Ein Schritt zurück?

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Von allen Seiten presste sich eine unsichtbare Kraft gegen mich. Es fühlte sich furchtbar beengend an; wie als wenn ich durch einen engen Gummischlauch gequetscht wurde, der kein Ende zu haben schien. Ich bekam keine Luft und um mich herum herrschte schwärzeste Dunkelheit.

Nur Snapes warme langfingrige Hand, die sich nach wie vor unnachgiebig um meinen Oberarm schloss sorgte dafür, dass ich bei Besinnung blieb. Das zornverzerrte Gesicht meines Vaters brannte sich kristallklar in meine Gedanken und obwohl um mich herum nichts als Schwärze war sah ich es scharf vor meinem inneren Auge aufblitzen. Ich schloss die Augen, trotz der Dunkelheit um mich herum.

Ich war in meinem Leben erst zweimal appariert. Einmal, als mich mein Vater als Kind per Seit-an-Seit-Apparieren mit ins St. Mungo genommen hatte, weil ich beim Spielen mit meinem Bruder vom obersten Treppenabsatz gefallen war, nachdem mich dieser mehr oder weniger versehentlich gestoßen hatte und ich mir den Kopf an einer Ecke des dunklen Mahagonigeländers aufgeschlagen hatte. Ich war mit nichts weiter als einer hauchfeinen Narbe davon gekommen, aber seit diesem Tage hatte ich es entschieden abgelehnt, im Haus fangen zu spielen, obwohl uns dies im Grunde eh verboten gewesen war.

Mein Vater war außer sich gewesen und wäre er nicht aus Sorge um mich sogleich ins St. Mungo appariert, wäre mein kleiner Bruder vermutlich nicht so glimpflich davongekommen. Trotz der Tatsache, dass er den Tag danach nicht richtig hatte sitzen können und den zwei Wochen Hausarrest war die Strafe, meiner Meinung nach, entschieden zu mild ausgefallen. Ich war schon damals so verzogen gewesen und hatte es genossen, wann immer mein Bruder in Schwierigkeiten gesteckt hatte. Doch mit der Zeit hatte sich auch das gelegt. Ich war älter geworden und vorsichtiger. Die Regeln und die Erziehung hingegen strenger und fordernder.

Das andere Mal war im letzten Sommer gewesen, als meine gesamte Familie zur Quidditchweltmeisterschaft gereist war. Mein Vater hatte Plätze in der Ehrenloge beim Zaubereiminister Cornelius Fudge erstatten können. Das mochte wohl auch das letzte Mal gewesen sein, an dem ich die Zeit zusammen mit meiner Familie wirklich genossen hatte. Doch am Ende des Spieles, das Irland gewonnen hatte, war eine Gruppe von Todessern aufgetaucht und nachdem wir meinen Vater nicht hatten finden können, hatte meine Mutter mich und Draco mit dem nächsten Portschlüssel zurück nach Hause geschickt.

Meine Eltern waren erst spät in der Nacht zurückgekehrt. Mit offenen Augen hatte ich dagelegen und ihren gedämpften, diskutierenden Stimmen gelauscht, hatte den fremden Geruch wahrgenommen, der an den Klamotten meines Vaters geklebt hatte und hatte ihre schemenhaften Gestalten im Licht des Flures auf und abgehen sehen...

Ich hätte es besser wissen sollen. Wie geblendet ich damals doch gewesen war. Und wie naiv. Natürlich war Lord Voldemort auf dem Vormarsch gewesen und jetzt war er zurückgekehrt und mein Vater verlangte von mir, dass ich mich ihm anschloss. Ich spürte einen Funken Reue in mir aufkeimen. Ich hätte meinen Vater niemals derartig anschreien dürfen oder ihn gar zur Hölle wünschen sollen. Ich hätte ihm mit Respekt begegnen müssen.

Aber der Unmut in mir überwog das Gefühl der Scham und Reue. Und doch, mein eigener Vater hatte mich praktisch an den Dunklen Lord ausliefern wollen, hatte mich mehr oder weniger verkaufen wollen, nur damit unsere Familie zu alter Macht zurückkehrte. Und seinetwegen, um den Status der Malfoys zu sichern.

