Abhängigkeit

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Warum blieb er? Vielleicht, weil er es schon immer, für eine gewisse Zeit, ausgehalten hatte. Die Zähne zusammenbeißen, weitermachen, das hatte er gelernt. Nach außen den Anschein erwecken, dass er durchhielt, das war so tief in ihm verankert, dass er es nicht einmal wahr nahm, egal wie sehr er sich damit quälte.

Er verbrachte die erste Hälfte der Nacht im Quartier der Knechte und Diener, ein vollgestopfter, stickiger Raum im Bedienstetentrakt, und fand trotz der großzügig bereitliegenden Decken und Matten keinen Schlaf. Zu viele atmende, schnarchende, sich hin und her werfende Menschen, geflüsterte Gespräche, ersticktes Husten, das Schluchzen eines Alpträumenden. Kurz nachdem die Glocken der Uhrentürme zwei Uhr nachts geschlagen hatten rappelte er sich auf und stahl sich zu den Ställen, legte sich in einen Heuhaufen und war innerhalb von Sekunden eingeschlafen.

Geweckt wurde er von einer rauen Hand, die ihn behutsam, aber nachdrücklich an der Schulter rüttelte. Als er die Augen öffnete, entpuppte sich der Störenfried natürlich als Jefrem. „Morgen!", polterte er gut gelaunt. Obwohl es vor Sonnenaufgang war und sogar noch weit vor der Zeit, zu der Tarn aufzustehen pflegte, sah Jefrem entnervend wach und frisch aus. Nicht, dass er weniger abgerissen wirkte oder gar sauber, aber er strahlte trotzdem mit dem ersten zaghaften Glühen am Horizont um die Wette. Es war beinahe ekelerregend, dass jemand um diese Uhrzeit so munter sein konnte.

„Ich sag ja nichts gegen Einsatz bei der Arbeit", fuhr er heiter fort, „aber hier schlafen musst du trotzdem nicht! Für sowas haben wir Schlafplätze, mit Decken und wenn du Glück hast und es jemand klauen kannst, einem Kissen. Hat dir gestern niemand den Weg gezeigt?" „Doch", murmelte Tarn ärgerlich und verschlafen und hätte sich gern seine Decke über den Kopf gezogen, wenn er denn eine gehabt hätte. Weil er sicher war, dass das Jefrems nächste Frage sein würde, fügte er nach einer Sekunde bissig hinzu: „Ich konnte dort nicht schlafen. Ist das ein Problem?"

Jefrem zuckte gleichgültig mit den Achseln, aber sein Gesichtsausdruck deutete trotzdem darauf hin, dass er es keineswegs so gelassen hin nahm, wie er sich gab. „Mich stört's nicht, und die Pferde auch nicht. Aber woran liegt's? Das hier kann ja wohl kaum bequemer sein!" Er deutete mit einem Kopfnicken auf das Heu, doch Tarn murmelte nur ein mürrisches „Geht so", rappelte sich auf und wollte davon traben, um sich vor dem Beginn der Arbeit zumindest das Gesicht zu waschen. Seit dem gestrigen Tag hatte sich nichts geändert, er traute diesem Kerl nicht, Stallmeister hin oder her.

Und warum sollte er Jefrem erklären, wieso er sich von anderen fern hielt? Hätte das einen Sinn gehabt? Bestimmt nicht. Während Tarn sich im Gehen streckte und Jefrem den Rücken zudrehte, grinste er grimmig. Der abgerissene alte Zausel mit seinen bohrenden Fragen verstand vielleicht etwas von Pferden, aber sonst hatte er genauso wenig Ahnung von Tarns Leben wie jeder andere auch.

Doch Jefrem wäre nicht er selbst gewesen, wenn er zugelassen hätte, dass man ihn so einfach stehen ließ. „Tja, nicht jeder hat es mit anderen Menschen! Man kann sie auch schwer die ganze Zeit ertragen, was?", kommentierte er gut gelaunt, als hätte er Tarns Gedanken gelesen, und ließ ihn tatsächlich verblüfft inne halten. „Menschen stellen ständig Fragen, erwarten dass man mit ihnen redet, ihnen zuhört, tut, was sie sagen. Mit Pferden ist es einfacher; da weiß man, woran man ist, und es gibt keine großen Erwartungen."

Widerwillig wandte sich Tarn zu Jefrem um und wollte widersprechen, und erkannte im gleichen Moment, dass er nur aus der Reserve gelockt worden war, bevor er sich überhaupt vollständig umgedreht hatte. „Ich bin kein Einzelgänger", knurrte er dennoch abwehrend, aber das war nur teilweise die Wahrheit.

Es suchte die Einsamkeit nicht, aber er brauchte auch niemand. Keine Freunde, keine Familie, niemand, der sich um ihn kümmerte. Das war sowieso nichts für ihn, für seinesgleichen. Seine Liebhaber reichten ihm völlig aus, und mit denen kam er gut zurecht. Er konnte sehr umgänglich sein, wenn er jemand fand, an dem er Interesse hatte, aber sonst? Alles andere war sowieso nur Zeitverschwendung, und die, die es wert waren dass er seine Zeit mit ihnen verbrachte sahen das genauso. Anssi zum Beispiel hatte es verstanden. Und er hat dich noch am selben Tag abserviert, erinnerte er sich ungebeten, aber er schüttelte diesen Gedanken schnell ab.

Nirgendwo (BoyxBoy)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!