Der Maskenmann

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Es war stockfinstere Nacht, als ich den Bus verließ. In meiner rechten Hand hielt ich immer noch die Kinokarte, die mich an den Kinobesuch mit meiner besten Freundin Shanell erinnerte. Der Film war wirklich gut und wir hatten eine Menge Spaß. Mit einem Lächeln im Gesicht betrachtete ich die Kinokarte:
                 Kino 8
        Das Geflüster des Todes
            Reihe 11 Platz 11
          Fr. 13 Dez.    16:30

Ich steckte die Kinokarte in meine Hosentasche und ließ die besten Szenen des Gruselfilms noch einmal vor meinem Inneren Auge abspielen, während ich in die nächste Straße abbog. Doch als mein Blick auf eine flackernde Straßenlaterne fiel, blieb ich wie versteinert stehen. Denn im Schein der Laterne stand ein großer, breitschultriger Mann, mit einer qualmenden Zigarette im Mund. Sein Gesicht war von einer schwarzen Maske verdeckt, sodass ich überhaupt nicht einschätzen konnte, wie alt der Mann war. Zitternd starrte ich den Fremden an und wagte nicht mich ihm zu nähern. Äußerlich erinnerte der Maskenmann an einen Gangster, was die unzähligen Narben an seinem muskelbepackten, tätowierten Arm nicht besser machten. Wie angefroren stand ich da und traute mich nicht zu rühren, da ich die Aufmerksamkeit des Gangsters nicht auf mich lenken wollte. Vielleicht ist er ein Mörder!, meldeten sich meine Alarmglocken. Ängstlich sah ich mich nach einem Ausweg um. Die eingefrorene Straße war menschenleer. Niemand da, der im Notfall die Polizei rufen konnte. Warte.....mein Handy!
Sofort kramte ich in meiner Handtasche nach dem rettenden Gerät, konnte es aber zunächst nicht finden. Der maskierte Mann hatte mich bis jetzt noch nicht bemerkt und qualmte genüsslich weiter. Also suchte ich weiter und ertastete schließlich das glatte Display meines Handys. Erleichtert zog ich es heraus und wollte sofort Shanell kontaktieren. Doch als das Handy aus dem unaufgeräumtem Berg meiner Handtasche herausgefischt war, rutschte es doch tatsächlich aus meiner vor Angst ganz schwitzigen Hand und landete mit einem gut hörbaren Klackern auf dem vereisten Boden.
Autsch!
Ich kniff vor Schreck die Augen zusammen und hoffte, dass der unheimliche Mann so sehr in Gedanken versunken war, dass er es nicht gehört hatte. Aber natürlich hatte er es gehört und drehte sich blitzartig nach mir um. Bitte tu mir nichts!, betete ich in Gedanken und wollte mich nach meinem Handy bücken. „Lass es liegen!”, knurrte der Maskenmann, wodurch ich  meine ausgestreckte Hand sofort zurückzog. „Aber ich....”, hauchte ich vorsichtig und hoffte insgeheim noch darauf, dass der Mann in höllisches Gelächter ausbricht und mir erklärt, dass er nur einen Witz gemacht hatte. Aber es sah nicht so aus, als wäre der Mann eine große Scherzkanone. „Nichts aber! Lass es liegen, oder ich reiß dir das Ding mitsamt deiner Hand ab!”
Ich schluckte. „Was wollen Sie von mir?! Ich warne sie, ich habe Taekwondo gelernt!”, versuchte ich möglichst ohne Furcht rüber zu bringen. Ich merkte aber selbst, wie sehr meine Stimme zitterte. Außerdem hatte ich in meinem ganzen Leben nur 2 Stunden Taekwondo und das auch nur, weil Shanell eine Wette gewonnen hatte und wollte, dass ich in ihrem Taekwondokurs für 2 Stunden mitmache. Aber das alles war mindestens 4 Jahre her und mein schwaches Gedächnis konnte sich an keine Sekunde des Taekwondounterrichts mehr erinnern.
