Zoé Pilar Perez

Es gab drei Dinge, mit denen ich in London konfrontiert wurde.

Erstens, es regnete dort nicht nur ständig, sondern es war auch unerwartet laut. Überall tobte der Verkehr und kaum ein Bus- oder Autofahrer schien die Hupe zu ignorieren. Zweitens, Londons Wohnungen waren zwar größtenteils in schrecklicher Verfassung, aber dennoch unverschämt teuer. Und drittens war diese Stadt einfach viel zu groß, um jemanden zu finden, von dem man eigentlich nur den Namen und den Beruf kannte.

London war das größte Abenteuer, welches ich je begangen hatte, und auch wenn ich noch ganz am Anfang von eben diesem war, strapazierte es bereits meine Nerven.

Es war mein vierter Tag in London und mein dritter Tag in meiner neuen Wohnung, einer Wohngemeinschaft zusammen mit einem Briten in meinem Alter namens Nick und der amerikanischen Stipendiatin Eve. Wie jeden Tag musste ich mich unter der kleinen, alten Dusche ducken, um mir nicht den Kopf zu stoßen, musste eine Minute warten, bis das Wasser aus dem Wasserhahn auch nur annähernd an Temperatur zunahm und wie jeden Tag stand bereits ein Stapel an Geschirr, das gespült werden wollte, neben dem Waschbecken, bevor ich überhaupt dazu gekommen war, selbst zu frühstücken, da meine beiden Mitbewohner jeden Tag brav früh aufstanden, um die Uni zu besuchen.

Der Tisch lag voll mit leeren Bierflaschen und alten Extensions - Kram, der bereits vor meiner Zeit nach irgendeiner Party hier vergessen wurde - einer verknitterten Zeitung und einem mehr oder weniger großzügigem Angebot an Frühstück. Gähnend griff ich nach der Müslipackung, als mein Handy begann zu vibrieren. Ich musste gar nicht erst einen Blick darauf werfen, um zu wissen, wer mich anrief.

Seit ich nach Großbritannien aufgebrochen war, versuchte mein Vater, mich durchgängig zu erreichen, doch ich blieb stur - genau wie er - und ignorierte seine Anrufe und Textnachrichten.

Wer jedoch kein einziges Mal von sich hören hatte lassen, war Harry. Kein einziges Lebenszeichen hatte ich von ihm erhalten, seitdem er sich mit seinem „Vergiss mich nicht" aus dem Staub gemacht hatte. Und ich würde ihn nicht vergessen, denn sonst wäre ich nicht nach London gekommen. Genau wie Noemi empfanden meine neuen Mitbewohner meinen Entschluss als Hochromantisch, das Problem an der ganzen Sache war nur, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich an Harry herankommen sollte. Seine Nummer stand nicht im Telefonbuch, welches ich aus einer alten Kommode unseres Flurs herausgefischt hatte, und sein Nummernschild hatte ich mir auch nicht gemerkt. Der einzige Anhaltspunkt, den ich hatte, war sein Reiseführer. Und der Verlag, für den Harry laut Google arbeitete.

X

Auch, wenn ich wusste, dass Harry nicht da sein würde, fand ich mich am Nachmittag in der Tube in Richtung Paternoster Square, dem Viertel, in welcher der Verlag seinen Hauptsitz hatte, wieder und spielte nervös mit dem Reißverschluss meiner Handtasche. Trotz des kühlen Wetters war mein Kopf unglaublich war und ich konnte nicht damit aufhören, mir vorzustellen, dass ich Harry schon in wenigen Minuten in die Arme fallen würde.

Mit hoher Geschwindigkeit bretterte die Tube unter dem Leben der Stadt herum, hielt alle paar Minuten, wobei manche Menschen einstiegen und andere wieder heraus. Doch ich blieb stets sitzen. Sogar zulange. Ich war so nervös, dass ich, als meine Station aufgerufen wurde, mich nicht von meinem Platz erheben konnte, also blieb ich einfach sitzen und biss die Zähne zusammen.

Ich hatte keinen Liebeskummer, da mein Unterbewusstsein noch nicht so ganz verstanden hatte, dass Harry sich von mir getrennt hatte. Irgendwie dachte ich immer noch, alles wäre wie immer, nur dass wir nicht wusste, wo der jeweils andere war. Doch mein Herz schlug noch immer, als würde ich von Harry geliebt werden, und ich wusste, dass irgendwo, ganz in der Nähe von mir, auch Harrys Lungen sich mit frischem Atem füllten, welchen ich ihm erst vor wenigen Tage noch mit einem liebenden Blick geraubt hatte.

