Teil III - Kapitel 7b

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»Ich glaube, ich kann das nicht«, Lenas Stimme brach zum Ende hin. Unsicher sah sie zwischen mir und dem Regal mit den Süßigkeiten hin und her.
»Wir können es schaffen, ein Stück schaffen wir«, versuchte ich sie zu motivieren. Fragte mich aber gleichzeitig, ob ich nicht auch mich selbst damit von meiner Idee überzeugen wollte.
»Was nehmen wir denn?«, sie klang leise, ihre Stimme zitterte. Seit fünfzehn Minuten standen wir nun im Supermarkt vor den Süßigkeiten und überlegten, ob wir es wirklich tun wollten.
»Schokolade!«, bestimmte ich. Das letzte Mal hatte ich bei meiner letzten Essattacke Schokolade gegessen. Doch das konnte man nicht vergleichen, denn da habe ich sie nicht bewusst gegessen sondern sie einfach nur konsumiert.
Lena nickte nur. Sie wirkte angespannt. Aber vermutlich wirkte ich genauso angespannt.
Ich griff nach einer Tafel Zartbitter Schokolade - sicher war sicher und ging dann mit Lena zur Kasse.

In der WG angekommen gingen wir sofort auf mein Zimmer. Ich versuchte nicht daran zu denken, dass ich demnächst wieder gewogen werden würde. Die Kalorien versuchte ich ebenfalls auszublenden.
Das Papier knisterte, als ich die Schokolade langsam und vorsichtig auspackte, als wäre sie etwas wertvolles. Dabei verachtete ich sie eigentlich.
Ich brach eine Reihe ab und gab sie Lena, dann nahm ich mir ebenfalls eine Reihe.
Sie bestand aus drei Stück. Ich brach eines ab und starrte es an, als wäre ich hypnotisiert worden.
Ich blendete jegliche Geräusche aus. In mir tobte ein Sturm aus Gefühlen, die ich nicht benennen wollte. Die Krankheit schrie in mir, weil sie nicht wollte, dass ich das Stück aß. Mein gesunder Anteil versuchte jedoch mich zu motivieren.

Ich wusste nicht, wieviel Zeit verstrichen war, aber plötzlich stand Lena auf und verließ mein Zimmer. Sie hatte alle drei Stück gegessen und ich wusste, dass sie jetzt ihre Ruhe brauchte. Natürlich hoffte ich auch, dass sie nicht auf Toilette ging.
Plötzlich tat ich es einfach. Ich steckte mir die Schokolade in den Mund und ließ sie auf der Zunge zergehen. Der süße, klebrige Geschmack breitete sich in meinen Mund auf. Ich unterdrückte ein Würgen und den Impuls, das Stück wieder auszuspucken.
Ich zerkaute es zu Brei und schluckte dann erst.
Eine Woge Glückseligkeit überkam mich. Ich hatte es geschafft, ich war meinem Ziel gesund zu werden näher gekommen. Es war nur ein Stück gewesen, doch dieses Stück bedeutete mir die Welt.

Zum Abendbrot sollte ich drei Scheiben Brot und einen Joghurt essen. Zwei Scheiben sollten mit Käse belegt sein und eine mit Wurst.
Ich wollte mir eine Scheibe Brot verbieten, wegen der Schokolade, aber ich riss mich zusammen. Es hätte Konsequenzen, wenn ich weniger aß. Also riss ich mich zusammen und aß alles, was geplant war. Lena wirkte noch angespannter. Ihr ganzer Körper schien sich zu bewegen, damit sie noch ein paar zusätzliche Kalorien verbrennen konnte.
Als sie meinen Blick erwiderte, senkte ich meinen. Vielleicht war es wirklich keine gute Idee gewesen, die Schokolade zu kaufen.

