Zoé Pilar Perez

Die Stimme meiner Mutter verschwand nicht aus meinen Gedanken. Ich konnte nicht eine Sekunde die Augen schließen, ohne mir eine hübsche Französin mittleren Alters vorzustellen, welche um vier Uhr morgens durch einen Anruf ihrer fremden Tochter aus dem Schlaf gerissen wurde und verärgert auf Französisch durch die Leitung fluchte. Und gleichzeitig fragte ich mich, wie sie wohl so war. Pilar Baptiste. Vermutlich hatte sie irgendeinen charmanten und reichen Franzosen geheiratet – Mathieu, Jean oder Nicolas – lebte in einer kleinen Wohnung in Paris mit Balkon mit Blick auf den Eifelturm und war glücklicher denn je, als hätte sie nie ihre kleine Tochter und ihren liebenden Ehemann zurückgelassen.

Meine nackten Füße tapsten über die kalten Fließen der Wohnung, weshalb ein Schauer über meinen Rücken lief, und ich suchte die kleine Küche auf. Mein Blick durchforschte den Inhalt des bemitleidenswerten Kühlschranks, bis ich wie durch ein Wunder eine riesige Packung Schokoladeneis entdeckte. Schnell fischte ich mir einen sauberen Löffel aus der ungeordnetsten Schublade, die London wohl je gesehen hatte, und setzte mich in die Dunkelheit der Küche.

In Gedanken versunken löffelte ich mein Schokoeis und dachte an meine zweite Begegnung mit Harry, als Alessandro mir eben solches gekauft hatte und ich so getan hatte, als würde ich es lieben, obwohl ich Schokoladeneis eigentlich verabscheute, nur um Harry zu demütigen. Und jetzt aß ich schon wieder dieses mir so wenig bekömmliche Eis und schon wieder war Harry der Grund dafür, jedenfalls irgendwie.

Ich war so weggetreten, dass ich überhaupt nicht bemerkte, dass eine weitere Person die Küche betrat, bis plötzlich die Lampe über meinem Kopf angeschaltet wurde und ein Paar ausgetretene Chucks in mein Blickfeld trat.

„Zoé? Wieso bist du noch wach?"

Nicks Stimme hörte sich rau an, als hätte er heute Nacht viel geschrien, und seine Augen wirkten glasig. Verwirrt starrte ich ihn an und antwortete nichts, weshalb er nur den Kopf schüttelte und sich ebenfalls einen Löffel schnappte. Er setzte sich neben mich und zog die Packung Eis ein bisschen näher zu sich.

„Schöne Party gehabt?", fragte ich, obgleich es mich nicht interessierte.

„Ging so, wenigstens gab es genügend Zeug."

Ich ging nicht weiter darauf ein, da es mir lieber war, ich wüsste nicht, von was für einem „Zeug" mein Mitbewohner da redete. Also beobachtete ich ihn nur stumm beim Eis essen.

„Sorry, aber du siehst echt fertig aus. Willst du nicht lieber schlafen gehen?"

„Kann nicht schlafen.", murmelte ich nur und nahm ebenfalls einen weiteren Löffel Eis.

„Sicher? Komm schon, was ist los, Zoé?"

Es war eigenartig, hier mit ihm um diese Uhrzeit zu sitzen und zu reden, als wären wir Freunde. Ich hatte kaum mit Nick geredet, seit ich in die Wohngemeinschaft eingezogen war, gar hatte ich ihn mehrmals gesehen. Und dennoch war es irgendwie schön, dass da tatsächlich mal wieder jemand war, der nach meinem Befinden fragte – auch, wenn er wahrscheinlich stockbesoffen und benebelt von irgendwelchen Drogen war.

„Meine Mutter hat mich unnormal oft angerufen."

„Und?"

„Sie ist von zuhause abgehauen, als ich noch klein war, und hat sich nie bei mir gemeldet. Und jetzt scheint sie mich unbedingt erreichen zu wollen."

„Oh shit" Nicks Augenbrauen zogen sich zusammen, ehe er sprach: „Was hat sie denn gesagt? Hat sie dir eine Nachricht hinterlassen? Oder bist du drangegangen?"

„Ich hab' sie zurückgerufen, ich hatte ja keine Ahnung, dass sie es war. Aber dann hat sie nur Französisch geredet."

„Und du hast aufgelegt.", schlussfolgerte der Braunhaarige und ich nickte. „Du kannst kein Französisch, nehme ich an?"

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