Ich dachte an seine Worte zurück. Er wollte mich von Hogwarts nehmen. Der Hass stieg wieder siedend heiß in mir empor und schien mich gänzlich zu umfassen. Ich klammerte mich an einen letzten Funken Hoffnung... Hatte er nicht auch gesagt, dass ich, in seinen Worten, zu verletzlich für diese Welt war und dass es falsch von ihm gewesen war, mich mit einem Jungen gleichzusetzen. Bedeutete dies, dass er seine Meinung geändert hatte? Aber mein Vater war hart und unnachgiebig, er würde niemals seine Meinung ändern... oder?

Ich krallte meine Finger nach wie vor um den Arm meines Zaubertrankprofessors. Eiserne Bänder schlossen sich immer enger um meine Brust, meine Finger verkrampften sich, Snapes Arm schien mir zu entgleiten, und dann-

Ich sog in tiefen Zügen die kalte Nachtluft ein. Mein Körper bebte. Apparieren war wirklich nicht die Art, mit der ich mich am liebsten fortbewegte, da war mir das Flohnetzwerk um einiges lieber. Ich spürte die Nachwirkung des Disapparierens noch immer und taumelte leicht, doch Snapes Griff bewahrte mich davor, der Nase nach auf dem schlecht asphaltierten Boden zu landen.

„Ihr erstes Mal?", fragte Snape mit leicht nach oben gezogenen Mundwinkeln und ließ meinen Arm los.

„Nein", murmelte ich leise und wandte meinen Blick auf das, was vor mir lag.

Kalter Nebel hing über einem schmutzigen Fluss, der sich wie ein dunkles, fleckiges Band durch die von Unkraut und Müll überwucherten Ufer schlängelte. In der Ferne ragte ein alter überdimensional großer Fabrikschornstein in die Höhe, düster und unheilvoll. Die Nacht lag still über der einsamen und trostlosen Landschaft und das Wispern des schmalen Flusses war das einzige Geräusch, das an meine Ohren drang.

Vor mir eröffnete sich mir der Blick auf eine breite holprige Straße, die von hohen Häusern umsäumt wurde. Die schmutzigen Backsteinfassaden der Häuser verliehen dem Bild etwas Unheimliches. Haus um Haus reihte sich hier aneinander und nicht eines von ihnen schien sich von einem der anderen zu unterscheiden. Sie sahen alle gleich aus.

„Wo sind wir Professor?", fragte ich, nachdem ich mich von den ersten Nachwirkungen der raschen Reise erholt hatte.

Snape sah mich nicht an, doch er hatte die Brauen leicht zusammengezogen und seine schmalen Lippen aufeinander gepresst. „Cokeworth", murmelte er und ich meinte so etwas wie Verbitterung in seinen Augen lesen zu können. Oder war es Trauer?

„Sir?"

Der Name Cokeworth sagte mir rein gar nichts. Ich warf ihm einen leicht besorgten Blick zu. Ich spürte Unbehagen in mir aufkeimen. Das war falsch, Severus Snape war nie besorgt, oder ... traurig. Ich musterte sein hakennasiges Profil etwas verunsichert – dann war der Ausdruck so plötzlich vorbei, dass ich mir nicht mehr sicher war, ob er überhaupt dagewesen war. Der Klang seiner kühlen Stimme holte mich schließlich zurück in die Wirklichkeit.

„Ich habe hier ein Haus. Oder sagen wir es lieber so, es war das Haus meines Vaters. Nachdem er und meine Mutter gestorben waren bezog ich es ab und zu in den Ferien, wenn Dumbledore es für nötig hielt, mich aus der Schule herauszuschicken, um", er hielt kurz inne und richtete den Blick auf den schmutzigen Fluss zu unserer Linken, „gewisse Aufträge für ihn zu erledigen. Doch ich war lange nicht mehr hier..." Seine Stimme verlor sich in der Nacht und wieder war das Wispern des Flusses das Einzige, das zu hören war.

Nun war ich diejenige, deren Brauen sich bei seinen Worten leicht zusammenzogen. „Was für Aufträge?"

