Zoé Pilar Perez

Ich musste mir dringend eine Arbeit suchen. Um Geld zu verdienen, um nicht nur den ganzen Tag alleine in der Wohnung zu sitzen, und um mich von meinen Gedanken über Harry abzulenken.

Harry. In nur drei Tagen würde ich ihn wiedersehen, dann hatte ich einen offiziellen Termin mit ihm. Die nächsten Tage wäre er zu „beschäftigt", hatte die Dame an der Rezeption gezischt und nebenbei ihre E-Mails gecheckt, als wären Eve und ich gar nicht da. Drei Tage, die ich mich noch gedulden musste. Wie würde er wohl reagieren, wenn er mich wiedersah? Würde er auf mich zustürmen, würde er weinen, oder würde er neutral bleiben und versuchen, mir zu erklären, dass er es ernst gemeint hatte, als er sich in Barcelona von mir getrennt hatte?

Ich für meinen Teil würde auf jeden Fall weinen - egal, wie er reagierte.

Sowohl Eve als auch Nick waren ständig unterwegs, wobei Letzterer mir seit meinem Einzug tatsächlich erst ein einziges Mal über den Weg gelaufen war. Ich hatte keine Ahnung, wo sich der Brite die ganze Zeit aufhielt, doch er schien die Wohnung bereits zu verlassen, während ich noch im Tiefschlaf war, und wieder zurück kam er erst spät in der Nacht. Vermutlich beschäftigte er sich tagsüber in der Uni mit den unzähligen Gesetzen der britischen Verfassung, nur um diese nachts dann auf den Partys irgendwelcher Studentengemeinschaften zu brechen. Und mit Eve aß ich zwar meistens zu Abend, aber sonst verbrachte diese ihre Zeit auch entweder in der Uni oder machte mit ihren amerikanischen, schlauen Freunden London unsicher. Sie konnte jedoch auch nicht mitansehen, wie ich einfach nur tatenlos in unserer dreckigen Bude rumhockte und darauf hoffte, Harry über den Weg zu laufen, ohne auch nur die Straße zu betreten, und als sie mir schließlich erzählte, dass in einem kleinen Café in der Nähe ihrer Universität nach einer neuen Kellnerin gesucht wurde, überwand ich schließlich meinen inneren Schweinehund und machte mich auf, um mich persönlich dort zu bewerben.

Das Café befand sich tatsächlich direkt neben der Uni, weshalb es vor allem Studenten anzuziehen schien. Bereits auf den ersten Blick verliebte ich mich in die süße, verspielte Einrichtung, die mehr an ein Puppenhaus erinnerte als an ein Café inmitten einer Weltmetropole, leichte Popballaden schmiegten sich an das fröhliche Getratsche der jungen Besucher und der Geruch von Kaffee und süßem Gebäck stieg mir in die Nase. Aus jeder Ecke ertönte ein anderer mir fremder Akzent und dennoch verstanden sich alle prächtig. Das Tea Time war zwar das komplette Gegenteil zu dem Café meiner Familie, aber dennoch fühlte ich mich, als würde ich bereits jahrelang hier arbeiten. Die Atmosphäre gewann mich vollständig für sich und am liebsten würde ich mir sofort wieder eine Schürze um die Taille binden und anfangen, die Kunden zu bedienen. Selbst, wenn ich nicht gewonnen werden würde, hatte es sich das Verlassen der Wohnung gelohnt, denn so wohl wie in diesem Café hatte ich mich, seitdem ich meine Heimat verlassen hatte, nirgends gefühlt.

Was mich jedoch überrumpelte, war, dass ich hinter jeder Ecke Harry vermutete. Es kam mir vor, als würde er links neben dem Tresen an seinem Lieblingsplatz sitzen und mir, hinter einer alten Zeitung versteckt, Luftküsse zuschicken. Als würde er den Laden jeden Moment betreten und durch seine positive Aura alle Blicke auf sich ziehen. Als würde er neben mir am Tresen stehen, da mein Vater gerade eine Pause machte, und seine Finger gegen das alte Holz trommeln lassen, sodass seine schweren Ringe im Rhythmus meines Herzens musizierten, während er darauf wartete, dass ich ihm einen Kuss schenkte. Harry war hier, und genauso war er es nicht. Ich trug ihn mit mir, akkommodierte ihn in das mir eigentlich so fremde Café, als wäre es mein eigenes Café in Barcelona, in welchem wir so viel Zeit miteinander verbracht hatten. Er würde seinen typischen Tee bestellen und ich stellte mir seine Stimme in meinem Kopf vor, wie er grinsen würde: „Und einmal French Kissing zum hier genießen, bitte."

Doch das Tea Time befand sich in London und nicht in Barcelona, und Harry war nicht bei mir, sondern lebte irgendwo sein altes Leben ohne mich weiter.

Das Teestübchen war zwar rappelvoll, aber dennoch schien die Eigentümerin sofort Zeit für mich zu finden.

„Sie sagen, Sie haben bereits Erfahrungen in der Gastronomie?" Die kleine, rundliche Dame beobachtete mich mit wachsamen Augen, während ich ihr meine Bewerbung reichte und höflich zur Antwort nickte.

„Ja, ich habe jahrelang in dem Café meines Vaters in Barcelona gearbeitet, sowohl als Bedienung als auch im Verwaltungsbereich."

„Oh, sehr schön. Daher also das südländische Aussehen und der Akzent. Aber Sie haben schon vor, langfristig in London zu bleiben...?"

„Ja." Eigentlich wusste ich dies nicht. Was, wenn Harry mich nicht mehr wollte? Oder wenn einfach keine gemeinsame Zukunft für uns beide bestimmt war? Diese Zweifel plagten mich, seitdem ich in Barcelona das Flugzeug betreten hatte. Würde ich einfach zurück nach Hause fliegen können, würde mein Vater mir verzeihen? Meine Zukunft war so ungewiss, dass mir diese einzige Frage der mir noch unbekannten Dame eine Gänsehaut bescherte.

„Sehr schön. Sie müssen verstehen, dass ich sehr viele Bewerber habe, aber Ihre Bewerbung und ihr Auftreten sprechen mich sehr an. Ich werde Sie informieren, sobald ich mich entschieden habe.", sprach die Dame, welche übrigens Lauren Olie hieß, und hielt mir lächelnd ihre Hand entgegen.

Überrascht erwiderte ich ihr Lächeln und schüttelte ihre Hand. Wenn alles gut lief, würde ich schon bald wieder arbeiten und Geld verdienen. Das wäre der erste Schritt, in eine sicherere Zukunft in Großbritannien.

Wir verabschiedeten uns voneinander und sie führte mich noch zum Ausgang, wo sie mir höflich die Tür öffnete. Kaum war ich wieder auf die Straße getreten, tropfte auch schon ein typischer Regenschauer auf mich nieder, und ich blieb schnell stehen, um mir die Kapuze meines dicken, extra neu gekauften Regenmantels über den Kopf zu ziehen. Dabei fiel mir eine breite Liftfasssäule vor mir auf, auf welche viele bunte Plakate tapeziert worden waren. Theater, Konzerte, Sportangebote und Nachhilfeinstitute - verschiedenste Branchen wollten auf sich aufmerksam machen, doch ein Plakat stiel allen anderen Angeboten die Show.


Zwar etwas kürzer, aber ich musste das Kapitel einfach so enden lassen. Freut euch schonmal auf das nächste Kapitel :)))

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