Nach dem Essen nahm ich mir mein Handy und die Kopfhörer. Ich hatte mich wieder mit Mike getroffen.
Die Aussicht darauf beflügelte mich. Beschwingt lief ich los zu der Stelle, an der wir uns immer trafen.
Der Sommer kündigte sich langsam an. Es wurde bereits wärmer und war länger hell. Ich liebte den Sommer, er war schon immer meine liebste Jahreszeit gewesen.
Mike war bereits da. Das war selten, denn meistens kam er etwas zu spät.
»Hey Ash!«, rief er mir zu. Unwillkürlich stahl sich ein Lächeln auf meine Lippen.
»Hallo Mike«, begrüßte ich ihn und ließ es zu, dass er mich umarmte. Erneut stellte ich fest, dass er himmlisch roch.
»Guten Tag gehabt?«, erkundigte er sich, während wir damit begannen uns zu dehnen.
»Eigentlich ja, aber irgendwie auch nicht«, wiegelte ich ab.
»Du sprichst in Rätseln«, er lachte.
»Ich habe Schokolade gegessen«, platzte es aus mir hervor.
Er sah mich mit gerunzelter Stirn an: »und?«
»Ich esse eigentlich keine Schokolade«, flüsterte ich. Ich wollte ihn nicht mit meinen Problemen belasten, weil sie mir nichtig erschienen. Er hatte bestimmt wichtigeres zutun.
»Warum das denn nicht?«, nun klang er aufrichtig schockiert.
»Schokolade hat zu viele Kalorien«, hauchte ich. Meine Stimme zitterte, so viel hatte ich ihm noch nie erzählt.
Er harkte nicht weiter nach und fragte stattdessen: »wollen wir?«
Ich lächelte und nickte.

Ich gab mein bestes. Im Hinterkopf hatte ich den Wunsch, schneller und länger zu rennen, um die Kalorien verbrennen zu können, die ich zu mir genommen hatte. Ich wollte wirklich von dieser Krankheit geheilt werden, aber es war schwer. Schwerer, als ich es mir je vorgestellt hätte.
Als wir unsere Runde gejoggt waren, blieb ich stehen. Ich war außer Atem und keuchte. Meine Hände stützte ich auf meinem Oberschenkel ab.
»Heute warst du echt krass«, ich wusste nicht, ob Mike mich loben wollte oder es nur eine Feststellung war.
Langsam ließ ich mich auf die Bank fallen, bei der wir auch gestartet waren.
»Ich werde mich übrigens wahrscheinlich bei euch im Verein einschreiben«, informierte ich ihn und lehnte mich zurück. Meine Atmung normalisierte sich wieder.
»Echt? Cool! Du kannst es dir ja auch gerne vorher ansehen«, schlug er vor. Mir war noch immer schwindlig, weswegen ich meine Augen schloss.
»Darf ich dich was fragen?«, bat Mike und ich hörte, wie er sich neben mich setzte. Ich spürte den leichten Luftzug.
»Ja, klar«, erlaubte ich ihn und war gespannt, was er mich fragen wollte.
»Du bist so dünn, hast Probleme damit, Schokolade zu essen und dich wahrscheinlich genau deshalb heute total verausgabt. Hast du eine Essstörung?«, er traf genau ins Schwarze. Ich zuckte zusammen und öffnete meine Augen.
Sein Blick ruhte auf mir, er war sanft doch in seinen Augen spiegelte sich auch etwas Sorge.
»Ja. Deshalb wohne ich hier«, gestand ich und konnte seinem Blick nicht länger standhalten.
Er sagte nichts. Nach einer Weile stand er auf und fragte: »sehen wir uns morgen wieder?«
Ich nickte nur, dann hörte ich, wie er sich entfernte.
Mein Herz tat weh. Weil ich Angst hatte, ihn in die Flucht zu schlagen.
Wer wollte schon mit jemandem befreundet sein, der Panik bekam, wenn er einen Teller Nudeln nur sah?
Ich hasste mich dafür, dass ich so etwas einfaches wie essen nicht schaffte.
Aber vielleicht war das ja ein neuer Ansporn: Ich würde geheilt werden, damit er mich nicht verachtete.
Ruckartig erhob ich mich von der Bank, den Schwindel ignorierend und machte mich auf den Weg zurück in die WG.
In meinem Kopf herrschte Chaos. Die Gedanken schossen hin und her. Sie sprangen von einem Thema zum nächsten.
Warum war er einfach gegangen?
Wollte er nichts mehr mit mir zutun haben?
Ich raufte mir die Haare.

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