Tegan

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Der Klang des Heulens ließ mir einen Schauer über den Rücken fahren. Instinktiv wollte ich ihn angreifen oder wenigstens davon laufen. Doch ich kämpfte den Drang nieder. Dieses Tier wollte und konnte Haven helfen. Und wenn sie ihm vertraute, dann würde ich das auch. Zumindest solange, bis es ihr besser ging.

Wartend stand ich ein Stück abseits von ihr und dem Wolf. Dieser lag noch immer mit geschlossenen Augen neben Heaven. Plötzlich kam ein rascheln aus dem Unterholz. Sofort dachte ich an einen Hinterhalt oder an Victors Männer. Aber es war weder das Eine noch das Andere. Zwar waren es Wölfe, aber sie griffen mich nicht an. Einer nach dem Anderen tauchte aus dem Wald auf und betrat die Lichtung. In einem großen Kreis stellten sie sich um Heaven, Michael und mich herum. Als sich der Kreis schloss, standen rund zwei dutzend Wölfe im Mondlicht und schauten auf Heaven. Michael erhob sich und gliederte sich in den Kreis ein. Dann erklang von allen Wölfen gleichzeitig ein Heulen. Es war ein unglaublicher Klang. Stark, im vollkommenen Einklang. Erneut ging einen Schauer durch meinen Körper. Ich bekam sogar Gänsehaut.

So unglaublich das alles auch war, fing ich an mich zu fragen, was das ganze sollte. Heaven sah aus, als müsste sie sterben und die veranstalteten hier einen Chor. Plötzlich erstarb mit einem Mal der Singsang. Die Wölfe legten sich alle bis auf einen hin. Aber da es nicht Michael war, der auf Heaven zuging, machte ich einen Schritt in die Richtung des weißen Tieres.

Sie ist die Einzige, die Heaven helfen kann', knurrte Michaels Stimme in meinem Kopf.

Misstrauisch trat ich beiseite. Die Wölfin berührte mit der Nase Heavens Wange. Einige Sekunden passierte gar nichts. Schließlich sah die Wölfin mich an.

Sie ist an jemanden gebunden. Ich kann ihr nicht helfen', erklang ihre sanfte Stimme in meinen Gedanken.

„Was soll das heißen?", fragte ich aufgebracht.

Nur das Blut ihres Gefährten kann sie heilen. Sie wurde vergiftet. Mit einem Gift, das sehr selten ist und das einzige auf dieser Welt, was sie ohne weiteres töten kann.'

„Ich bin an sie gebunden, aber sie nicht an mich", erklärte ich.

Ich fühlte fast schon, wie erstaunt das weiße Tier war.

Dann gib ihr jetzt dein Blut', forderte sie mich auf.

Ich dachte kurz darüber nach. Ich wollte ihr helfen und würde nicht zulassen, dass sie starb, aber sie hatte mein Blut nicht gewollt. Es fühlte sich falsch an, es ihr gegen ihren Willen zu geben.

„Scheiß drauf", murmelte ich mehr zu mir selbst als zu den Wölfen.

Mit großen Schritten ging ich zu Heaven. Ich kniete mich neben sie, hob ihren Oberkörper in meine Arme und biss mir ins Handgelenk. Die offene Wunde presste ich an Heavens Lippen, welche ich davor leicht öffnete. Langsam tropfte das Blut in ihren Mund. Aber sie biss nicht zu. Die Wunde verheilte wieder. Ich hob mein Handgelenk an meinen Mund und biss erneut zu.

„Komm schon", flüsterte ich, während ich ihr mein Blut einflößte.

Nichts. Keine Reaktion. Erneut öffnete ich meine Ader für sie. Die Wunde verheilte erneut, ohne das Heaven trank. Ich wiederholte den Prozess immer und immer wieder. Ich konnte sie nicht aufgeben. Konnte sie nicht sterben lassen. Ich hatte sie doch gerade erst gefunden.

Irgendwann hörte ich eine leise Stimme:

Es ist zu spät', flüsterte sie Wölfin in meinem Kopf.

Sie stand neben mir und drückte ihre Schnauze sanft an mein Gesicht.

„Nein", murmelte ich.

Heaven würde bei mir bleiben. Koste es was es wolle. Ich zog ein Messer aus meinem Stiefel. Ohne darüber nachzudenken, schlitzte ich mir den ganzen Arm auf und hielt mit dem Messer die Wunde auseinander, damit sie sich nicht schließen konnte. Das Blut schoss aus der Wunde. Bemüht soviel wie möglich davon in Heavens Mund zu bekommen, hielt ich den Arm über ihre Lippen.

„Trink. Komm schon Heaven trink!", brüllte ich voller Verzweiflung.

Die Wölfe um uns herum senkten ihre Köpfe und stimmten ein leises Heulen an. Wut, Trauer und Verzweiflung tobten in meinem Inneren. Ich spürte, das Heaven mir langsam entglitt. Ihr Leben wich langsam aus ihrem Körper.

„Heaven. Ich liebe dich", flüsterte ich leise an ihrem Ohr.

Heaven

Der Schmerz ließ meinen Körper aufschreien und sich nach Erlösung sehnen. Alles brannte, als würde ich von innen heraus in Flammen stehen. Das war das Ende. Ich konnte es fühlen. Nach all den Jahren sollte ich sterben, als ich endlich wieder einen Gefährten gefunden hatte. Mein Herz schmerze mehr als mein Körper, bei diesem Gedanken.

Tegan.

Der sture Kämpfer hatte mich gefangen genommen. Ich hatte mich in ihn verliebt. In seine Sturheit, seinen Kampfgeist, seine Kälte, seine Wärme, seine Fürsorge. Obwohl ich mich ihm nie vollständig hingegeben hatte und nie sein Blut getrunken hatte, fühlte ich mich mit ihm verbunden. Etwas an ihm zog mich zu ihm hin. Es fühlte sich an, als wäre ich vollständig, wenn ich bei ihm war. Als wären wir eins.

Tegan.

Ich würde nie wieder seine Berührung fühlen. Nie wieder seine Lippen schmecken. Nie erfahren, wie es war mit ihm zusammen zu sein. Nie erfahren, wie sein Blut schmeckte. Nie wieder in seine Augen sehen. Nie wieder seine Haut unter meinen Fingern spüren. Ihn nie wieder sehen.

Nie mehr leben.

Tegan.

I want your deathWo Geschichten leben. Entdecke jetzt