Zoé Pilar Perez

„Noemi? Noemi? Bist du dran?" Hektisch umklammerte ich mein Handy, während mein Blick wie festgenagelt an dem bunten Plakat vor mir hang. „Hallo, Noemi?"

„Zoé? Alles in Ordnung?", antwortete meine beste Freundin alarmiert. Ein Passant rempelte mich an, doch ich schenkte ihm und seinem desinteressierten „sorry" keine Aufmerksamkeit.

„Noemi, hier hängt so ein Plakat."

„Krasse Sache, Schätzchen."

Ich ging nicht weiter auf ihren spitzen Kommentar ein, sondern las zum vermutlich hundertsten Mal die dickgedruckte, bunte Aufschrift vor meinen Augen.

„Also, was ist daran so wichtig? Was steht drauf?"

„Da sind so Palmen und eine Sonnenbrille und sowas, es ist wohl Werbung für eine Reisemesse."

„Willst du schon wieder in den Urlaub fahren?" Trotz ihres spitzen Tons wusste ich ganz genau, dass sie gespannt am Hörer hing und mehr von mir erfahren wollte.

„Es wird ein ganz bestimmter Termin beworben, für heute und morgen um jeweils fünfzehn Uhr."

„Der Termin hat schon angefangen."

„Ich weiß", antwortete ich angespannt, mein Blick noch immer fixiert aber dennoch verloren in der bunten Aufmache des Plakats an der Liftfasssäule. „Es handelt sich um eine Vorlesung."

Noemi atmete einmal tief ein, und ich machte es ihr nach, ehe ich mit zittriger Stimme vorlas:

„Travel with Styles - Einmal Barcelona zum Mitnehmen in Form von Harry Styles' humorvollem Reiseführer."

NEIN!", Noemis Schrei war so laut, dass ich mir sicher war, dass selbst der Big Ben vor Schreck eine Sekunde aussetzte, bevor er wieder zu ticken begann.

„Noemi, Noemi, ich dreh durch." Jetzt, wo ich das Unglaubliche ausgesprochen hatte, wurde mein Atem mit jedem Moment hektischer und meine Schuhe schienen mit dem Asphalt unter ihnen zu verschmelzen.

„Zoé, Zoé, ich hab nur ein Wort für dich."

Überfordert kniff ich meine Augen zusammen, während meine beste Freundin kommandierte:

„Renn! Renn zu dieser verflixten Vorlesung und hol dir deinen Kerl zurück!"

Ihr Appell schüttelte all den Druck von meinen Schultern, gab mir die Kontrolle über meinen Körper zurück und ohne mich auch nur von Noemi zu verabschieden, beendete ich den Anruf.

Und dann dachte ich zum ersten Mal seit ich in London war nicht mehr nach, zweifelte nicht mehr an meiner großen Liebe und hatte keine Angst mehr vor der fremden Stadt, sondern rannte einfach nur, wie es mir befohlen wurde.

Ich rannte durch die verregneten Straßen, vorbei an bunten Schaufenstern und dunklen Fluren, die in irgendwelche Kneipen führten. Vorbei an shoppenden Freundinnen und wichtig aussehenden Männern in Anzügen und schweren Mänteln. Vorbei an allen Hindernissen, die sich mir in den Weg stellen wollten, mit Harrys letztem „Vergiss mich nicht" in meinem Kopf.

Die nächste Underground Station fand sich wie geschwind, genauso wie eine passende Bahn, die mich zu der auf dem Plakat angegebenen Haltestation fahren sollte. Sie fuhr ausnahmsweise mal viel zu langsam für meinen Geschmack und noch nie hatte es mich so gestört, dass die Tube an jedem Stopp halten musste. Die Zeit strich dahin und mit ihr auch meine Geduld.

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