Teil I - Kapitel 5*

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»Ich frage mich, warum sie nicht spricht«, wisperte ein blondes Mädchen hinter vorgehaltener Hand einem Jungen zu, als wir gerade beim Essen waren. Manche Mädchen stocherten lustlos auf ihrem Teller herum. Es gab Spaghetti. Immer drehten diese Mädchen die Nudeln um die Gabel und aßen sie dann doch nicht.
Vermutlich dachte das blonde Mädchen, dass ich sie nicht hörte. Doch nur, weil ich nicht sprach, hieß das nicht, dass ich nichts hörte.
Ich ignorierte den Kommentar und kaute auf den Nudeln herum. Sie waren zu weich und die Soße schmeckte undefinierbar. Kein Wunder, dass manche einfach nichts essen wollten.

»Das habe ich gesehen, Elena!«, keifte eine Betreuerin plötzlich. Das angesprochene Mädchen zuckte zusammen und begann zu zittern. »Ich... es tut mir leid!«, stammelte sie.
»Ins Zimmer! Den Rest des Tages hast du Zimmerruhe«, der Tonfall der Betreuerin duldete keine Widerrede. Geräuschvoll stand Elena auf und lief eilig in ihr Zimmer. Ich glaubte, dass sie weinte.
»Sie muss essen, weil sie Magersüchtig ist und gerade hat sie etwas Essen verschwinden lassen. Das gibt Zimmerruhe und das bedeutet, dass sie ihr Zimmer für den Rest des Tages nicht verlassen darf«, klärte mich das Mädchen neben mir auf. Ich musste fragend ausgesehen haben. Sie hieß Olivia. Das wusste ich, weil wir auf einem Zimmer waren. Ich lächelte dankbar und nickte.
Magersucht. Davon hatte ich in der Schule schon einmal gehört, aber ich hatte mich nie damit auseinandergesetzt.
Ich musterte Olivia. Sie trug einen schwarzen Pullover, der ihre Figur verdeckte. Ich wusste jedoch, dass sie ziemlich dünn war. Trotzdem musste sie nicht so viel essen, wie manche anderen hier. Um ihr Handgelenk trug Olivia ein rotes Perlenarmband an dem eine kleine Libelle hing. Es sah schön aus. Ich mochte die Farbe.
Als Olivia meinen Blick sah, lächelte sie verschwörerisch und zwinkerte mir zu. Ich runzelte meine Stirn und widmete mich wieder dem Essen.
Ich hatte heute den Dienst, die Spülmaschine ein- und später wieder auszuräumen. Ich tat es, ohne mit der Wimper zu zucken.
Danach legte ich mich auf mein Bett und starrte die weiße Decke an.
Ich war nun zwei Wochen hier. Zweimal in der Woche sollte ich zu einer netten Psychologin gehen, die mir schöne Geschichten erzählte. Sie zwang mich nicht zu sprechen und war sanft. Einmal wöchentlich hatte ich zudem Ergotherapie. Nächste Woche sollte ich noch Gestaltungs- und Musiktherapie bekommen.
Ich freute mich auf die Musiktherapie. Denn Musik ließ mich meine Gefühle auf angenehme Art und Weise wahrnehmen. Auf eine Art, die nicht zu unangenehm war.

»Du weißt ja Ashley, ich frage dich das jedes Mal, aber vielleicht möchtest du ja dieses Mal darauf antworten? Wie geht es dir heute?«, fragte mich Frau Neumann, die Psychologin. Ich lächelte, da ich gerade Musiktherapie gehabt hatte. Tatsächlich ging es mir sogar gut. Ich fühlte mich befreit, denn ich hatte meine Gefühle durch ein Instrument ausdrücken können.
»Gut«, ich wusste nicht, wer sich mehr erschrak, weil ich endlich gesprochen hatte.
Es war einfach aus mir herausgeplatzt, ich hatte nicht nachgedacht und es fühlte sich merkwürdig gut an.
»Das ist so schön Ashley, möchtest du mir diesmal vielleicht etwas erzählen?«, fragte mich die Therapeutin.
Ich nickte: »Ja, das möchte ich. Aber es wird keine fröhliche Geschichte.«

Als ich das Büro verließ, hatte ich noch immer Tränen in den Augen gehabt. Wir hatten die Stunde überzogen und ich hatte mir alles von der Seele gesprochen. Ich hatte darüber gesprochen, wie sehr mich der Umzug mitgenommen hatte, wie sehr ich litt.

Beim Abendbrot erzählte jemand einen Witz. Ich konnte mich nicht zurückhalten und lachte laut auf. Die anderen sahen mich verwundert an. Die Irre hatte endlich gesprochen. Doch viele begannen zu lächeln.
Machten sie sich über mich lustig? Ich war verunsichert.
»Deine Stimme ist so schön!«, sagte Olivia neben mir. Ich errötete. »Danke«, murmelte ich schüchtern.

Als ich am Abend auf meinem Bett lag, stellte mir Olivia viele Fragen. Sie fragte mich, wo ich wohnte, auf welche Schule ich ging, wie alt ich war. Unsicher beantwortete ich ihre Fragen. Ich hatte immer Angst, etwas falsches zu sagen. Doch selbst das wäre besser, als nichts zu sagen, versicherte sie mir.
»Warum bist du hier?«, fragte sie schließlich und ich zuckte zusammen. Was sollte ich nun sagen? Die ganze Wahrheit? Damit sie mich ekelhaft fand?
»Ich... füge mir Wunden zu... und sie haben Angst, dass ich... dass ich mich umbringen könnte«, stammelte ich. Olivia nickte, die Antwort schien in Ordnung zu sein.
»Ich bin hier, weil sie denken, ich könnte von einer Brücke springen. Schwachsinn, ich würde mich eher vor einen Zug legen«, sie zwinkerte mir zu, als wäre all das nur ein Spiel, als würde sie den Ernst der Lage nicht verstehen.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mein Blick fiel wieder auf das Armband.
»Gefällt es dir?«, fragte Olivia und grinste breit. Ich nickte.
»Ja, es ist sehr schön. Ich mag die Farbe. Aber was bedeutet die Libelle?«, fragte ich und sah ihr in die Augen.
»Die Libelle, das ist ein geheimes Zeichen. Das kann ich dir nu verraten, wenn du es niemandem verrätst!«
Und wieder sollte ich etwas verschweigen. Wie bei Ted. Mir wurde schlecht, ich unterdrückte ein Würgen, doch die Neugier siegte.
»Versprochen«, meine Stimme klang piepsig und Olivia runzelte die Stirn.
»Was solls. Die Libelle ist ästhetisch, sie ist dünn«, erklärte sie. Ich verstand nicht und fragte nach. »Dir sind doch sicher diese dünnen Mädchen hier aufgefallen oder?« Ich nickte und sie fuhr fort: »diese Mädchen sind perfekt. Sie sind dünn, so wunderschön zerbrechlich. Wenn man so dünn ist, dann ist man perfekt. Männer werden einen toll finden, einem zu den Füßen liegen. Frauen wollen auch so einen Körper«, erklärte sie. Das machte keinen Sinn, zumindest das mit den Männern.

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