Zoé Pilar Perez

„Schaffst du das?"

Müde Augen musterten mich über den Rand von Nicks stylischer Sonnenbrille, während mein Mitbewohner mir mein Handy reichte. Ich nickte und rollte meine Schultern zurück, ehe ich innerhalb weniger Sekunden den Kontakt meines Vaters im Telefonbuch meines Handys öffnete.

Würde man Mädchen fragen, wer ihr Vorbild wäre, so würden vermutlich die meisten von ihnen ihre Mutter nennen - die Person, die man am meisten kannte und die man trotz ihrer Macken einfach lieben musste, die Person, die immer einen guten Rat auf Lager hatte. Bei mir war das immer anders gewesen. Da ich über die Hälfte meines Lebens alleine mit meinem Vater aufgewachsen war, war dieser auch gleichzeitig für mich in die Vorbildrolle geschlüpft. Stets wollte ich so reif werden wie mein Vater, ein ebenso tolles Café wie das seine leiten, genauso gut mit Geld umgehen können. Doch in meiner jetzigen Situation könnte mir mein Vater keinesfalls weiterhelfen, und seine fehlende Unterstützung ruhte schwer auf meinen Schultern.

Er schrumpfte immer weiter in seiner Rolle des großen, tollen Vorbilds zusammen, und dafür wurde diese von einer ganz anderen und mir eigentlich so fremden Person an sich gerissen.

Mein goldenes Armband, Pilar Baptistes Armband, klimperte an meinem Handgelenk, während ich mit der anderen Hand den Anruf an meinen Vater betätigte.

Ich wusste kaum etwas über meine Mutter, aber eines war mir bewusst: Sie ließ sich nichts vorschreiben - ihr Glück war stets oberste Priorität. Ich wusste auch nicht, was ich davon halten sollte, dass sie dafür ihre eigene Familie links liegen ließ, aber dennoch beneidete ich sie um ihren starken Willen, ihren Träumen nachzulaufen, egal wie weit entfernt sie auch waren.

Mütter symbolisierten nicht nur das größte Vorbild, sondern gleichzeitig waren sie auch die besten Lehrer. Und ohne meine Mutter überhaupt richtig zu kennen, hatte ich eines von ihr gelernt: Manchmal musste man sich von bestimmten Leuten trennen, um glücklich zu werden und sein eigenes Leben zu leben.

„Zoé? Zoé? Bist du das?"

Die Stimme meines Vaters jagte mir einen Schauer über den Rücken, und gleichzeitig machte mein Herz einen kleinen Hüpfer, da ich - auch, wenn ich es mir eigentlich nicht zugestehen wollte - ihn schrecklich vermisst hatte.

„Sí, sí, ich bin's."

„Gott sei Dank! Was kommst du nur schon wieder auf so dumme Gedanken, Mädchen!? Ich werde dir sofort ein Flugticket zurück nach Barcelona buchen."

Alarmiert zog die ich Augenbrauen zusammen, atmete einmal tief ein und sprach schließlich das eine Wort aus, dass ich, bevor Harry in mein Leben trat, noch nie zu meinem Vater gesagt hatte:

„Nein."

„Was hast du gesagt, Zoé? Ach, passt es dir lieber morgen oder doch schon heute Abe-..."

„Nein", unterbrach ich ihn, „Nein. Ich komme nicht zurück, zumindest vorerst nicht. Mach dir keine Sorgen, mir geht's gut."

„Zoé, was soll das?" Seine Stimme wurde tiefer, signalisierte mir, dass Onio unzufrieden war, doch das bestätigte mich nur noch mehr in meinem Vorhaben.

„Papá, lass mich einmal in meinem Leben eigene Fehler machen. Ich kann sowieso nicht für immer in unserem Haus bleiben."

„Als ob es dir darum ginge, das kommt doch alles nur von diesem Briten!" Im Hintergrund hörte ich etwas scheppern, Nick räusperte sich sichtlich unwohl, obwohl er nicht einmal mehr den Inhalt unseres Gesprächs verstand.

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