Kapitel 1

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Ich machte den ersten Schritt aus dem Flugzeug und lief gegen eine Hitzewand. Während die Leute in London bei angenehmen zwanzig Grad die Sommerkleider auspackten, herrschten hier wüstenartige Temperaturen, die mir sofort die Schweißperlen auf die Stirn trieben.

»Na, hab ich zu viel versprochen?«, rief Mia und streckte die Arme gen Himmel. Mit Lucy und mir im Schlepptau stolzierte sie die Treppe hinunter, als wäre sie auf einem Laufsteg in Mailand.

»Es ist herrlich!«, flötete die rothaarige Lucy und steckte die langen Locken mit einer schmetterlingsförmigen Haarklammer hoch.

Ich verdrehte die Augen, denn die gute Laune und die Vorfreude hielten sich bei mir bisher in Grenzen. Vor knapp drei Wochen war Nick mit meiner Cousine Chloe durchgebrannt, nachdem ich sie in flagranti bei ihm zu Hause erwischt hatte. Er war gerade dabei gewesen, genüsslich Sahnehäubchen von ihren Mini-Brüsten zu schlecken. Mir wurde bei dem Gedanken daran noch immer übel.

Seitdem hockte ich Trübsal blasend in meiner Studenten-WG und schaufelte viel zu viel Eiscreme in mich hinein. Dabei las ich irgendwelche schlechten Liebesromane und heulte mir bei Filmen wie 10 Dinge, die ich an dir hasse oder Titanic die Augen aus. Miranda, meine Mitbewohnerin, war zum Glück die meiste Zeit bei ihrem Freund, sodass das Elend genüsslich seine Fühler nach mir ausstrecken konnte.

Heute Morgen hatten Lucy und Mia vor der Tür gestanden, jede mit einem Koffer in der einen und der Kreditkarte in der anderen Hand, und mich durch ihre schicken, übergroßen Sonnenbrillen gemustert. Dass es draußen wie aus Eimern goss, schien die beiden wenig zu interessieren.

»Wollt ihr bei mir einziehen oder was?«, fragte ich verschlafen und widerstand dem Drang, über meinen quietschrosafarbenen Einhornpyjama nachzudenken, während die beiden frisch und aufgetakelt wie immer wirkten.

»Zieh dich an, Emily, wir verreisen!«, sagte Lucy auf ihre gewohnt direkte Art, schob mich beiseite und trat ein.

»Wir ... tun was?«, keuchte ich überrascht und wusste nicht, wie mir geschah.

»Wir sind es leid, dass du in deiner Hobbithöhle versauerst. Wir suchen jemanden, der mit uns in ein Abenteuer zieht!«

»Ich habe aber keine Lust auf ein Abenteuer«, maulte ich, ließ mich jedoch von Mia durch die Wohnung bugsieren.

»Du gehst duschen, wir packen den Koffer. Hast du die Kreditkarte aufgetaut?«

»Aufgetaut?« Ich blickte sie irritiert an.

»Ach, vergiss es. Tu, was wir sagen, und dir wird nichts geschehen!«

»Ja ja, schon gut«, murmelte ich und verschwand ins Badezimmer, während ich offensichtlich entmündigt wurde.

Keine zwei Stunden später fanden wir uns am Last Minute-Schalter von Heathrow wieder und buchten unser Abenteuer ins Blaue. Es überraschte mich kaum, dass wir einen Flug auf die Balearen buchten.

Genau das war es, was ich an den Mädels liebte: unsere spontanen Trips quer durch die Welt. Wir hatten wirklich Glück, dass wir durch die Unterstützung unserer Eltern finanziell unabhängig waren. Jeden Monat bekamen wir das nötige Geld zur Verfügung gestellt, um unsere Mieten zu bezahlen. Nebenbei jobbten wir ab und an in verschiedenen Cafés und Geschäften, um unser verwöhntes Londoner Studentenleben führen zu können. Zumindest gönnte ich mir den einen oder anderen Luxus, wenn ich mit Lucy und Mia unterwegs war, denn der Spaß mit meinen Freundinnen war etwas, das ich wie die Luft zum Atmen brauchte. Nach der Trennung von Nick hatte das Verlangen danach leider nachgelassen.

Wir drängten uns wie viele andere auch in den aufgeheizten und nicht klimatisierten Bus, der uns zum Terminal bringen sollte.

»Jetzt guck nicht so griesgrämig. Hallo? Wir sind auf Ibiza!« Lucy boxte mir gegen den vor Feuchtigkeit glänzenden Arm und warf daraufhin einen angewiderten Blick auf ihre Hand, als sie sie schweißnass zurückzog.

