Teil II - Kapitel 1b*

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»Er ist soo heiß«, schwärmte Oxana am nächsten Tag, als wir in dem Kino vor einem Filmplakat standen und den Schauspieler begutachteten, den Oxana so liebte. Ich musterte ihn. Er hatte markante Gesichtszüge, einen drei-Tage-Bart und kurzes, dunkles Haar. Seine blauen Augen bildeten einen starken Kontrast zu seinen Haaren und sein Körper wirkte muskulös. Er sah wirklich nicht schlecht aus aber ich fragte mich, ob er nicht so gefährlich war, wie alle Männer schienen. »Ja, er sieht echt gut aus«, stimmte ich ihr schließlich zu.
Oxana hatte sich bereits Popcorn gekauft und etwas zu trinken. Ich hatte mir nur eine Cola Zero gekauft und behauptet, ich würde kein Popcorn vertragen. Oxana hinterfragte es nicht.
Bis der Film begann, dauerte es noch etwas, also setzten wir uns in eine Ecke und unterhielten uns.
»Hand aufs Herz, welchen Jungen aus unserer Klasse findest du am heißesten?«, fragte sie. Es waren Gespräche, die normale Teenager führen würden, aber ich war nun mal weit davon entfernt normal zu sein. Ich hatte noch nie darauf geachtet, welcher Junge überhaupt gut aussah und auch, als ich mir jetzt alle Jungen bildlich vors Auge rief wusste ich nicht, welchen ich gutaussehend nennen würde. Ich wusste nicht einmal, was ich gutaussehend fand. Dunkle Haare oder eher helle? Blaue Augen oder braune? Ein runder Gesicht oder ein markantes? Ich wusste es nicht. Es musste einfach stimmig sein, aber ich achtete nicht auf Jungs. Sie waren mir ziemlich egal.
»Keine Ahnung, ich finde keinen so besonders«, sagte ich dann. Oxana sah mich an und nickte: »Ja, die sind echt alle nicht so zu gebrauchen. Ich meine Thorben sieht ja ganz gut aus, aber der ist so ein Arsch! Du hast keinen Freund oder?«
Ich schüttelte nur den Kopf und wünschte mir, wir würden das Thema wechseln. Ich wünschte mir, wir würden, wie früher, über Pferde reden und Jungs ekelhaft finden.
»Ich auch nicht. Aber in der Schule ist dieser eine Junge, Marcel, eine Stufe über uns und der ist soo heiß«, schwärmte sie. Ich kannte Marcel vom Sehen. Er schien nett zu sein, denn er war einer der wenigen, der mir noch keine Sprüche an den Kopf geworfen hatte.
»Darf ich dich was fragen, Ashley? Was persönliches?«, fragte Oxana plötzlich, ihre Stimme klang ernst und etwas melancholisch. Ich ahnte, was sie fragen wollte, nickte aber trotzdem: »Ja, darfst du.«
»Die Narben an deinem Arm, du hast dich geritzt oder?«, fragte sie. Gänsehaut überkam mich. Sie wusste so gut wie ich, dass ich mir diese Wunden selbst zugefügt hatte. »Ja«, antwortete ich nur.
»Warum? Wurdest du misshandelt oder so?«, fragte sie und ich spürte, wie unangenehm auch ihr diese Fragen waren. Warum stellte sie sie dann? »So ähnlich, warum fragst du?«
Tränen traten in ihre Augen sie sah zu Boden. »Meine Schwester... Sie hat das auch gemacht... und irgendwann kam sie nicht mehr wieder... Sie wurde ein paar Tage später im Wald gefunden... tot... ich war damals acht... ich habe sie so geliebt... meine Eltern haben sich deswegen getrennt... Mein Vater wurde Alkoholiker... jetzt habe ich nur noch meine Mutter... kannst du mir was versprechen?«, sie wischte sich über die Augen und sah mich plötzlich an. Ihr Blick war eindringlich. Ihre Geschichte berührte mich. Es tat mir leid, dass sie so etwas hatte erleben müssen.
»Was denn?«, fragte ich sie. Ich wollte sie trösten, doch ich wusste nicht, was ich sagen sollte. »Bitte, bitte tu dir so etwas nie wieder an. Du bist so viel mehr wert«, sagte sie. Ich hatte das Bedürfnis sie zu umarmen und nie wieder loszulassen. Ihre Worte berührten mich zutiefst. So etwas hatte noch nie jemand fremdes zu mir gesagt. Und sie sagte es, obwohl wir uns nicht wirklich kannten. Sie gab mir plötzlich das Gefühl, nicht komplett wertlos zu sein. Dafür würde ich ihr auf Ewig dankbar sein. »Ich verspreche es, danke. Aber ich habe es schon Ewigkeiten nicht mehr getan«, versprach ich ihr und ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen.
Plötzlich vibrierte mein Handy. Ich entschuldigte mich und sah auf das Display. Liv.

Liv: Stay strong, starve on. Vergiss das nicht.

»Wer was das?«, fragte Oxana und sah mich interessiert an. »Ein Mädchen, das ich aus... dem Krankenhaus kenne«, erklärte ich ihr und stockte. Ich wollte nicht das Wort Psychiatrie verwenden, schließlich war es so negativ und mit Vorurteilen behaftet. Ich hatte Angst, dass sie sich dann abwenden würde.

Spindeldürr! - #Wattys2017Lies diese Geschichte KOSTENLOS!