Teil II - Kapitel 1a*

2.3K 121 10

»Kommst du zum Essen, Ashley?«, rief mich meine Mutter. Ich verdrehte die Augen. Hatten meine Eltern denn immer nur Essen im Kopf? Gab es etwa nichts wichtigeres?
»Komme«, murrte ich. Unbewusst fiel mein Blick auf meinen Kleiderschrank, in dem ich eine Waage versteckt hatte. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Heute früh hatte sie wieder weniger angezeigt und mich in Hochstimmung versetzt. So musste es weitergehen, dann war ich bald nicht mehr attraktiv.
Wenn ich jedoch in den Spiegel sah, dann sah ich noch keine Veränderung. Ich hatte noch immer die gleiche, mollige Figur. Wahrscheinlich war mein Gewichtsverlust noch nicht groß genug. Ich musste am Ball bleiben, dann würde ich es bald sehen.
Mittlerweile ging ich gerne zur Schule. Ich war auf einer Gesamtschule. Das Lernen lenkte von dem Hunger ab. Bevor ich aß setzte ich mir die Regel, etwas zu lernen. Und erst, wenn ich es konnte, durfte ich eine Kleinigkeit essen. In der Schule selbst brauchte ich nicht essen, ich konnte mein Pausenbrot immer abgeben. Meine Mitschüler waren immer dankbar. Ich war nicht sonderlich beliebt, denn meine Narben verwirrten meine Klassenkameraden. In den Gängen wurde ich angestarrt, einige tuschelten, andere pöbelten mich an. Doch ich lernte es auszuhalten und zu ignorieren. Meine guten Leistungen machten mich auch nicht beliebter.

Langsam erhob ich mich und ging in die Küche zu meiner Mutter. Mein Vater war in der Kneipe. »Ach Mama, das tut mir so leid«, ich bemühte mich um einen traurigen Gesichtsausdruck. »Was ist denn los?«, fragte sie sofort besorgt und hielt in der Bewegung inne. »Eine Klassenkameradin hatte heute Geburtstag und ich habe so viel Kuchen gegessen. Ich habe absolut keinen Hunger«, um meine Worte zu untermalen strich ich mir über den Bauch. »Achso, das ist doch nicht schlimm. Dann bekommt Papa noch etwas ab. Du weißt ja, er liebt Kartoffelgratin«, meine Mutter lächelte und tat sich etwas auf den Teller. »Wie war denn die Schule?«, wechselte sie das Thema. Ich freute mich darüber, dass ich mit ihr wieder normale Gespräche führen konnte, die gesunde Kinder mit ihren gesunden Eltern führten. Ich hatte mich seit langem nicht mehr verletzt und der Drang schwächte immer mehr ab. Man hatte mir genug Strategien beigebracht. Jetzt musste ich nur noch dünn werden, dann würde alles gut werden.

Es war noch immer schwer für mich, auf das Mittagessen zu verzichten. Wenn ich meine Mutter essen sah, dann wollte ich auch essen. Jedes Mal lief mir das Wasser im Mund zusammen, denn sie kochte göttlich. Doch die Zahl auf der Waage und der Blick in den Spiegel reichten mir als Mahbung. Ich aß nur noch dann Mittag, wenn ich es nicht vermeiden konnte und plante bereits, mein Frühstück wegzulassen. Ich würde später aufstehen und behaupten, morgens einfach nicht hungrig zu sein. Vermutlich müsste ich dann mehr essen mit in die Schule nehmen müssen, aber das wäre kein Problem, denn dort gab ich es sowieso meinen Mitschülern.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, ließ ich mir mehr Zeit, denn ich wollte mein Vorhaben in die Tat umsetzen. Ich duschte länger und ausgiebiger.
Als ich in die Küche kam, sah mich meine Mutter besorgt an. Mir wurde bewusst, was sie dachte.
»Du fällst doch nicht zurück in alte Gewohnheiten, oder?«, fragte sie. Ich meinte die Angst davor in ihrer Stimme zu hören. Tatsächlich duschte ich nur noch zwei Mal am Tag. Morgens nach dem Aufstehen und Abends, bevor ich ins Bett ging. Manchmal, wenn es schwierig wurde, dann duschte ich auch nach der Schule.
»Keine Sorge«, wiegelte ich ab und lächelte. »Du, Mama? Ich habe irgendwie gar keinen Hunger. Das habe ich eigentlich immer morgens. Könnte ich einfach mehr in die Schule mitnehmen?«, bat ich sie. »Natürlich! Ich esse morgens ja auch nichts. Das hast du sicher von mir«, sie zwinkerte mir zu. Wir redeten kurz darüber, was ich noch mitnehmen wollte, dann musste ich los.
Ich freute mich darüber, dass mein Plan so reibungslos funktionierte. Doch gleichzeitig nagte das schlechte Gewissen an mir, weil ich sie anlog. Meine Mutter vertraute mir und ich liebte sie. Es war nicht einfach, sie zu belügen. Doch ich musste an mein Ziel denken. Und mein knurrender Magen war ein kleiner Gewinn.
Plötzlich vibrierte mein Handy. Ich sah auf das Display.

Spindeldürr! - #Wattys2017Lies diese Geschichte KOSTENLOS!