Der Maskenmann spuckte die Zigarette aus und kam langsam auf mich zu. „War das etwa eine Drohung?”, knurrte er. Ich machte einen Schritt rückwärts. „N...nein....”, hauchte ich leise und mein Herz fing an zu rasen. Der Fremde war mir jetzt schon so nah, dass ich seinen stinkenden Raucheratem im Gesicht spürte. In seinen grünen Augen loderte ein kleines Feuer. „Und ob das eine Drohung war! Sag mal, was hast du denn da in deiner Tasche? ”wollte der Maskenmann wissen und riss mir meine Handtasche aus der Hand, bevor ich auch nur ein Wörtchen sagen konnte. „Nein! Das gehört mir!”, schrie ich und wollte nach ihr greifen, bekam dafür aber einen harten Tritt in den Bauch. Ich taumelte zu Boden und hielt die Tränen mühsam zurück um nicht wie ein wehrloses Opfer auszusehen. Der vernarbte Mann griff in meine Tasche und holte meinen Geldbeutel heraus. „Nimm die dreckigen Pfoten von meinen Sachen!”, schrie ich und sprang trotz des schmerzenden Bauches wieder auf. Doch bevor ich auch nur in die Nähe des Geldbeutels kam, drehte der Mann meine Handtasche um, sodass meine ganzen Sachen auf den eiskalten, gefrorenen Boden fielen. „Ups.”, lachte der Maskenmann höhnisch und steckte meinen Geldbeutel in seine schwarze Lederjacke. „Und, wo bleiben deine Selbstverteidigungstricks?”
Ich wurde sauer. Mit hochrotem Kopf rannte ich auf den Mann zu und schlug blind auf ihn ein. Doch als meine Fäuste auf seine Brust trafen, packte der Fremde mich an den Armen und presste mich gegen die erste Hauswand. „Das war dein Taekwondo?”, lachte der Maskenmann und griff in meine Hosentasche. Das erste was er dort fand, war die Kinokarte. „Das Geflüster des Todes.”, las er. „Passt ja perfekt zu dem, was ich gleich mit dir mache!”
Ich zappelte wie ein Wurm, der im Schnabel eines hungrigen Vogels gefangen war. Aber im Gegensatz zu dem muskelbepackten Mann war ich ein kleiner Schwächling. „Hilfe!”, kreischte ich, als der Maskenmann in die andere Tasche griff, wo er aber nur ein angerotztes Taschentuch fand. „Halt die Klappe, oder ich stopf dir damit das Maul!”, fuhr er mich an und hielt mir das Taschentuch ins Gesicht. Aber ich hörte nicht auf zu schreien. Er wird mich doch sowieso auf irgendeine Art und Weise quälen, warum also still sein?
Als ich das nächste Mal um Hilfe schrie, platzte dem Mann endgültig der Kragen und er stopfte mir das Taschentuch tatsächlich in den Mund. Mit verzogenem Gesicht wollte ich es wieder ausspucken, doch der Maskenmann legte mir die Hand vors Gesicht, sodass ich es nicht loswerden konnte. Jetzt, nachdem ich still war, gab mir der Fremde noch einen Tritt in den Bauch. Ich zuckte vor Schmerz zusammen, wollte zurücktreten, wurde aber unsanft fallen gelassen, sodass ich mit meinem Hintern auf das glatte Eis traf.
Verzweifelt schaute ich mich nach meiner einzigen Hoffnung, dem Handy um. Als ich es ein paar Zentimeter neben mir entdeckte, schoss meine Hand blitzschnell danach hervor. Doch der Maskenmann schien mich beobachtet zu haben und schaffte noch es schnell genug wegzukicken. Dabei rutschte das Handy so weit über die vereiste Straße bis es in die Ritzen eines Gullis gelangte und hineinfiel.
Nein!
Ich riss die Augen vor Entsetzen so weit auf, wie es nur ging. Aber es war schon zu spät. Ich hörte noch, wie mein Handy am Grund des Gullis zerschellte und mit ihm zerschellte auch meine ganze Hoffnung auf Rettung.

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