Kapitel 2 - Nur das eine Mal

61 5 8
                                    

Ein Schwall würzig warmer Luft schlägt uns entgegen, als ich die schwere Eichendoppeltür öffne. Die Eingangshalle ist von Kerzenleuchtern spärlich erhellt und wieder einmal erinnert es mich daran, wie schmerzlich unser Anführer die alten Zeiten vermisst. Meine Schritte hallen schwer auf dem glänzendem Marmorboden, während die Turnschuhe der Auserwählten geräuschlos über den Boden gleiten. Das Echo der zufallenden Tür verkündet den anderen unsere Ankunft. Ich klopfe mir den Schnee von der Kleidung, während sie scheu wie ein Rehkitz an meiner Seite entlang schleicht. Aus großen Augen betrachtet sie die prachtvolle Treppe, die aus der Halle in den ersten Stock hinaufführt. Ich führe sie an der Treppe vorbei durch eine offenstehende Doppeltür, während sie das golden gerahmte Gemälde an der Wand in Augenschein nimmt. Wir betreten Iltras' Arbeitszimmer, mit den hohen abgerundeten Fenstern, an denen bordeauxrote Vorhänge angebracht sind. Im Kamin auf der gegenüberliegenden Wandseite knistert ein wärmendes Feuer und schmilzt die Schneeflocken in meinen Haaren. Auf dem orientalischen Teppichen verstummen die schweren Absätze meiner Schritte. Entlang der zahllosen Bücherregalen an den Wänden, kommen wir am Ende des Raumes vor seinem antiken Schreibtisch zum Stehen. Iltras sitzt im Arbeitssessel und beobachtet uns aufmerksam. Der Gang meiner Begleiterin verlangsamt sich schlagartig, als sie ihn bemerkt. Von Neugier erfüllt scannen seine dunkelgrünen Augen ihre Erscheinung. Die Macht, die er ausstrahlt, scheint sie einzuschüchtern. Sanft schiebe ich sie voran bis kurz vor den Tisch. Ängstlich sucht die Auserwählte nach meinem Blick, als Iltras sich erhebt und langsam auf uns zukommt. Ich erwische mich dabei, mit der Hand beruhigend ihre Wirbelsäule entlangzustreichen und stoppe abrupt meine Bewegung. Schnell nehme ich die Hände auf den Rücken, verdränge den Gedanken an das, was ich unterbewusst tun will.

»Das ist also die Auserwählte«, stellt Iltras fest und bleibt dicht vor ihr stehen.

Er überragt sie um mindestens zwei Köpfe, seine Erscheinung ist imposant. Selbst ich bin einen halben Kopf kleiner als er, dabei bin ich ein Mann von überdurchschnittlicher Größe. Majestätisch blickt er auf sie herunter. Das Mädchen bringt kein Wort hervor. Selbst ihre Gedanken scheinen erstarrt zu sein. Er greift nach ihrer Hand, um ihr einen Kuss auf den Handrücken zu geben. Sie zieht sie zurück, ehe sein Mund ihrer Haut berührt. Etwas geknickt zieht er die Augenbrauen hoch und lässt ihre Finger aus seinen gleiten.

»Ich möchte mich vorstellen, wenn du erlaubst. Ich bin Iltras«, spricht seine tiefe Stimme.

Die Auserwählte deutet ein schwaches Nicken an.

»Ich bin froh, dass Laurion dich retten konnte. Wie mir scheint in letzter Minute, deine Gedanken sind ja noch völlig durcheinander.« Abschätzig betrachtet er sie.

Das Mädchen wagt nicht, sich zu rühren und senkt den Blick.

»Fühl dich wie zu Hause, denn von nun an ist es das – dein neues Heim. Laurion wird dir deine Gemächer zeigen. Morgen Abend erwarte ich dich zum Essen, dann besprechen wir alles weitere.« Iltras nickt mir knapp zu, als Ausdruck seiner Dankbarkeit.

»Morgen Abend? So lange werde ich nicht bleiben!« Jetzt sieht sie doch auf und ihre Augen blitzen ihn an.

Ich spüre, dass ihre eigene Courage sie erschrickt und sie ihre vorlaute Antwort gleichzeitig bereut. Noch immer ziehen sich braune Fäden der Angst durch ihre lodernde Aura.

Einen langen Augenblick sieht Iltras sie durchdringlich an. Er ist es nicht gewohnt, Widerworte zu erhalten, erst recht nicht von einer Frau. Angespannt beobachte ich das Geschehen, unschlüssig darüber, wie der Anführer reagieren wird. Beruhigt bemerke ich, dass sich seine blassen Lippen zu einem Lächeln formen.

»Nun, du hast keine andere Wahl, fürchte ich. Dir ist sicher nicht entgangen, dass man dir nach dem Leben trachtet. Das hier ist der einzige Ort, an dem du sicher bist.« Er klingt fast etwas gefällig, während er mit ihr spricht.

Lichtbringer Vampire: BlutlinieWo Geschichten leben. Entdecke jetzt