Teil I - Kapitel 4b*

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Eine Weile später klingelte es an der Tür. Ich stand noch immer an Ort und Stelle, hatte mich nicht geregt. Mir fehlte das Bedürfnis mich zu bewegen. Ich hing lieber in einem Ort, den es nicht gab.

Doch als ich die schweren Schritte der Männer vom Umzugsunternehmen hörte, zuckte ich zusammen. Ich begann zu zittern. Mein Herz raste und Tränen traten in meine Augen. Ich hatte Angst vor ihnen. Angst davor, dass sie mir wehtun würden. Mein Atem ging schneller, ich hyperventilierte fast.

»Ashley, was ist los?«, fragte meine Mutter besorgt, die plötzlich im Zimmer stand.

Ich sackte zusammen, umschlang meine Knie mit meinen Armen und schluchzte. Ich hatte angst, solche Angst. Unwillkürlich schüttelte ich mit dem Kopf während schwarze Punkte vor meinen Augen tanzten.

Ich schottete mich komplett ab.

Als ich wieder zu mir kam, war alles vorbei. Die Männer waren weg. In meinem Zimmer standen Teile von nicht zusammengebauten Möbeln. Meine Mutter war weg.

Langsam richtete ich mich auf und sah mich um. Es war alles in Ordnung. Niemand hatte mir etwas getan. Ich beruhigte mich wieder und schaute mich um, ob ich etwas zusammenbauen konnte, doch ich hatte kein Werkzeug.

Leise verließ ich mein Zimmer und sah mich etwas in der Wohnung um. Es gab zwei Badezimmer, dafür war die Küche sehr klein. Sie grenzte direkt an das Wohnzimmer in dem meine Eltern beschäftigt waren.

»Ashley! Gehts dir besser?«, mein Vater klang erleichtert, als er mich sah. Ich nickte nur. Das Bedürfnis zu reden hatte ich auch jetzt nicht.

»Komm, wir bauen jetzt erst einmal deine Sachen auf«, schlug er daraufhin vor. Ich war gerührt davon, wie selbstlos meine Eltern handelten, denn sie ließen buchstäblich alles fallen und gingen gemeinsam in mein neues Zimmer. Ich folgte ihnen und beobachtete sie, wie sie damit begannen, meine Möbel zusammenzubauen.

Sie arbeiteten schnell und genau. Ab und zu fluchte mein Vater, wenn etwas nicht zu passen schien. Ansonsten war jedoch alles gut.

Es dauerte nicht lange, bis alles an seinem Platz stand.

»So, viel Spaß beim Dekorieren«, wünschte meine Mutter mir zwinkernd und strich mir über den Arm.

Ich nickte nur und wandte mich einer Kiste zu, die bei dem Bett stand.

Sie war mit Kleidung gefüllt. Etwas ratlos holte ich alles hervor und betrachtete jedes einzelne Kleidungsstück ehe ich es zusammenlegte und in den Schrank tat. Die Kleidung wirkte kindlich, sie gehörte und passte nicht zu mir, doch ich wusste nicht, was ich sonst tragen sollte. Die Blumenmuster waren mir zu fröhlich. Lediglich die Kleidung mit Pferden gefiel mir wirklich.

Die Sonne war bereits untergegangen, als meine Eltern mich zum Essen riefen. Ich hatte bereits die meisten Kisten ausgeräumt. Nur mein Spielzeug und die Kuscheltiere fehlten noch. Doch wenn es nach mir ginge, könnten diese Sachen in den Kartons bleiben. Ich brauchte sie nicht mehr.

Meine Eltern hatten den Tisch provisorisch in die Mitte des Wohnzimmers gestellt und etwas Aufstrich und einige Brote aufgedeckt. Ich setzte mich auf einen Hocker, die richtigen Stühle standen noch in einer Ecke.

»Guten Appetit«, wünschten meine Eltern. Ich nahm mir ein Brot und bestrich es mit Butter. Ich hatte keinen Hunger, dennoch belegte ich es mit einer Scheibe Wurst auf die ich noch eine Scheibe Käse legte. Ich liebte diese Kombination. Während ich herzhaft abbiss, betrachtete ich meine Eltern. Die Haare meines Vaters wirkten grauer als sonst. Unter seinen Augen waren tiefe Ringe. Er sah müde und angespannt aus. Die Haare meiner Mutter waren strähnig und standen unordentlich zur Seite ab. Ihr Gesicht war von Falten durchzogen und auch sie wirkte müde. Als wäre sie mit den Nerven am Ende. Ich fühlte mich schuldig, weil ich wusste, dass ich eine der Ursachen dafür war. Es tat mir leid. Ich wollte nicht, dass meine Eltern meinetwegen litten. Sie gaben sich so viel Mühe und ich wünschte mir, dass sie endlich wieder glücklich waren.

Nachdem ich das Brot gegessen hatte, blieb ich noch sitzen, bis meine Eltern ebenfalls fertig waren.

»Ich räume das weg, räum' du weiter aus«, bot meine Mutter an. Ich nickte und ging wieder in mein Zimmer.