Snape wandte mir erstmals seinen Blick zu, seit wir die Straßen Cokeworths betreten hatten. Doch er schien durch mich hindurchzusehen. „Wir sollten aufbrechen", sagte er barsch und überging meine Frage. „Die Muggel hier in Cokeworth, in Spinner's End, sehen es nicht gern, wenn sich nachts Menschen auf ihren Straßen herumtreiben. Sie lieben die Einsamkeit dieser gottverdammten Gegend..."

Er steuerte auf eine schmalere Straße zu, die fast parallel zu der Hauptstraße zu verlaufen schien, und an deren Ende der Fabrikschornstein in die Luft ragte. Die Gasse war eng und düster. Ich bemühte mich, mit meinem Professor Schritt zu halten. Meine Gedanken überschlugen sich. Snape hatte hier gelebt? Unter Muggeln?

Doch ich traute mich nicht, ihm erneut eine Frage zu stellen. Stumm schritt ich neben ihm her durch die kühle neblige Nacht. Das Unwetter vom frühen Abend war vorüber, doch der Asphalt unter meinen Füßen glänzte noch immer vom vergangenen Regen.

Endlich blieb Snape stehen. Wir waren am Ende der Straße angekommen. Das letzte Haus vor uns unterschied sich in seinem Aussehen kein bisschen von den anderen der Straße. Er zog seinen Zauberstab aus der Tasche, tippte damit leicht auf das Türschloss und klickend schwang diese auf.

Erstaunt trat ich einen Schritt nach vorn. Das Innere des Backsteinhauses wirkte genauso schäbig wie seine äußere Fassade. Die Wände schienen aus nichts als Büchern zu bestehen, die sich dicht an dicht aneinander reihten und sich bis zu Decke stapelten. Durch die Eingangstür gelangte man in ein kleines finsteres Wohnzimmer, das einen vernachlässigten Eindruck machte und wie ich aus Snapes Worten schloss folglich nicht oft bewohnt wurde.

In der Wand neben der Tür befand sich ein kleines, mit
Vorhängen verhangenes Fenster mit Sicht auf die schmuddelige Straße. In der Mitte des Raumes standen ein alter Sessel und ein zerschlissenes Sofa dicht um einen wackligen Tisch gedrängt. Der kleine Wohnraum wurde nur schwach durch das Licht von Snapes Zauberstab, den er soeben entzündet hatte, erleuchtet.

Snape schloss die Tür hinter mir, nachdem ich eingetreten war.

„Nehmen Sie Platz!"

Er deutete mit seiner linken Hand auf das alte Sofa. Zögernd ließ ich mich darauf nieder, während Snape sich in den Sessel mir gegenüber gleiten ließ. Ein staubiger Geruch von alten Büchern stieg mir in die Nase und vermischte sich mit dem muffigen Gestank der zerschlissenen Couch. Hier hatte er gelebt? Leicht beschämt dachte ich an die prunkvollen Säle und Räume in Malfoy Manor zurück, die reichverzierten Möbel, den geschmackvollen, edlen Kamin, die Hauselfen... Ich schluckte leicht.

„Ich werde Sie morgen zurück nach Malfoy Manor begleiten, um Ihre Sachen zu holen und anschließend nach Hogwarts bringen, Miss Malfoy." Sein Blick war beinahe sanft. „Ich werde veranlassen, dass Dumbledore sich mit Ihrem Vater in Verbindung setzt und ihn somit daran hindert, Sie von der Schule zu nehmen."

„Danke." Mehr brachte ich nicht heraus.

„Ich kann nicht dafür garantieren, aber ich denke nicht, dass Lucius Sie von Hogwarts fernhalten kann..."

„Aber ich möchte lieber hier blieben", sagte ich schließlich leise. „Hier bei dir..." Ich räusperte mich. „Bei Ihnen, meine ich. Ich kann nicht zurück zu meiner Familie. Zu all der Kälte und Distanz."

Ich war am Boden der Tatsachen angekommen. Nach all den Jahren schien ich endlich begriffen zu haben, wer meine Familie in Wirklichkeit war, wer mein Vater war...

„Sie müssen!"

Der Klang seiner seidigen Stimme bei diesen Worten brach mir fast das Herz. Ich hätte weinen können, ich hätte schreien können, doch nichts davon tat ich. Es tat alles viel zu weh.

Isabella Malfoy - You may know my name, but not my story.Lies diese Geschichte KOSTENLOS!