Das Volk der Westwinde

2.4K 145 30

Vertieft in Gedanken bemerkte ich nicht, wie das Schwert auf meine Schulter hinabsauste, verpasste so das Ausweichmanöver und stürzte armselig rückwärts, als mich das unscharfe Schwert traf. Keuchend rappelte ich mich wieder auf. ,, Du bist heute nicht bei der Sache! Konzentriere dich gefälligst oder willst du das dich mein Schwert wieder trifft?" Spottete Owen über mich. Ich massierte mir die schmerzende Schulter und fixierte ihn schlecht gelaunt mit meinen Blicken. Obwohl die Schwerter stumpf waren und wir Kettenhemden trugen, tat es verflucht weh wenn Owen zuschlug. Er hatte eine enorme Angriffskraft und schnelle Reflexe. Ich hätte auf dem Schlachtfeld als Gegner gegen ihn keine Chance. Und er konnte es nicht lassen diese Tatsache mir immer und immer wieder vor Augen zu halten. ,, Wäre das hier ein echter Kampf wärst du schon sechs mal gestorben. Bist du nicht diejenige gewesen die letztens allein gegen ausgebildete Drachenritter des Feindes gesiegt hatte? Oder war das nur pures Anfänger Glück? Nein warte, ich hab's! Die Streitkräfte des Feindes lassen einfach nach und lassen sich sogar Widerstandslos töten! Deren Drachen sind sicher kleine Schmuseechsen im Vergleich von Shruikan, wie?" Ich knirschte mit den Zähnen und funkelte ihn an. Jetzt hat er es wirklich übertrieben. Er stand mir gegenüber und blickte mir ernst entgegen. Er hob wieder sein Schwert. Ich tat es ihm gleich und ganz gleich ob meine Beine zitterten und sie sich steif anfühlten, rannte ich abermals auf ihn los, hob schreiend das Schwert an und zielte auf seine Hüfte. Er wich mir geschickt aus. Verblüfft darüber wie wendig er war, obwohl er das vierfache an Breite besaß als ich, war ich kurz wieder nicht auf den darauffolgenden Schlag gefasst. Aus dem Augenwinkel konnte ich dennoch die Bewegung voraus ahnen. Reflexartig hob ich das Schwert seitlich hoch. Das Geräusch das entstand, als unsere Klingen aufeinander krachten, bereitete mir eine Gänsehaut. Unsere Gesichter waren sich nun so nahe, dass ich sein alkoholisierten Atem riechen konnte. Ich verzog das Gesicht und sprang zurück, stürzte dann wieder auf ihn zu. Dieses mal täuschte ich einen Angriff frontal vor, ließ das Schwert aber von oben niedersausen. Ich hatte einen kleinen Funken Hoffnung, der dann sofort erlosch, als er sein Schwert blitzschnell hochzog und den Schlag parierte. Dabei war meine Klinge nur eine Haaresbreite von seiner Schulter entfernt gewesen. Owen ließ plötzlich sein Schwert sinken. ,, Das reicht fürs erste. Komm, gehen wir was spachteln. Ich weiß ja nicht wie es dir geht, aber ich brauch jetzt einen Krug Met." Er nahm unsere Übungsschwerter mit und brachte sie weg. Ich ging derweil vom Platz hinter dem Wirtshaus durch den Hintereingang hinein, ging kurz durch die leer stehenden Räume, vorbei an die Küche, woraus zahlreich verführerische Düfte mir entgegen kamen, in die Schenke und setzte mich an einen der abseits stehenden Tische. Heute war hier nicht viel los. Der Gastwirt hockte auf einem Hocker und wartete gelangweilt auf Bestellungen. Ich hob meine Hand und winkte ihn rüber. Erfreut blickte er zu mir, kam fast schon übereifrig an meinen Tisch und lächelte mir entgegen. ,, Was wünschen sie?" Gerade als ich meine Bestellung machen wollte, kam Owen, ließ sich mir gegenüber fallen und setzte gleich ein albern aussehendes Lächeln auf, da er zahlreiche Zahnlücken hatte. Was mich an einen kleinen Jungen erinnerte, der gerade seine Milchzähne verlor. Sofort listete er eine ganze Reihe von Bestellungen hinunter und schaute dann mich fragend an. Kurz erwiderte ich nichts, dann antwortete ich im Gegensatz zu Owen ruhig und langsam. Ich bestellte mir nur ein bisschen Geflügel mit Gemüse und einen kleinen Krug Met zum hinter spülen. Als