Träume sind Schäume, oder?

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Die schwarzen Stiefel vor mir auf dem Boden machten noch einen weiteren, bedrohlichen Schritt auf mich zu. Ich hielt die Luft an und den Kopf noch immer gesenkt. Warum nur musste er sich auch derartig nah vor mir positionieren. Es war ja nicht so, dass sein Anblick allein schon Grund genug war, reflexartig die Flucht zu ergreifen, nein, seine Nähe setzte mich fast gänzlich außer Gefecht.

Seine Stimme war sehr leise als er sprach, selbst für seine Verhältnisse. „Was tun Sie um diese Zeit noch hier draußen?"
Ich machte unauffällig einen Schritt nach hinten, den Blick immer noch auf Snapes Schuhe gerichtet. Als ich einigen Sicherheitsabstand zwischen mich und meinen Lehrer gebracht hatte, hob ich denn Kopf und sah mich mal wieder meiner Vorahnung bestätigt. Sein Gesicht war weiß wie Kalk und seine Miene wie in Stein gehauen. Seine dunklen Augen blitzen gefährlich auf, als er den gerade gewonnenen Abstand zwischen ihm und mir wieder zu Nichte gemacht, indem er zwei große energische Schritte nach vorne trat und ich seinen Atem förmlich auf meinem Scheitel spüren konnte.

„Ich komme gerade von der Toilette", beantwortete ich wahrheitsgemäß seine Frage.

Seine rechte Augenbraue wanderte himmelwärts. „Sie sollten sich hüten, Miss Malfoy, jetzt auch noch frech zu werden. Ich könnte Sie auf der Stelle beim Direktor vortreten lassen."

„Ich glaube nicht, dass der Schulleiter wegen solch einem belanglosem Verfahren um zwei Uhr nachts aus dem Bett gerufen werden möchte", erwiderte ich spöttisch und hob ebenfalls eine Augenbraue. Die noch nicht gänzliche Verflogenheit des Butterbieres schien mich dazu zu bringen, meine normalen Gewohnheitsrahmen zu überschreiten.

„Passen Sie auf, dass ich Ihnen nicht einen ganzen Monat Nachsitzen verpasse", zischte Snape, woraufhin ich beide Augenbrauen hob. „Also", fuhr er mit strenger Stimme fort, „was haben Sie nach der Sperrstunde außerhalb ihres Schlafsaals zu suchen?"

Ich sah mit großen Augen zu ihm empor. „Ich schlafwandle", sagte ich mit tiefer, mystischer Stimme, die Professor Trelwaney, der Lehrerin für Wahrsagen, ernsthafte Konkurrenz machte. Ein Muskel unterhalb seines rechten Auges zuckte.

„Wollen Sie mich zu Narren halten, Mafloy?", blaffte er mich
nun an.

„Aber Sir", sagte ich mit gespieltem Ernst in der Stimme und musste ein Grinsen unterdrücken, „Sie doch nicht."

Jetzt trat er noch näher an mich heran und beugte sich zu mir hinab. Er sog scharf die Luft ein, ehe er mich mit furchteinflößendem Blick ins Visier nahm. „Sie haben getrunken", stellte er recht nüchtern fest. „Wie ist jemand wie Sie denn an einen im Eichenfass gereiften Met gekommen?", fragte er mit bohrendem Blick.

Met? Ich runzelte die Stirn. „Ich habe doch nur Butterbier ge-", begann ich, doch als ich Snapes überlegenes Grinsen sah, hielt ich mitten im Satz inne. Dieser Mensch! Da hatte er mich doch tatsächlich mit meinen eigenen Waffen geschlagen.

Doch sein überlegener Gesichtsausdruck wich keine Sekunde später wieder dem zornigen Erscheinungsbild. „Woher haben Sie das?", zischte er und deutete mit ausgestrecktem Finger auf den Gryffindorschal, den mir Fred um die Schultern gehangen hatte.

„Was?" Meine Augen weiteten sich kurz vor Überraschung. „Ich, ähm, ich habe ihn mir ausgeliehen."