Ratlos stand ich vor den Kartons. Sollte ich sie wirklich auspacken? Wozu? Damit das Spielzeug staubig in einer Ecke stand?

Andererseits wollte ich den Schein erhalten. Ich wollte, dass meine Eltern dachten, dass es mir besser ging.

Vielleicht wäre es besser, wenn ich verschwinden würde. Vielleicht würden meine Eltern dann nicht mehr leiden.

Langsam setzte ich mich auf den Boden und öffnete den Karton.

Ich betrachtete die Spielzeugpferde, die wie tot darin lagen und mich aus stumpfen Augen ansahen. Auch ihre Haare waren wirr.

Ich erhob mich wieder, nahm mir einen neuen Pullover und ging ins Bad. Ich hatte heute erst drei Mal geduscht und spürte, wie ich unruhig wurde. Meine Gedanken kreisten darum, wie schmutzig und ekelhaft ich war. Meine gesamte Haut schien zu jucken.

Als ich aus der Dusche stieg ging es mir etwas besser. Ich fühlte mich nicht mehr ganz so ekelhaft. Meine Haut leuchtete rot, weil ich sie so geschrubbt hatte. Manche Stellen bluteten leicht. Mir war schwindlig, doch ich zwang mich, mein Spiegelbild zu betrachten. Auch unter meinen Augen waren tiefe Ringe, meine Augen blickten mir starr und stumpf entgegen. Ich mochte mich nicht. Fand mich furchtbar. Ich blickte auf meine Narben, die sich von den unberührten Stellen wulstig abhoben. Sie sahen schrecklich aus, doch ich dachte nicht nach und griff nach einer Rasierklinge, die ich immer bei mir trug.

Tränen liefen meine Wangen hinunter, als ich sah, was ich getan hatte. Das Blut tropfte auf den Boden. Mehrere klaffende Wunden prangten auf meinem Arm. Ich wippte leicht vor und zurück. Das schlechte Gewissen war übermächtig. Jedoch spürte ich keinen Schmerz. Ich sah nur die Wunden, das Blut und merkte, wie mir schummrig wurde.

»Ashley, ist alles in Ordnung?«, es klopfte an der Badezimmertür. Ich hatte das Blut aufgewischt und ein Handtuch um meinen Arm gewickelt. Nun saß ich wieder stumm auf dem Boden und starrte Löcher in die Luft.

»Ashley, ich komme jetzt rein«, informierte mein Vater mich und öffnete dann die Tür mühelos. Hatte ich sie nicht abgeschlossen? Er schien darüber genauso überrascht zu sein wie ich.

»Oh Gott Ashley. Ich fahre dich ins Krankenhaus. Wickel da bitte einen Verband herum«, er wirkte bestürzt und resigniert. Ich nickte und erhob mich. In meinem Zimmer hatte ich immer Verbandszeug.

Ich legte mehrere Kompressen auf die Wunden und wickelte einen Verband um sie. Als ich fertig war, stand mein Vater bereits im Zimmer.

Wir schwiegen auf der gesamten Fahrt. Und auch während wir warteten schwiegen wir. Ich hatte keine Worte, aber das mein Vater schwieg kam selten vor.

Ein Chirurg versorgte meine Wunden.

»Ashley, ich möchte, dass du mit dem diensthabenden Psychiater sprichst, dein Zustand macht mir Sorgen«, sagte er und sah mir tief in die Augen. Ich zuckte mit den Schultern. Der Wunsch zu sprechen wurde immer geringer. Ich wollte mich in eine Welt retten, in der ich sicher war. In der mir niemand etwas antat. Eine Welt, in der es nur mich gab.

Ich wurde in den Flur geschoben. Die nette Schwester vom letzten Mal war nicht im Dienst. Stattdessen waren mehrere Schwestern da, die mich nur abschätzig ansahen. Ich fühlte mich unwohl.

»Hallo Ashley, ich bin Dr. Marten, ich habe bereits mit deinem Vater gesprochen«, auf einmal stand ein groß gewachsener Mann mit breiten Schultern vor mir. Ich sah ihn neugierig an.

»Er hat mir erzählt, dass du seit einiger Zeit nicht mehr sprichst und sich sorgen macht, dass du dir etwas antust. Von dem Chirurgen habe ich erfahren, dass die Wunden sehr tief waren. Ich habe beschlossen, dich erst einmal stationär aufzunehmen«, berichtete er. Erneut wurde über meinen Kopf hinweg entschieden. Ich war wütend und traurig zugleich. Erneut verteufelte ich mein Leben. Doch alles, was ich tat war nicken.

»Dann komm bitte mit«, der Psychiater deutete den Gang hinunter. Ich sprang von der Liege und lief neben ihm her. Wo mein Vater war wusste ich nicht. Ich fühlte mich seltsam alleine gelassen. Jetzt hätte ich seine Unterstützung gebraucht. Aber ich verstand auch, dass es zu viel für ihm war. Ich würde mit einem Kind wie mir auch nicht klarkommen.

Diesmal kam ich auf die Station für Jugendliche. Ich war mittlerweile zwölf Jahre alt und zählte für das Krankenhaus als Jugendliche.

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