Prolog

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>sometimes we just forget ourselves

„Sag' mal, spinnst du eigentlich?", schrie ich meinen besten Freund an und erwartete irgendein Zeichen von Reue, aber ich hatte mich gewaltig in ihm getäuscht. Denn nicht etwa Reue war in seinem Gesicht zu sehen, nein, das komplette Gegenteil. Wut und Anzeichen darauf, dass er überhaupt nichts zu bereuen schien. Was war nur mit ihm los? Was war mit ihm passiert?

„Die Frage sollte sein, ob du eigentlich noch bei allen Sinnen bist, Simon - Simon! - mein Geheimnis zu erzählen? Was ist in dich gefahren?", schrie er nun mich an, obwohl ich ihm so oft versichert hatte, dass ich das nicht gewesen war. Und nicht etwa, um eine Diskussion mit Louis zu umgehen, darin waren wir ja Meister. Das wäre also kein Problem für mich gewesen, denn ich konnte ihm durchaus Contra geben. Das Problem dieses Mal war nur, dass er mir nicht glauben wollte.

„Ich war das nicht! Ehrlich! Warum sollte ich dich anlügen? Oder noch besser, warum sollte ich dein Geheimnis weitersagen? Ich hätte keinen Grund dafür", sagte ich nun mit ruhiger Stimme und langsam wurde ich einfach nur noch traurig. Nicht mehr wütend oder aufbrausend, plötzlich wurde ich ganz ruhig und traurig und enttäuscht. Warum glaubte er mir nicht?

„Weil du eifersüchtig bist, vielleicht?!" Louis allerdings kam nicht mal im Traum auf die Idee, runterzukommen. Und so kannte ich ihn nicht, so wütend war er zuvor noch nie gewesen.

„Eifersüchtig?", fragte ich nun etwas aus der Bahn geworfen. Worauf, zum Teufel, sollte ich eifersüchtig sein?

„Ja, eifersüchtig! Auf Lena vielleicht? Weil ich ihr andere und mehr Aufmerksam schenke, als dir? Weil du Gefühle für mich hast?", fragte er nun herausfordernd und ich verstand nun überhaupt nichts mehr. Wie kam er bitte darauf und wieso klang seine Stimme so herausfordernd, als würde er mich in die Enge drängen wollen? Dieser Junge brachte mich mit seiner Fantasie noch um. Fantasie hatte er immer schon, aber solche Ausmaße hatte sie noch nie angenommen.

„Du spinnst doch. Selbst wenn, so etwas Schlimmes würde ich niemals tun. Und das weißt du auch." Trauer schwang in meiner Stimme mit und ich ließ mich noch tiefer in mein Bett sinken, Louis jedoch blieb stehen. Wie zuvor auch schon.

„Lügnerin!", schrie Louis noch aufgebrachter und seinen Stimmungswandel verstand ich absolut nicht. Wütend stapfte er aus meinem Zimmer und rannte die Treppe runter, rief meiner Mutter noch einen Gruß von seiner Mutter zu und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Wieder fragte ich mich, was in ihn gefahren war, doch die Antwort würde ich wohl nie bekommen. Denn heute war mein letzter Tag hier, in London gewesen. Nicht für immer, aber für die nächsten sieben Jahre.

Die Staaten warteten auf mich und meine Eltern, denn mein Vater hatte dort ein Jobangebot bekommen, das er nicht abschlagen konnte.

„Schatz? Alles okay?", fragte meine Mutter besorgt, als sie mein fast schon leeres Zimmer betrat.

„Ja." Meine Stimme klang nicht wirklich überzeugend.

„Du weißt, dass ich dir das nicht abkaufe, nicht wahr? Also, was ist passiert? Louis sah wütend aus, als er das Haus verlassen hat", stellte sie fest und setzte sich zu mir aufs Bett.

„Ich soll ein Geheimnis verraten haben, aber das habe ich nicht. Und er glaubt, ich wäre in ihn verliebt und eifersüchtig auf diese Lena. Aber das bin ich nicht! Er ist doch mein bester Freund", sagte ich weinerlich und die ersten Tränen rollten schon meine Wangen hinunter.

„Das hört sich ja alles nicht besonders gut an. Hat er sich denn wenigstens ordentlich verabschiedet?", sagte meine Mama und wischte mir die Tränen weg. Als ich den Kopf schüttelte und leise zu schluchzen anfing, seufzte sie. „Es tut mir so leid, aber du musst jetzt schlafen. Wir brechen morgen früh auf und du musst ausgeschlafen sein. Vielleicht ist er ja morgen zum Winken da, mein Mäuschen. Ich telefoniere noch Mal mit Mia."

Dankbar nickte ich und sah ihr nach, als sie nach einem Gutenachtkuss das Zimmer verließ. Tausende Gedanken schwirrten durch meinen Kopf. Wer hatte das Geheimnis verraten? Soweit ich wusste, war ich die einzige, die davon wusste. Abgesehen von seiner und meiner Familie natürlich. Hatte er es sonst noch jemandem erzählt, den ich nicht kannte? Oder vielleicht Lena? Hätte sie es verraten, wäre das schrecklich. Sie hätte ihm das Herz damit gebrochen und das war absolut das Letzte, was ich ihm wünschte. Er hatte etwas anderes verdient.

Doch wer wusste es sonst noch?

Mir fiel auf diese Frage keine gute Antwort mehr ein und schlief schließlich mit meinen Gedanken bei Louis ein.

Als ich am nächsten Morgen von meiner Mutter aufgeweckt wurde, war es noch dunkel.

„So, Liebling. Heute ist der große Tag. Putz' dir die Zähne und zieh' dich an. Danach packen wir die letzten Sachen zusammen ein, ja?", sagte sie lächelnd. Ich nickte und lächelte ebenfalls.

Als das alles erledigt war, setzten wir uns in unser Auto und ich wartete auf Louis. Er sollte eigentlich kommen, um mich zu verabschieden. Wir waren doch beste Freunde, nicht wahr? Und wir würden uns jetzt sieben Jahre lang nicht mehr oder wenn, dann ganz wenig, sehen. War ich es nicht wert, dass er mich verabschiedete?

Doch er kam nicht und verletzte mich damit so sehr, wie niemand anderes es je zuvor getan hatte. Von meinen anderen Freunden hatte ich mich schon in der Schule verabschiedet, deshalb war es nicht ganz so schlimm, dass sie nicht gekommen waren. Es war ja immerhin noch sehr früh. Aber von Louis hatte ich anderes erwartete. So gingen wir in Streit auseinander, und wer wusste schon, was in sieben Jahren alles geschehen konnte? Mit diesem Gedanken im Hinterkopf machten wir uns auf den Weg nach New York. Und ich bekam nicht mal eine SMS von Louis, wie sich später herausstellte, als wir landeten.

Starlight #Wattys2016Lies diese Geschichte KOSTENLOS!