„Ausgeliehen?" Seine Augen wurden schmal. „Von wem?"

„Ich habe meinen eigenen verloren, müssen Sie wissen und da habe ich mir ihn eben ausgeliehen", sagte ich ausweichend. Das allerletzte, was ich wollte, war das Snape herausfand, das keinen Gang weiter eine lärmige Gryffindorparty in dem Klassenzimmer einer seiner Kolleginnen stattfand, bei der sicherlich mehr als die Hälfte bei unsagbar guter Laune war.

„Sie werden mich jetzt auf der Stelle in mein Büro begleiten und einen Neutralisierungstrank zu sich nehmen und dann werden Sie mir verraten, was Sie so weit nach Mitternacht alleine in diesem Korridor getrieben haben", sagte Snape, umfasste meine Schultern und schob mich in die entgegengesetzte Richtung in einen anderen Gang hinein, weg vor der Party.

Kurzzeitig erleichtert, dass er sich so von dem Tatort entfernte, merkte ich erst Minuten später, als wir uns vor seiner Bürotür befanden, in welche prekäre Lage ich mich da gebracht hatte.

Das Büro hatte sich kaum verändert, seit ich zum letzten Mal hier gewesen war. Aber ich hatte ohnehin kaum Zeit, mich richtig umzusehen. Snape dirigierte mich an dem großen Bücherregal vorbei, das ich mit leicht schuldbewusster Miene passierte. Er verschwand für einige Sekunden und kehrte mit einem blassrosafarbenen Trank zurück. Wortlos drückte er ihn mir in die Hand und da ich zweifelsfrei wusste, worum es sich dabei handelte, zwang ich mich, das Gebräu in einem Zug herunterzuschlucken. Es schmeckte unangenehm süß und hinterließ ein mehliges Gefühl auf der Zunge.

Ich gähnte hinter vorgehaltener Hand und ließ mich auf das Sofa in der Mitte des Raumes fallen. Snape zog einen Stuhl zu sich heran und ließ sich mir gegenüber darauf nieder, die Hände auf den Knien und den Oberkörper leicht nach vorne gebeugte, sodass er mich im Visier hatte. Ich erwiderte seinen Blick. „Sie werden nicht darum herum kommen, mir zu erklären, was Sie dazu getrieben hat, nachts die Korridore dieses Schlosses zu durchwandeln", sagte Snape und musterte mit strenger Miene.

Ich nickte. Ein erneutes Gähnen bewog Snape dazu, den Blick durch das leere Büro schweifen zu lassen. Ich kuschelte mich in den Gryffindorschal hinein und schob mir eine Haarsträhne hinters Ohr. Nach dem Trank fühlte ich mir seltsamerweise noch müder als zuvor und ich hätte am liebsten die Augen geschlossen, um auf der Stelle einzuschlafen, aber ich zwang mich, dem Drang zu widerstehen. Ich musterte Snapes großes, dunkles Profil. Er lehnte sich nun in dem bequem aussehenden Holzstuhl zurück. Seine Augenbrauen waren dicht zusammengezogen, wie schon so oft, wenn ihm etwas Nachdenken bereitete.

„Warum tun Sie das immer wieder?", fragte ich plötzlich leise.

„Was?"

„Sich mit mir abgeben..."

„Mich mit Ihnen abgeben?" Seine sonst so beständige Stimme wurde kaum merklich weicher.

„Ja", murmelte ich.

Er schwieg eine ganze Weile, dann sagte er etwas, von dem ich nicht recht wusste, ob es Traum oder Wirklichkeit war. Seine Stimme war so leise, dass sie mehr einem Flüstern glich. „Es hat sich herausgestellt, dass ich Sie vermutlich ein wenig mehr leiden kann, als ich ursprünglich geplant hatte..." Ich öffnete die Augen und wenn ich das sanfte Lächeln auf seinem Gesicht nicht gesehen hätte, hätte ich wohl tatsächlich gedacht, dass ich nur geträumt hatte.

Isabella Malfoy - You may know my name, but not my story.Lies diese Geschichte KOSTENLOS!