der Gastwirt aus unserem Blickfeld verschwand, verschwand auch Owens aufgesetztes höffliches Lächeln. Während wir warten pulte er an seinen dreckigen Fingernägeln rum und ich legte den Kopf in den Nacken und schloss entspannt die Augen. Die Glieder schmerzten mir und ich spürte bereits den nahenden Muskelkater in meinen Armen. Meine Schulter dagegen brannte und ich massierte sie wieder. ,,Schmerzen?" fragte plötzlich eine tiefe Stimme neben mir. Ich sah auf und bemerkte das Ray neben uns stand. ,,Etwas." Murmelte ich leicht unverständlich. Ray runzelte kurz die Stirn. ,, Komm nachdem du gegessen hast zu mir. Ich habe etwas das dagegen sicher helfen wird." Ich nickte dankend, während er sich umdrehte, die Treppe hoch stieg und aus meinem Blickfeld verschwand. Dabei entdeckte ich verblüfft das er bis zu den Knien mit Schlamm bedeckt war und kleine Schlammpfützen hinterließ. Als der Gastwirt dann kam, um unser Essen zu bringen und diese Schweinerei sah, brauste er auf und Owen konnte ihn erst beschwichtigen, als er ihm doppelt Trinkgeld gab. Seufzend rutschte er wieder an den Tisch und beschwerte sich erst lautstark über diesen Geizhals, als dieser wieder in der Küche verschwand. Ich zupfte bereits an meinem Hähnchen herum und stopfte mir das wohlschmeckende Fleisch in den Mund. Plötzlich fing Owen an zu reden. ,, Die schieben Patrouille rund um den Berg. Letztens hat's in der Nacht wohl geregnet und jetzt ist der Boden dort total schlammig. Wechseln sich immer ab. Ich bin gegen Mitternacht wieder dran. Es scheint das Ray jetzt abgewechselt wurde. Der kann sich glücklich schätzen nicht in der tiefen Nacht Patrouille schieben zu müssen." Murrte er und biss herzhaft in seine Keule. Ich nickte langsam verständlich. ,, Wann bin ich dran mit Patrouille?" ,,Du? Hm mal überlegen." Er nahm einen großen Schluck aus seinem großen Krug Met. ,,Glaube du bist erst so gegen Sonnenuntergang dran. " ,,Eigenartig das mir Chrome das nicht persönlich und früher gesagt hat." Wieder still aß ich meine Mahlzeit auf, spülte alles mit dem letzten Zug aus meinen Krug hinunter und unterdrückte mir ein aufstoßen. Owen gab sich nicht mal die Mühe sich dies zu verkneifen und rülpste drauf los. Anscheinend wirkte der starke Met erst nach drei Krügen bei ihm. Bald konnte ich kein einziges Wort mehr von ihm verstehen und er gluckste nur noch wie ein kleines Kind. Übermüdet musste ich ihn auch noch in sein Zimmer hoch helfen. Allein wäre er da nicht hoch gekommen. Er fiel ins Bett und schlief sofort grunzend ein. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich ein kleines Gemälde auf dem Tisch neben dem Bett. Darauf war ein großer pausbäckiger Mann, ein ebenso pausbäckiger Bursche und eine schlanke lächelnde Frau abgebildet. Generell lächelten alle und sie sahen friedvoll und glücklich aus. Der große Mann war natürlich Owen, dass war nicht schwer zu erraten. Ob wohl die beiden anderen Gestalten sein Sohn und seine Frau sind? Das ungleichmäßige Schnarchen von Owen riss mich aus der Starre in die ich zuvor verharrt war und ging auf leisen Sohlen hinaus. Dann suchte ich Rays Zimmer auf und klopfte an seiner Tür. Seine Stimme erklang müde und ich trat in sein Zimmer ein. Er sah von einer Pergamentrolle auf und musterte mich kurz, blieb dann mit seinem Blick an meiner Schulter kleben. Er erhob sich, trat zu seiner Reisetasche und kramte darin. Ein lautes ,,Aha!" zerschnitt die unangenehme Stille. ,, Hier hattest du dich also versteckt. Komm bitte mal her Aya und lass mich dich verarzten. Bitte das Kettenhemd noch ausziehen und das darunter liegende Hemd ebenfalls." Ich erstarrte kurz, nickte dann etwas zögerlich, legte das schwere Kettenhemd ab und streifte mir das darunter liegende Wollhemd ebenfalls noch ab. Ich hatte mein kurzärmeliges