»Fass mich bloß nicht an«, murmelte ich, wischte mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und erntete einen bockigen Gesichtsausdruck von meiner besten Freundin.

Wir Engländer waren solch eine Hitze nicht gewohnt und wer hätte schon damit rechnen können, dass uns im Hochsommer auf den Balearen derart hohe Temperaturen erwarteten? Na gut, wenn ich mein Hirn eingeschaltet hätte, wäre ich darauf gekommen. Das befand sich jedoch momentan im Standbymodus, um nicht in Versuchung zu geraten, über Nick nachzudenken. Ich tat es trotzdem. Nick war überall. In meinen Träumen, meinen Gedanken, meinem zersplitterten Herzen ... Es gab kein Entkommen.

Seufzend presste ich den Stoffrucksack an meinen Oberkörper und verfluchte mich innerlich, nicht Mias Beispiel gefolgt zu sein und meine langen, an mir klebenden blonden Haare zusammengebunden zu haben. Dummerweise hatte ich gerade keinen Haargummi oder eine Spange zur Hand.

Ratternd fuhren wir dicht an dicht gedrängt los und klammerten uns an die Haltestangen, die das alte Gefährt zu bieten hatte. Wenige Minuten später wurden wir in die stickigen Hallen des Flughafens entlassen und machten uns auf den Weg zur Gepäckabholung. Ich hatte schon jetzt keine Lust mehr auf diesen Trip.

Nach zwei Stunden kamen wir erschöpft im Hotel an. Was uns als Last-Minute-Schnäppchen verkauft wurde, entpuppte sich als eine von russischen Touristen besetzte Bruchbude. Nachdem wir eingecheckt hatten, traten wir in den mittelalterlich wirkenden Fahrstuhl und drückten auf die Taste für das achte Stockwerk. Die Türen gingen zu, doch mehr geschah nicht. Der Aufzug spielte offensichtlich toter Mann, denn er rührte sich keinen Zentimeter. Die Türen konnten wir auch nicht mehr öffnen.

»Oh Gott, oh Gott, ich habe doch Klaustrophobie! Aaaah, die Wände kommen immer näher! Ich ...«

»Du hältst jetzt die Klappe!«, fuhr ich Mia an und drückte auf den Notfallknopf. Draußen ertönte ein lautes Scheppern, sodass wir vor Schreck zusammenzuckten.

»Oh Mann, wo sind wir hier nur gelandet?«, fragte Lucy, die versuchte, die Schachttüren zu öffnen. Doch ihre Mühe war vergebens. Sie brach sich lediglich einen Fingernagel ab und heulte auf.

Von außen schlug jemand ein paar Mal gegen den Aufzug. Zu unserer Erleichterung setzte sich dieser mit einem Krachen in Bewegung. Im zweiten Stockwerk hielt er an und die Türen gingen auf. Fluchtartig versuchten wir, uns gleichzeitig durch die enge Tür zu quetschen. Es dauerte einen Moment, ehe wir uns so sortiert hatten, dass wir gesittet eine nach der anderen die Kabine verlassen konnten.

»Mit dem Aufzug fahr ich nie wieder!«, schimpfte Mia und schüttelte vehement den Kopf, während wir das Gepäck zur Treppe zerrten.

Ich ignorierte das zustimmende Gemurmel von Lucy, schließlich war sie an diesem Dilemma schuld. Das Hotel hatte nämlich sie ausgesucht.

An meinem Versuch, den Koffer die Stufen hinaufzuwuchten, scheiterte ich kläglich, denn ich verlor das Gleichgewicht und griff mit einem erschrockenen »Woaaaah!« instinktiv nach dem Geländer. Das riss dabei aus der Verankerung und drohte, mit mir gemeinsam einen weniger eleganten Abgang zu machen.

Lucy stemmte sich sofort von hinten gegen mich, sodass ich es doch noch schaffte, auf den Beinen zu bleiben, während der Koffer mit einem lauten Rumpeln an uns vorbeifiel und am Fuß der Treppe zum Liegen kam.

»Verdammte Scheiße!«, fluchte ich und hielt mich an meiner Freundin fest. Mia studierte mit leerem Blick das lose herabhängende Geländer, dem ich mit meinem Stunt den Rest gegeben hatte.

»Warte, ich helfe dir.« Lucy brachte ihren Koffer zum Ende der Treppe und kehrte anschließend zu mir zurück, um mir mit meinem zur Hand zu gehen.

»Danke«, sagte ich und lächelte zaghaft.

Lucy lachte auf und schüttelte den Kopf. »Ach, hör doch auf. Dafür sind Freunde da. Wir fangen uns immer wieder gegenseitig auf, nicht wahr?«

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