Meine Zähne knirschten, als ich mich mit aller Willenskraft dazu zwang, endlich die Tube zu verlassen, und da ich meinen Beinen nicht mehr wirklich vertraute, ging ich auf Nummer Sicher und stand schon einige Zeit vor dem eigentlichen Erreichen der nächsten U-Bahn-Station auf, um ja nicht noch weiter wegzufahren vom Paternoster Square.

Als ich es schließlich geschafft hatte, die Bahn zu verlassen, dauerte es nicht mehr lange, bis ich Eve entdeckte, die mir versprochen hatte, mich zum Verlag zu begleiten. Es war ihre Idee gewesen, diesen aufzusuchen, also hatte ich zugestimmt. Außerdem hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt, hätte ich nein gesagt, da sie sich in den letzten Tagen einfach hoffnungslos in unsere Liebesgeschichte verliebt hatte und mir ständig neue Vorschläge machte, wie ich Harry finden könnte. Leider waren so gut wie alle davon nicht wirklich schlüssig, doch ich konnte es ihr - als frisch verpackte Anglistik -Studentin und Romantikerin von Herz und Seele - nicht verübeln.

„Zoé, Zoé, schon aufgeregt?" Ihre Augen funkelten begeistert, als würde sie das Happy End eines nervenaufreibenden Dramas herbeisehnen, während ihre silbrig gefärbten Haare in einem losen Dutt auf ihrem Kopf auf und ab wippten.

„Geht so", log ich und auch, wenn mir klar war, dass sie mir den Schwindel nicht abkaufte, sprach sie:

„Ich dafür umso mehr!"

Eve gab sowohl die Richtung als auch das Tempo an, weshalb wir nach einigen Minuten zügiges Gehen erfolgreich das große Gebäude, in welchem der Verlag seinen Sitz hatte, erreicht hatten.

„Er wird nicht da sein.", flüsterte ich eher mir selbst zu als Eve, aber dennoch erklang kurz darauf bereits ihr amerikanischer Akzent:

„Sei doch nicht so optimistisch, du musst hoffnungsvoll sein, wenn du die Liebe deines Lebens wiederfinden willst."

Am Riemen meiner Handtasche zog mich die junge Studentin wider Willen durch eine große Eingangstür zur Rezeption, an welcher eine Dame bemüht beschäftigt tat.

„Entschuldigung, ist Mister Styles im Haus?", redete Eve diese auch gleich an und erschreckte die Frau, weshalb sie Eve einen genervten Blick zuschob, doch meine Mitbewohnerin strich sich nur gelassen die Jacke glatt.

„Haben Sie einen Termin?"

„Ist er im Haus?"

Auf Eves widerholte Frage rückte die linke Augenbraue der Frau nur noch ein Stückchen weiter in die Höhe und man sah ihr an, dass sie keine Lust auf dieses Gespräch hatte. Wir sahen wohl weder aus wie potentielle Kunden, noch wie die Institutionstester vom Dienst.

Eve räusperte sich wartend und stieß mir leicht ihren Ellbogen zwischen die Rippen, während sich vor Aufregung meine Nackenhaare aufstellten.

Betont selbstbewusst rollte ich meine Schultern nach hinten, legte meinen Kopf schief und dachte daran, wie sehr ich Harry bei mir haben wollte, ehe ich Eves Frage mit Nachdruck in der Stimme und holprigem Akzent erneut wiederholte:

„Ist Harry Styles im Haus?"

„Nein", stöhnte die Frau mehr als genervt und wollte sich gerade von uns abwenden, als Eve und ich beinahe gleichzeitig sprachen.

„Dann machen Sie einen Termin aus."



Angehängt ist ein Bild von Eve (jap, it's Cara)

Jetzt ist's vielleicht noch ein bisschen langweilig, aber ich verspreche euch, dass das schon im nächsten Kapitel ganz anders wird hrhrhr :D

Alles Liebe und Viel Spaß mit dem Kapitel, Hannah

Itchy FeetLies diese Geschichte KOSTENLOS!