Die richtige Entscheidung?

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30.Mai.1941

Seit diesem Vorfall beschloss ich, niemals mehr einen Mann an mich heranzulassen.
Mein Vater hatte zwar früher versucht mich mir reichen Männern zusammenzubringen, gab es aber vor Kurzem auf, da er einsah, dass ich keine Lust auf die vielen Dates hatte.
Er hatte mir erst gestern gedroht, dass wenn ich nicht bald jemanden heirate, in kürzester Zeit aus dem Hotel verschwinden muss, da er meinte, er wolle mich nicht länger ernähren.
Meinem Vater hatte ich auch nichts von der Vergewaltigung erzählt.
Vielleicht hätte er dann Verständnis gehabt?
Ich wusste jedoch, dass dies nicht der Fall sein würde, da er wie die anderen Nazionalsozialisten die Stellung vertrete, die Frau müsse dem Mann gehorchen;
- Vergewaltigungen in begriffen.
Ich redete aber auch im Allgemeinen nicht gerne über diese schlimme Nacht.
Nicht einmal mit meiner Besten Freundin Charlotte hatte ich das Gespräch aufgesucht.
Ich beobachtete noch eine Weile lang die Decke in meinem Hotelzimmer und ging dann in das Bad, um mich fertig für den Tag zu machen.
Ich schaute in den Spiegel.
Meine blauen Augen strahlten heute besonders stark und mein braunes, langes Haar glänzte im Sonnenlicht, welches durch das Fenster ins Zimmer schien.
Ich hatte eine Stupsnase und ein etwas schmalere Gesicht, was meine Wangenknochen besonders zur Geltung brachte.
Meine Lippen waren das, was man zu meiner Zeit als normal beschreiben würde.
Nachdem ich lange überlegt hatte, was ich mit meinem Gesicht und mit meinen Haaren machen sollte, ließ ich meine Haare offen und trug roten Lippenstift und weinrotes Rouge auf meine Wangenknochen auf.
Anschließend ging ich zum Kleiderschrank, um mir ein Kleid herauszusuchen.
Ich entschied mich für ein etwas dünneres, rotes Kleid, das bis zu meinen Fussknöcheln ging.
Die Ärmel des Kleides gingen mir bis zur Schulter und waren mit Spitze verarbeitet.
Das Kleid schmiegte sich an meinen schmalen Körper und betonte meine Silhouette besonders.
Ich schaute nochmal in den Spiegel und setzte mich für eine Weile an das Fenster.
Dort wo früher die Kinder gespielt hatten, sah man nun Jugendliche, die der Hitlerjugend angehörten, und Juden beschimpften.
Es scheinen die Kinder von früher zu sein, die nun zu Jugendlichen herangewachsen waren.
Ich wollte und konnte mir das nicht länger ansehen.
Sagen wollte ich jedoch auch nichts, denn ich wusste, dass sie mich niederschlagen würden.
Seit Hitler 1931 an die Macht gekommen war, hatte sich Vieles verändert.
Und das meist nicht in postivem Sinne.
Es wurden Konzentrationslager bzw. Arbeitslager errichtet, in denen Juden bis zum Tod schuften müssen.
Nicht arbeitsfähige Menschen werden dort ohne Zögerung ermordet.
Wie sie ermordet werden weiss jedoch fast keiner.
Manche sagen aber, dass sie dort in Gaskammern vergast werden,oder dass sie in Gräbern erschossen werden .
Es ist furchtbar.
Ich schüttelte mich von dem schrecklichen Gedanken.
Ich bin kein Anhänger dieser Regierung, jedoch hatte ich Angst mich zu wiedersetzen, denn dann drohte mir schreckliche Gewalt und möglicherweise sogar Folter.
Also beschloss ich nach Draußen zu gehen, um etwas mit Charlotte spazieren zu gehen.
Es war inzwischen Sonntagvormittags und die Sonne schien, während draußen warme Früglingstemperaturen herrschten.
Der Duft von Kirschblüten stieß mir entgegen.
Ich genoss diesen süssen Duft, und stellte mich kurz zu einer der Kirschbäume, die vor unserem Hotel an der Strasse standen und brach einen Zweig ab, welchen ich mir in mein Haar steckte.
Daraufhin lief ich zwei Strassen mit fröhlichem Frühlingsgefühl weiter, um Charlotte zu holen.
Als ich an ihrem Haus angekommen war, klingelte ich.
Charlottes Haus ähnelte einer kleinen, vornehmen Villa, die weiss gestrichen war und einen grossen Garten mit einem Pavillon besass.
Mir machte Charlotte persönlich auf, und ihr Gesicht erhellte als sie mich sah.
Fröhlich fragte sie mich, wieso ich denn hier sei, und bat mich freundlich herein.
Ich ging dieser Bitte nach und betrat das Haus, welches mir nicht fremd war.
Anschließend erklärte ich ihr, dass ich nur gekommen war, um mit ihr spazieren zu gehen.
Also ging sie ein Stockwerk höher, um sich umzuziehen.
Während sie sich oben umzog, beobachtete ich die vielen Bilder die an der Wand hingen.
Auf den meisten war sie mit ihrem Ehegatten zu sehen.
Sie wirkten auf allen Bildern sehr fröhlich und schienen Spaß zu haben.
Ihr Gatte war mir in sehr guter Erinnerung geblieben.
Er war ein sehr fröhlicher und lieber Mensch, der sich sehr gut um Charlotte kümmerte.
Das Einzige was mich an ihm störte, war die Tatsache, dass auch er ein überzeugter Nazionalsozialist war, und ein Offizier der SS noch bis heute ist.
Als ich hörte wie Charlotte die Treppen hinunterging, bewegte ich mich in Richtung Tür.

"Na dann lass uns mal rausgehen"

Sagte sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Als wir eine halbe Stunde lang gegangen waren , fiel mein Blick auf ein Plakat, das an einer Wand des Rathauses befestigt war.
Darauf stand:

" Frauen!

Helft mit bei der Wehrmacht und unterstützt eure Männer, Väter und Brüder!

Bei Interesse wenden Sie sich an das Rathaus."

"Lotte? Das wäre doch meine Lösung!
Ich könnte legal arbeiten, dabei Geld verdienen und müsste niemanden zwangsheiraten!"

Ich zeigte dabei auf das Plakat.

"Aber Grace, sieh doch mal....das ist doch nichts für Frauen. Frauen sind dafür geschaffen worden, um im Haushalt zu helfen und Kinder zu gebären! Natürlich ist das Unterstützen der Männer im Krieg immer eine gute Sache. Aber du würdest ihnen doch mehr helfen, wenn du einen von ihnen mehrere Kinder schenken würdest. "

Ich verstand sie nicht.
Charlotte war schon immer eine Überzeugte Regime-Anhängerin gewesen, und tat so als wäre das, was sich hier abspielte mit den Frauen, das Normalste auf der Welt.
Ich war zwar keine Anhängerin, aber dies war meine einzige Möglichkeit Geld einzubringen und aus der Heiratsschublade zu entkommen.
Jedoch hatte ich ein schlechtes Gewissen.
Wenn ich mich dort registrieren sollte, dann würde ich doch die Regierung unterstützen.
Charlotte unterbrach meinen Gedankenzweig;

"Schätzchen, komm lass uns weitergehen, das ist nichts für uns."

Jedoch zögerte ich.
Irgendetwas ließ mich zögern.
War es die Ungewissheit, ob es die falsche Entscheidung wäre, jetzt einfach wegzugehen?

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Wird Grace sich für die Wehrfront entscheiden?

Liebe niemals deinen FeindWo Geschichten leben. Entdecke jetzt