem ganz und gar realitätsfernen Orange der aufgehenden Morgensonne lag. Viel zu schön um wahr zu sein. Die Zeit, die sie hier in Brikdale verbrachte war eine wahrhaft gute Zeit gewesen. Nach dem Fluchtdebakel und der schrecklichen Ereignisse der letzten Jahre, führte sie hier fast schon ein normales Leben. Sie arbeitete als Kellnerin in einem kleinen Lokal, zwar reichte das Geld gerade so um sich über Wasser zu halten, aber es war besser, als von der Polizei gejagt zu werden. Sie brachte einige Opfer für diese Normalität, einen anderen Nachnamen, einen gefälschten Ausweis und nicht zuletzt eine lupenreine Biografie, die sie auswendig lernte, nur für den Fall, dass sie sich mit jemanden unterhielt, der etwas aus "ihrem Leben" erfahren wollte.
Doch nach einer Weile kam ihr altes Leben wieder auf sie zurück. Vor ein paar Wochen begannen abermals diese unbarmherzigen Alpträume, die Jane Nacht für Nacht aus dem Bett hochschrecken ließen. Bilder von einem Krankenhaus, Menschen in weißen Kitteln, dem Gefühl des permanenten verfolgt werdens und dieser Frau mit dem puppenähnlichen Gesicht, die ihr all diesen Ärger eingebrockt hatte. Diese Alpträume schrien aus ihr heraus wie sterbende Katzenjunge, die ihr Ende durch einen dreckigen alten Spaten fanden. Ihr Unterbewusstsein hielt ihr die Vergangenheit klar und deutlich vor Augen und erinnerten sie nach jedem Aufwachen daran, dass sie noch etwas zu erledigen hatte. In ihrem Magen formte sich eine unglaubliche Kotzwut als sie ihre Nachforschungen wieder aufnahm. Vor der Flucht untersuchte sie einen Fall von Paranoia Erkrankungen - eine Handvoll Menschen zeigten zeitgleich dieselben Symptome eines schier unheimlichen Verfolgungswahns. Jane war keine Polizistin oder ähnliches, sie war nur ein ganz normales Mädchen, das das Interesse der falschen Person auf sich gezogen hatte. Als sie der scheinbaren Drahtzieherin auf die Ferse kam, brach das absolute Chaos in ihr Leben ein und alles um sie herum verlor an Realität. Sie tat Dinge, an die sie vorher nicht einmal gedacht hatte. Sie sah Dinge, die sich im Leben nicht sehen wollte. Und jetzt, gerade jetzt, als ihr Leben wieder ein Leben war, schnitt dieser unerledigte Faden tiefe Risse in ihre Persönlichkeit. Es wurde Zeit diese Angelegenheit endgültig zu beenden.
Jane hing sich ihre Tasche über die Schulter, alles andere war bereits sicher im Wagen verstaut und verschloss die Zimmertür ein letztes Mal. Sie ging die Treppe herunter zur Rezeption. 
"Guten Morgen Aron. Hast du die Nachtschicht gut überstanden?"
Ein junger Mann mit kurzen, blonden Haaren, die mit reichlich Haar Gel zurückgekämmt waren blickte sie verschlafen aus kleinen Augen an.
"Hi Jane. Eine Stunde noch, dann werde ich mich in mein Bett verkriechen und es bis zur nächsten Schicht nicht mehr verlassen."
Jane sah ihn mit einem halbwegs freundlichen Lächeln an. 
"Du hast dich noch immer nicht an die Nachtschicht gewöhnt, wie?"
Aron schloss erschöpft die Augen und schüttelte den Kopf.
"Seit Amanda aufgehört hat, lässt Mr. Williams mich hier nachts schmoren. Der alte Sack. Wahrscheinlich hat er sich gerade ein Zimmer mit einer seiner Weiber genommen."
Jane schüttelte sich, um ihren Ekel vor dieser Vorstellung zu demonstrieren.
"Schade. Dem alten Bastard hätte ich gerne noch ein paar Worte erzählt, bevor ich abreise."

In der Tat hätte Jane noch etwas Zunder hinterlassen. Als sie vor ein paar Monaten hier eincheckte nahm Mr. Williams, der Hotelbesitzer, sie erst einmal in Gewahrsam und prüfte in einem langen Fragespiel, ob Jane überhaupt in der Lage war das Zimmer zu bezahlen. Williams war dabei nicht um Zweideutigkeiten verlegen, zu allem Unglück schien Jane mit ihren fünfundzwanzig Jahren genau in sein Beuteschema zu fallen, doch ein paar Drohungen und verbale Schlagwechsel später klärte Jane die Fronten und hatte ihre Ruhe vor dem notgeilen Arschloch. Wenigsten schienen die anderen Mitarbeiter sehr nette Leute zu sein.
"Du willst weg? Mit wem kann ich dann so ungehemmt über unseren Hotelalpha lästern?", klang Aron leicht geschockt. Aron sucht im Computer nach ihrem Namen "Jane. Der Nachname begann mit E. Mit E..." Jane kam in Versuchung ihren richtigen Namen - Enfield - preiszugeben und Aron, der so was wie ein guter Kumpel geworden ist, ihre Geschichte zu erzählen. Doch angesichts des gefährlichen Pfades auf den sie sich wieder begab war dies keine gute Idee.
"Etheridge.", sagte sie geistesabwesend. Dies war der Name auf ihren aktuellen Ausweis. Arons Finger glitten über die Tastatur.
"Ok, du bist frei. Wo verschlägt es dich denn hin?"

Jane sah ihn an, als hätte er ihr gerade unerwarteter Weise einen Heiratsantrag gemacht. Ihr ging so viel durch den Kopf, dass sie sich auf solche letzten Fragen noch keine Antworten zurechtgelegt hatte.
"Oh, ich habe einen Job als Verkäuferin bekommen, drüben in Bellefort. Dann kann ich mir endlich Mal eine richtige Wohnung leisen."
Etwas enttäuscht sah Aron sie an.
"Stimmt, du sagtest du bist auf Jobsuche. Aber wenn du einmal Urlaub machst, musst du unbedingt wieder nach Brikdale kommen, ok?"
Jane sah ihn liebenswürdig, belustigt an.
"Na klar, und ich komme dann auch wieder hier her. Mach's gut Aron." Sie umarmte ihn zum Abschied liebevoll, bevor sie in Richtung Ausgang schritt.

"Viel Erfolg Jane!", rief Aron ihr hinterher. Jane drehte sich während des Gehens um, winkte ihn ein letztes Mal zu und verließ das Hotel durch die große verglaste Doppeltür.

Draußen auf dem Parkplatz stand ihr dunkelroter Mustang. Jane schloss die Tür auf, warf ihre Tasche auf den Beifahrersitz und stieg ein. "Klar komme ich wieder, wenn ich irgendwann einmal wieder Jane Etheridge sein sollte.", flüsterte sie melancholisch vor sich hin. Anschließend nahm sie eine Karte von der Ablage, auf dem ein kleiner Ort markiert war der Chainston hieß.  

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