dünnes Leinenhemd aber anbehalten. Er zog es jedoch am Kragen hinunter, über meine schmerzende Schulter, das diese freigelegt wurde. Er betrachtete kurz mit hochgezogenen Augenbrauen die kleine schillernde Brandnarbe an meinem Oberarm, die ich mir damals von dem Feuerdrachen zugezogen hatte, sagte aber nichts dazu, setzte sich auf das Bett und deutete mir mich neben ihn zu setzen. Ich setzte mich auf die Bettkante neben ihn, er öffnete eine große, hölzerne Dose und sofort kam ein stinkender Geruch mir entgegen. Ich verzog das Gesicht und starrte ungläubig die braune Masse darin an. ,, Was ist das?" fragte ich leicht angewidert. ,, Das hier ist eine spezielle Tinktur gegen Muskelzerrungen, blauen Flecken und so weiter." Es entstand eine tiefe Furche in der flüssigen Masse, als Ray mit seinem Zeigefinger großzügig einen Klumpen herausholte und es schnell auf meine freigelegte Schulter streichte. Sofort wurde mir der widerliche Gestank von getrockneten bitteren Kräutern und Erde zugeworfen. Ich musste es mir verkneifen nicht zu würgen und drückte meine Nase in meine Armbeuge. Ray grinste flüchtig bei dem Anblick. ,, Stinkt es wirklich so schlimm? Ich bin schon so lange diesem Geruch ausgesetzt gewesen, dass ich mich wohl daran gewöhnt habe." Ich sah ihn neugierig an. Er bemerkte den Blick nicht, aber dennoch fing er an von sich aus zu erzählen. ,, Ich war früher mal genauso wie du. Ich stand am Anfang und hatte noch viel Abenteuerlust. Als ich zum Drachenritter ausgebildet wurde, befreundete ich mich mit einem der Lehrlinge, der ebenfalls gerade kurz davor war zu einem Drachenritter aufzusteigen. Wir trainierten oft zusammen. Einer muss ja bei solchen Kämpfen verlieren. Leider war es immer wieder ich der zu Boden ging. Doch statt sich mit seinen Siegen zu brüsken, half er mir immer auf die Beine und gab mir, wenn ich mich mal wieder verletzte, diese Tinktur. Anscheinend beherrscht er das Wissen über die Heilkunde. Vielleicht war es ja die Arbeit seiner Familien solche Tinkturen herzustellen. Ich habe keine Ahnung. Jedenfalls passierte es einige Jahre später," Ich bemerkte wie Rays Augen rot wurden und sein Blick starr auf meine Schulter gerichtet war, während er langsam mit rauen Fingern über meine frei gelegte Haut fuhr",es war eigentlich ein friedvoller Tag. Dann kam die Meldung das er bei einem Auftrag im Feindesland verschollen, wenn nicht gar getötet worden war. Er war noch so jung..." Er blinzelte stark und atmete tief ein. Ich hatte mich voll und ganz auf Rays Erzählung konzentriert und hatte überhaupt nicht mitbekommen das er bereits fertig damit war, das widerliche Zeug auf mir zu schmieren. Verwundert kreiste ich meine zuvor höllisch schmerzende Schulter ohne ziehen und brennen. Verblüfft wollte ich an meine Schulter fassen, doch Ray packte meine Hand. ,, Nicht. Sie sollte sich trotz verminderter Schmerzen nicht zu sehr belasten und du solltest die Tinktur einziehen lassen."Dann machte er die Dose mit der widerlichen Tinktur darin zu und drückte sie mir in die Hand. ,, Das alles gehört nun der Vergangenheit an. Hier, die wirst du nun mehr brauchen als ich. Geh achtsam damit um. Das Rezept kann ich dir auch noch mitgeben, aber es ist wirklich schwer an die Zutaten ran zu kommen." Ich schüttelte mit dem Kopf. ,, Nein danke. Das Rezept werde ich schon nicht benötigen. Und das nächste mal wenn ich mit Owen trainiere, lass ich mich einfach nicht von ihm treffen." Ich grinste breit. Er lächelte mir nostalgisch hinterher, als ich das Zimmer von ihm verließ. Vor der hinter mir zufallenden Tür blieb ich noch kurz stehen und strich über die raue Dose. In mich gekehrt machte ich mich auf dem Weg in mein Zimmer um mich für meinen Patrouillengang vorzubereiten. 

Aya -Tochter der DrachenLies diese Geschichte KOSTENLOS!